Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Der Seniorenkreis hat ein Nachwuchsproblem. Schon so manche Seniorenkreisleiterin klagte mir ihr Leid. Nach vielen Jahren des ehrenamtlichen Engagements mussten sie feststellen, dass keine neuen Teilnehmerinnen – Männer gibt es dort ja eh selten – nachkamen. Aber wer wacht schon auch morgens auf und denkt sich: "Gestern ging ich noch zum Tennis, aber ab heute bin ich reif für die Frauenhilfe"? Menschen werden heute anders alt, und es sind andere Menschen, die da älter werden. Wer heute Ende 60 ist, dessen Held der Jugend hieß inzwischen schon Rudi Dutschke und nicht mehr Freddy Quinn. Mit 70 ist man heute bei Facebook oder auf Lanzarote unterwegs und möchte nicht einen Nachmittag lang Sahnetorte essen und "Ännchen von Tharau" singen.

Doch es liegt nicht nur am Inhalt, sondern zunehmend an der Form: Der Kreis läuft nicht mehr rund. Und das gilt vielerorts nicht nur für den Seniorenkreis, sondern auch für den Jugendkreis, den Bibelkreis, den Handarbeitskreis, den Besuchsdienstkreis, den Hauskreis, den Predigtgesprächskreis und den Tschernobylkreis.

Nun ist es so, dass die geometrische Form des Kreises kein Ende hat und zudem nach außen hin geschlossen ist. Daher der Anspruch, der Seniorenkreis müsse bis zur Wiederkunft des Herrn fortbestehen, mindestens. Es gibt nicht wenige kirchliche Kreise, die über die Jahre eine solche Eigendynamik entwickelt zu haben scheinen, dass man eigentlich auch ganz froh ist, unter sich zu sein, und wo man gar nicht so gerne neue Gesichter sieht, die man dann mühsam integrieren muss.

Aber es gibt auch die, die sich aufrichtig wünschen, größer, bunter und vor allem jünger zu werden, und nicht so recht verstehen, dass niemand Neues kommt, obwohl doch schon zweimal im Gottesdienst dazu eingeladen wurde. Vielen Haupt- und Ehrenamtlichen gilt der Kreis nach wie vor als Zeichen für die Vitalität einer Kirchengemeinde. Volkskirche ist da lebendig, wo möglichst viele Menschen in möglichst viele Kreise eingebunden sind, so das Ideal, das nicht nur an den religiösen Bedürfnissen der Generation Y deutlich vorbeigeht.

Gemeinsam gelebter Glaube kann auch ganz anders aussehen, als sich jeden Mittwoch um 19.30 Uhr im Gemeindehaus zu treffen. Die Chorarbeit hat darauf teilweise schon reagiert, und so gibt es vermehrt Projektchöre, in denen auf Zeit, aber nicht weniger fröhlich miteinander gesungen wird. Das Projekthafte, das Einmalige und zeitlich Begrenzte wird allerdings im Vergleich mit dem Kreis noch zu oft abgewertet und als notwendiges Übel betrachtet, "weil sich ja heutzutage keiner mehr festlegen will".

Doch Kulturpessimismus bringt die Kirche selten weiter, wenn es darum geht, die Frohe Botschaft mitzuteilen. Und die ruft zunächst einmal in die Freiheit und nicht zwangsläufig irgendwann in den Seniorenkreis.