Es ist 1996, meine Freundin ist weg und bräunt sich ... Stimmt gar nicht. Es ist 2018, bloß dass man das leicht vergisst. Denn junge Leute tragen heute wieder riesige Markenlogos, Tangas, die ihnen hinten aus der Hose ragen und Daunenjacken von Helly Hansen. Manche behaupten, die Jugend würde nicht mehr rebellieren. Sie irren: Die Jugend rebelliert, indem sie die Modesünden der Älteren genüsslich noch einmal aufführt. Wer sich vor Schmerzen krümmt bei der unverhofften Wiederbegegnung mit weißen, langsam ins Gelblich-Gräuliche changierenden Plateauschuhen: Tja, der wird alt.

Das Neunziger-Jahre-Revival ist in vollem Gange, in der Mode und auch im Pop. Man kommt bei all den reunions und Gedächtniskonzerten kaum mehr hinterher. Allein die Hamburger Künstler: Im Oktober erschien mit Flash ein neues Album der HipHopper Fünf Sterne deluxe, das erste seit 17 Jahren. Im Dezember folgte mit Gebäck in the Days ein Live-Album von Fettes Brot, das ausschließlich alte Songs enthält (wie Jein: "Es ist 1996, meine Freundin …" und so weiter). Im März veröffentlichten die Techno-Pioniere U96 (Das Boot) mit Zukunftsmusik den ersten neuen Song seit Jahren, ein Album soll folgen. Und jetzt kommt die neue Platte von Sasha.

Sasha, der Ende der Neunziger als Background-Sänger der Rapperin Young Deenay auftauchte und sich schnell aus ihrem Schatten löste. Sasha, der mit If you believe und I’m still waitin’ zwei der penetrantesten Ohrwürmer des an penetranten Ohrwürmern nicht armen Jahrzehnts sang. Sasha, der zum Teenie-Schwarm wurde und zum Dauergast auf dem Bravo-Cover. Sasha, der zuletzt in einer doppelten Distanzierungsgeste nur noch unter dem Namen Dick Brave auftrat und Rockabilly statt Popsongs spielte (auch sehr erfolgreich).

Dieser Sasha heißt jetzt wieder Sasha. Aber er macht Musik, bei der etwas Entscheidendes anders ist. Sein Album trägt den Titel Schlüsselkind, denn Sasha singt jetzt deutsch. Leider.

Musikalisch ist gegen Schlüsselkind nichts einzuwenden. Balladen mit Pianobegleitung wechseln sich ab mit bombastischem Streicher- und Panflötenfunk, mit AC/DC-Riffs, Bläsersätzen und Chören im Falsettgesang, dazu enthält das Album Spuren von Country und Raggae. Das ist alles etwas glatt produziert, aber so unverschämt aus einem halben Jahrhundert Popgeschichte zusammengeklaut und neu verbaut, dass es eine Freude ist.

Wenn bloß die Texte nicht wären! Auf Ewigkeitsschwüre ("mit uns wird es immer wie immer sein") folgen Übertreibungen ("jeder Millimeter ist 110 Prozent gelebt") und missglückte Goethe-Zitate ("Zwei Herzen, in meiner Brust schlagen zwei Herzen"). Dazu: Schiefe Bilder, wie sie heute üblich sind im sich feingeistig gebenden Deutschpop. "Ich trink den Augenblick auf Ex", röhrt Sasha, und das heißt dann wohl, dass er den Augenblick nicht auskostet. Aber wieso zeigt er seiner Ex nicht den Mittelfinger, sondern einen "großen Mittelfinger mit deinem Namen drauf"?

Wenn Sasha singt: "Jeder Augenblick mit dir ist wie ein Polaroid", dann ist das schon deshalb Quatsch, weil Polaroids länger als nur einen Augenblick dauern. Auslöser drücken, den Film aus dem Apparat ziehen, schütteln, warten, langsam die Konturen erkennen: Das Verstreichen der Zeit ist ja gerade der Reiz des Polaroids. Aber klar: Sänge Sasha "Jeder Augenblick mit dir ist wie wenn ich die ganze Zeit mit dem Handy draufhalte und filme", dann wäre das eine plausible Aussage, aber nicht sehr romantisch.

So geht es in einer Tour. Man soll diese Texte fühlen, nicht verstehen. Hört man aber hin, gleicht ihre Wirkung jener der gelblich-gräulichen Plateauschuhe. Der deutlichste Unterschied zwischen Popmusik und Schlager, das zeigt Schlüsselkind, ist auch im Jahr 2018 die Sprache.

"Schlüsselkind" erscheint am 13. April, Konzert am 17. Oktober im Mehr!-Theater.