Beim obersten Schrebergärtner der Schweiz stehen die Tomaten und Kartoffeln noch in der Stube, manche im Schlafzimmer; einfach dort, wo das Klima gerade stimmt. Bald will Werner Hermann die Setzlinge pflanzen, in seinen Garten in Reussbühl-Littau, im Kanton Luzern.

Das Gärtnern sei seit 38 Jahren sein liebstes Hobby, sagt er, und ein schöner Ausgleich zum Beruf. Der pensionierte Bundesangestellte leitet den Schweizer Familiengärtner-Verband mit seinen 23.000 Mitgliedern, und mit der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Gartenfreund erhalten diese eine Broschüre mit dem verheißungsvollen Titel: Positivliste 2018. Dünger, Erden, Pflanzenschutzmittel und Nützlinge für biologische Kleingärten.

90 bis 95 Prozent der Pestizidmengen, die in der Schweiz jährlich verwendet werden, bringen die Landwirte aus. Aber fünf bis zehn Prozent, also 110 bis 220 Tonnen, verspritzen Hobbygärtner.

Werner Hermann möchte seine Mitglieder dazu bringen, in ihren Gärten keine Pestizide mehr zu verwenden. Künstliche Pflanzenschutzmittel also, die gegen Pilze, Unkraut, Schädlinge wirken, aber umstritten sind, weil sie Nützlinge töten, Regenwürmer beduselt machen, den Vögeln die Nahrung rauben und das Wasser verunreinigen. Am liebsten wäre Hermann ein Pestizidverbot. Doch zu einem solchen konnte sich die Politik bisher nicht durchringen. Deshalb behilft sich der Familiengärtner-Verband mit einer Liste, die das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) und die Stadt Zürich gemeinsam erarbeitet haben. Im Dokument sind Hunderte von Mitteln aufgeführt, die im biologisch gepflegten Kleingarten verwendet werden dürfen. Zusammen mit den Angaben, wo diese gekauft werden können.

Fortgeschrittene Gärtner dürften mit dem 28-seitigen Heft zurechtkommen und das richtige Mittel finden, wenn ihre Karotten von der Alternaria-Möhrenschwärze oder ihr Gemüse von Weißen Fliegen befallen ist. Anfänger hingegen dürften schon auf den ersten Seiten, bei den Titeln, scheitern. Und sich nicht entscheiden können, ob ein stickstoff- oder ein kaliumreicher Dünger, ein Mehrstoffnährdünger oder doch eher ein Kalk-, Magnesium- und Schwefeldünger das Richtige für ihre Pflanzen ist.

Seit 2001 dürfen Private in der Schweiz ihre Unkrautvertilger nicht überall anwenden. Verboten sind diese auf befestigten Plätzen und Wegen, Dächern und Terrassen, in Hecken, entlang von Straßen und in der Nähe von Gewässern. Zu groß ist die Gefahr, dass die Mittel in die Flüsse und Bäche geraten.

Ob sich die Leute auch daran halten, ist jedoch fraglich. Als das Gesetz neun Jahre in Kraft war, zeigte eine Befragung, dass 50 Prozent der Hobbygärtner noch nie vom Verbot gehört hatten. Also spritzen sie, was das Zeug hält. Ob gegen Löwenzahn, der zwischen den Gartenplatten sprießt, oder gegen unerwünschte Beikräuter im Rasen oder den Gemüsebeeten.

Wenn es nach der Grünen Nationalrätin Maya Graf geht, soll damit nun Schluss sein. Mit einer Motion hat sie vor einem Monat verlangt, dass Amateure nicht länger mit den chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln hantieren dürfen. Verschiedene Organisationen, darunter auch Bioterra und der Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA), unterstützen ein solches Verbot. Und sogar Bauernverbandspräsident Markus Ritter warb neulich im Tages-Anzeiger für ein Pestizidverbot im Hobbygarten. "Es braucht im Umgang mit solchen Stoffen Wissen und Professionalität", sagt er. Gut möglich, dass Ritter mit seiner Offenheit gegenüber einem solchen Verbot von der großen Pestizid-Diskussion ablenken will, der er sich bald stellen muss. Dann nämlich, wenn über die radikale Trinkwasserinitiative abgestimmt wird. Diese verlangt unter anderem, dass Landwirte nur noch staatliche Subventionen erhalten, wenn sie keine Pestizide verwenden.

Maya Graf liege "absolut richtig", das findet auch Hans Grob. Er hat sich ein Berufsleben lang für den naturnahen Gartenbau eingesetzt. Als Biogartenberater, Kompostier-Lehrer, Schrebergarten-Visionär. Zehn Jahre lang war er bei Grün Stadt Zürich verantwortlich für die 5.500 Familiengärten und weiß, wie schwierig es ist, das naturnahe Gärtnern durchzusetzen, das auch die Stadt von ihren Pächtern verlangt.