Simone Lange konnte nicht ahnen, was sie lostreten würde, als sie am 12. Februar 2018 um 14.35 Uhr eine Nachricht an den Chef ihres SPD-Ortsvereins ins Handy tippte: "Kandidiere zum BuVo".

BuVo – das heißt in der Sprache der SPD: Bundesvorsitz. Oder auf Deutsch: Simone Lange, eine frühere Kriminalpolizistin, heute Oberbürgermeisterin von Flensburg, kündigte mit der Nachricht an, dass sie Chefin der traditionsreichsten Partei Deutschlands werden wolle.

Da konnte sie noch nicht wissen, wie groß der Jubel über sie sein würde – aber auch der Widerstand gegen sie. Und wie schnell sie gezwungen sein würde, sich Professionalität wie auch Dickfelligkeit zuzulegen.

Sie konnte nur lesen, was ihr der Chef des SPD-Ortsvereins sofort zurückschrieb: "Oh ha."

Am 22. April wird es auf dem Wiesbadener Parteitag zu einer Kampfabstimmung kommen: Simone Lange gegen Andrea Nahles, die Lokalpolitikerin gegen die Fraktionschefin, die junge Frau, die erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal das Willy-Brandt-Haus, die Parteizentrale, von innen gesehen hat, gegen die Kandidatin des Bundesvorstands. Lange hatte nur neuneinhalb Wochen Zeit, um für sich zu werben, in Ortsvereinen, in Gaststätten überall in der Republik. Wenn man sie dabei begleitet, erlebt man eine Außenseiterin, die etwas auslöst bei ihren Zuhörern, eine Amateurin, die aus ihren Schwächen eine Tugend macht – und eine Frau, die plötzlich Lust auf ein Amt hat, das ihr eigentlich niemand zutraut.

Als man die 41-Jährige zum ersten Mal trifft, ist es Mitte Februar, und hinter der SPD liegen Tage des Chaos und der Selbstzerfleischung. Mitten im Ringen um eine erneute Regierungsbeteiligung ist Martin Schulz als Vorsitzender zurückgetreten. Der engste Führungszirkel will Andrea Nahles gegen die Parteistatuten als kommissarische Vorsitzende einsetzen. Doch Teile der Partei rebellieren. Auch Simone Lange ist aufgebracht. Sie ärgert sich schon seit Monaten über das Treiben an der Parteispitze. Bis zu jenem Tag, an dem sie die Handynachricht verschickt, habe sie gehofft, dass irgendjemand in der Partei Nahles herausfordern werde, sagt sie. Doch keiner tat es. "Da dachte ich mir: Entweder ich trete aus, oder ich trete vor."

Ein paar Tage später in einem Flensburger Lokal. Lange wirkt noch ein wenig verblüfft über die eigene Chuzpe. An die "lieben Genossinnen und Genossen" des Parteivorstands hat sie einen Brief geschrieben. Dass eine Kandidatin "ohne große Diskussion durchgewunken" werde, zeuge nicht von einem Neuanfang und bestätige nur "das Ohnmachtsgefühl vieler" in der SPD. Ihre Gegenkandidatur habe vor allem ein Ziel: "Ich will der Partei eine Wahl ermöglichen."

Seither wird Lange ständig gefragt, wie ernst sie das alles meine. Anfang März, wenige Wochen nachdem sie ihre Kandidatur bekannt gegeben hat, bricht es kurz nach Mitternacht aus ihr heraus. "Wenn ich eins hasse: wenn Menschen nicht ernst genommen werden!!!!!", schreibt sie auf Twitter.

Simone Lange, 1976 in der DDR geboren, wuchs in Rudolstadt in Thüringen auf. Als sie 13 Jahre alt und Thälmann-Pionierin war, fiel die Mauer. Seitdem sei ihr das Glück der Demokratie bewusst, sagt sie. "Dass man aufstehen muss für Veränderungen, wenn etwas nicht mehr funktioniert", habe sie aus 1989 gelernt.

Mitte der neunziger Jahre macht Simone Lange Abitur – da war Andrea Nahles bereits Juso-Chefin und mischte beim Sturz des damaligen Parteivorsitzenden Rudolf Scharping mit. Lange zog in den Norden und begann ein Studium für den gehobenen Polizeidienst. Sie wurde Kripobeamtin in Flensburg und kümmerte sich um Gewalt- und Sexualdelikte, später um Wirtschaftskriminalität. Sie sagt, ihr Beruf habe sie furchtlos gemacht.

Als ihr früherer Polizeikollege Björn Goos von ihrer Bewerbung um den Parteivorsitz hörte, sei sein erster Gedanke gewesen: "Meine Güte, echt mutig." Er hatte mit ihr gemeinsam in Fällen von Insolvenzverschleppung ermittelt. "Simone ist verdammt hartnäckig, eine Hundertfünfzigprozentige", sagt Goos. "Ich kann nur sagen: Was sie anfängt, zieht sie durch."