Meine Sehnsucht, im Ausland zu leben, ist früh aufgetaucht und gegen Ende meiner zwanziger Jahre so übermächtig geworden, dass ich mich auf kaum etwas anderes konzentrieren konnte. Während meiner Vereidigung als baden-württembergischer Beamter habe ich eigentlich nur daran gedacht, wann ich wieder zur Lektüre von Peter Handkes Die Lehre der Sainte-Victoire würde zurückkehren können, deren naturmystischer Gehalt mich damals weniger interessierte als die Vorstellung, wie wunderbar es sein müsste, wie Handke in Paris zu wohnen. Überhaupt haben die frühen Erzählungen dieses Dichters, ebenso wie Fantasien über sein Leben im Ausland, irgendwie Pate gestanden bei meinem Entschluss, 1982 eine Lebensstellung am Waiblinger Staufer-Gymnasium auszuschlagen und als Lektor ans Londoner King’s College zu gehen. Ich hatte zu der Zeit einen wiederkehrenden Traum. Das Traum-Ich flog über ein weites Flussdelta, auf dem Dschunken und Segelschiffe kreuzten, und wusste: "Das ist China", und: "Da möchte ich sein." Die Realität meiner dann insgesamt 25 Auslandsjahre war freilich viel prosaischer als die Träume von ihnen. Und doch sind das Erlebnis, mein Leben in braunen Pappkartons verschwinden zu sehen und mit zwei Koffern ein Flugzeug zu besteigen, die ersten Spaziergänge in Tokio, Bratislava oder New York, das langsame Sich-wieder-Zusammensetzen meiner Person in der Fremde stets so überwältigend schön gewesen, dass all das mir immer viel mehr bedeutet hat als irgendeine "Heimat" (die ja sicher auch etwas sehr Schönes ist).

Was hat mir in Deutschland Anfang der achtziger Jahre so sehr gefehlt, dass ich so dringend wegwollte? Vielleicht kann ich es erst heute verstehen: indem ich bedenke, welche Erfahrungen ich mitgebracht habe. Es gibt eine erfundene Korrespondenz von Hugo von Hofmannsthal – Die Briefe des Zurückgekehrten –, deren erste Sätze wie für mich kurz vor meiner Rückkehr nach Deutschland geschrieben sind: "April 1902. So bin ich (...) wieder in Deutschland (...) und weiß selbst nicht, wie mir zumut ist. Auf dem Schiff machte ich mir Begriffe, ich machte mir Urteile im Voraus. Meine Begriffe sind mir über dem wirklichen Ansehen in diesen vier Monaten verlorengegangen, und ich weiß nicht, was an ihre Stelle getreten ist: ein zerspaltenes Gefühl von der Gegenwart, eine zerstreute Benommenheit, eine innere Unordnung, die nah an der Unzufriedenheit ist – und fast zum ersten Mal im Leben widerfährt mir, dass ein Gefühl von mir selbst sich mir aufdrängt."

Auswanderer (als einen solchen muss ich mich verstehen) konservieren in sich die Zeit, in der sie aus ihrem Land weggegangen sind. Ich habe in London Menschen getroffen, die in ihrem Habitus das Deutschland der frühen dreißiger Jahre verkörpert haben, und solche, die direkt aus den deutschen fünfziger Jahren zu kommen schienen. Wo bin ich stehen geblieben, frage ich mich heute. Welche Vorformen des heutigen Deutschland bringe ich 2018 in die Heimat zurück? Was kam mir in der Fremde vorbildlich vor? "Fast zum ersten Mal in meinem Leben widerfährt mir, dass ein Gefühl von mir selbst sich mir aufdrängt."

Dabei liegt mein Fall noch komplizierter als der des Zurückgekehrten bei Hofmannsthal. Denn ich bin insgesamt dreimal weggegangen und dann wiedergekommen. 1982 ging ich 30-jährig für zwei Jahre nach London, 1990 38-jährig für vier nach Japan und 1999 dann nach einem fünfjährigen Münchner Intermezzo als 47-Jähriger nach Krakau, worauf ich sieben polnische, zwei slowakische, vier New Yorker, sechs georgische Jahre und ein belarussisches lang überhaupt nur noch zu Besuch in Deutschland war. Sodass meine "innere Unordnung, nah an der Unzufriedenheit", mein "zerspaltenes Gefühl von der Gegenwart" und meine "zerstreute Benommenheit" sich zu denen des Hofmannsthalschen Helden verhalten wie ein dreifacher Salto zu einem Purzelbaum. Als ich 1982 ausreiste, war ich Marxist. Als ich 1990 nach Japan ging, hatte ich Michael und Katharina Rutschky kennengelernt, Richard Rorty gelesen und verstand mich als pragmatist liberal (womit ich seither nicht mehr aufgehört habe). Meine bis heute überallhin mitgeschleppten Rorty-Bände habe ich in Tokio gekauft. 1999 schließlich kam ich ins tief verschneite Krakau aus einem Deutschland, in dem meine politische Generation kurz zuvor die Regierung übernommen hatte. Sie machte es gar nicht schlecht. Joschka Fischer führte nicht mehr in der Frankfurter Karl-Marx-Buchhandlung große Reden, sondern stand als drahtiger Anzugträger dem Auswärtigen Amt vor. Als ich vor zwei Jahrzehnten zum letzten Mal ausreiste, war ich ein politisch vollkommen glücklicher Mensch.

Von da an habe ich 19 Jahre lang Deutschland und die deutschen Verhältnisse eigentlich nur noch als Leser von Zeitungen und Büchern mitbekommen. "Auf dem Schiff machte ich mir Begriffe, ich machte mir Urteile im Voraus." Und wie Hofmannsthals Zurückgekehrter habe ich alles, was mir in Osteuropa und in den USA während der letzten 19 Jahre gefiel, mit dem verglichen, was ich aus Deutschland kannte, und jedes Mal dachte ich: Dahin müssen wir auch kommen. "So sagte ich ›Deutschland‹ vor mich hin, solange ich ferne von Deutschland war." Ich habe mein Leben im Ausland, glaube ich, als eine Probe auf meinen pragmatist liberalism verstanden. Denn ein liberal, so formuliert es Rorty, bemüht sich darum, "ein immer größeres Repertoire alternativer Beschreibungen anzusammeln, nicht aber die-eine-einzig-richtige Beschreibung zu finden". Diese Haltung ist mir aber, je weiter es auf meine Pensionierung und die "Langsame Heimkehr" zuging, bei Gesprächen mit Freunden in Deutschland immer öfter in die Quere gekommen. Mir fiel auf, dass auch kluge Menschen dort eine Neigung entwickelt haben, jene "eine-einzig-richtige Beschreibung" der Dinge bei jeder sich bietenden Gelegenheit als "schweres Zeichen" in ihren Argumentationsfluss hineinzustellen. Der dadurch erstarrt. Denn wenn man mit schweren Zeichen kollidiert, ist jedes Gespräch eigentlich schon versenkt: "Staatsversagen", "Klimakatastrophe", "Gesinnungsdiktatur", "menschenverachtend", "Islamisierung", "frauenfeindlich", "Abendland", "rechts".

Die Deutschen von 2018 sind (meiner Erinnerung zufolge anders als die des Jahres 1999) keine pragmatists. Experimentelle Denkbewegungen sind ihnen eher unheimlich. Sie werden von Ideologien bewegt. Also von Vergangenheiten. Das "Vergangene wogte und dampfte, als sei es lebendiger als die Gegenwart. Die Erinnernden wurden kleine Männchen, die hinaufzeigten, in den Himmel, wo die Riesen saftig kämpften" (Martin Walser, Ein fliehendes Pferd). Die riesigen Ideologien kämpfen am Himmel über Berlin, wenn ich das als Halbausländer mal so behaupten darf. Und trotzdem will ich – ein travelling liberal pragmatist kurz vor seiner Heimkehr – mir ein Herz fassen und zwei alternative Bearbeitungsvorschläge für in Deutschland derzeit intensiv politisch diskutierte Themenkomplexe ins Gespräch bringen: weibliches Selbstbewusstsein in Osteuropa und das Selbstverständnis der Einwanderer in New York.

Schon im 19. Jahrhundert haben westeuropäische Beobachter zum Beispiel an der polnischen Gesellschaft nichts so bewundert wie die chevalereske Eleganz in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Es waren dort, fanden sie, funktionierende Ideale des männlichen Selbstverständnisses als Gentleman und der weiblichen ladylikeness zu bewundern. Aber es ging nicht nur um Eleganz. Norman Davies schreibt in seiner monumentalen polnischen Geschichte: "the typical Polish 'patriot' of the turn of the century was not the revolutionary with a revolver in his pocket, but the young lady of good family with a textbook under her shawl". Hier kommen wir dem Gemeinten näher. Das weibliche Ideal der osteuropäischen Intelligenzija ist die mutige, selbstständige, gebildete Frau, die gleichzeitig – und aufgrund dieser Tugenden – als erotisches Wesen verehrt und als Bürgerin geachtet ist. Es gibt auch im heutigen, einem viel jüngeren und hipsterhafteren Polen eine – durch den Kommunismus sogar bestärkte – Tradition der Gleichberechtigung, die Gender-Eigenschaften nicht dekonstruiert, sondern kultiviert. Das war mein beeindruckendstes Osteuropa-Erlebnis: wirkliche Gentlemen wie Adam Michnik oder Ryszard Krynicki.