Oh nein, bloß das nicht! In etwa so muss sich das Leben für Elon Musk gerade anfühlen. Der Held des Silicon Valley geht wieder dorthin, wo er nie sein wollte: ans Band. Er wolle, so beteuert er, sogar wieder in dieser Autofabrik im kalifornischen Fremont schlafen und dort dafür sorgen, dass die stockende Produktion des neuen Tesla-Modells schnell hochgefahren wird, damit Kunden und Investoren nicht die Geduld verlieren. "Das Autogeschäft ist einfach die Hölle", twitterte der 46-Jährige gerade wieder.

Tesla ist in der wohl entscheidenden Phase seines 14-jährigen und an Aufregungen reichen Firmenlebens. Würde das Unternehmen so erfolgreich Autos herstellen, wie es derzeit Schlagzeilen produziert, könnte Musk ruhig leben.

Ende März kracht ein per Autopilot gesteuerter Tesla in eine Straßenbegrenzung, der Insasse kommt ums Leben. Im selben Monat ruft das Unternehmen weltweit mehr als 100.000 Autos wegen Problemen bei der Servolenkung zurück. Der Aktienkurs bricht um 15 Prozent ein. Die Produktion der Hochvoltbatterien der neuen "Giga Factory" in der Wüste von Nevada stockt weiter – ein Grund für das größte Problem. Dass nämlich die Herstellung des neuen Model 3, eines E-Autos der Mittelklasse für den Massenmarkt, nicht schnell genug auf Touren kommt.

Die Investitionen in die Auto- und Batterieherstellung waren so gewaltig, dass Tesla im vergangenen Jahr rund 1,6 Milliarden Dollar Verlust einfuhr. Dabei haben Kunden in aller Welt eine halbe Million Model- 3-Autos vorbestellt und angezahlt. Allein: Tesla kann nicht liefern. Schon Ende 2017 sollten 5.000 Autos pro Woche aus der Fabrik rollen. Heute sind es gerade einmal 2.000. Schon versuchen Analysten wieder zu berechnen, wann Tesla das Geld ausgeht. Also setzt Elon Musk ein Zeichen – und schläft wieder in seinem Fabrikbüro.

Nur Tage zuvor erzählt Jonathan Galescu, was den Chef dort erwartet. Begleitet von zwei Kollegen, berichtet der Tesla-Mitarbeiter beim Treffen in einem mexikanischen Fast-Food-Restaurant davon, wie es zugeht in der Herstellung. Sie produzieren die bereits etablierten Tesla-Modelle, den Luxus-Viertürer Model S und den SUV namens Model X. Eine Art Vorhölle gleich neben der geheimen Neuproduktion des Model 3. E-Auto-Fahrer gelten vielleicht als nachhaltig denkende Avantgarde. Doch die Schilderungen der Tesla-Arbeiter erinnern eher an die Berichte über Arbeitsbedingungen in einer iPhone-Fabrik in Shanghai als an eine Erfolgsstory aus dem Silicon Valley.

Wild, genial, ungeduldig: Kann man so eine Autofabrik führen?

Anders als Apple baut Tesla seine Autos von Anfang an selbst in einer riesigen Fabrikhalle im Südosten der Bucht von San Francisco. Bis zu zwölf Stunden am Stück schuften hier die Bandarbeiter. Kleine Verletzungen wie ein verknackster Rücken werden von Mitarbeitern aus Angst vor Kündigung oft nicht gemeldet. Ein Grund ist: Obwohl die Autoindustrie mit der UAW eine starke Gewerkschaft hat, ist Tesla bisher nicht durch sie organisiert. Der Stundenlohn liegt mit anfangs 19 Dollar weit unter dem Durchschnitt der Autohersteller in den USA.

Musk selbst hat schon Schlimmeres überstanden, und das erklärt vielleicht, warum er Härte von seinen Leuten erwartet. Als er Ende der achtziger Jahren aus dem heimischen Südafrika nach Kanada auswanderte, heuerte er in einem Sägewerk an und bekam anfangs knapp 20 Dollar die Stunde – für die Reinigung des Heizkessels. Seinem Biografen Ashlee Vance schilderte Musk die Tätigkeit so: "Mit einer Schaufel muss man Sand, klebriges Zeug und andere Reste herausbefördern, die immer noch glühend heiß sind ... Es gibt kein Entkommen. Wenn man länger als 30 Minuten dort drinnen bleibt, wird es zu heiß, und man stirbt." Nach einer Woche seien von 30 Kollegen noch drei dabei gewesen – darunter der gerade 18 Jahre alte Musk.

Elon Musk ist ein ungewöhnlicher Typ mit einem ungewöhnlichen Leben. Hochbegabt – mit sechs Jahren trumpfte er mit astronomischen Details auf. Gemobbt – einmal wurde der vorlaute Nerd in der Schulzeit sogar bewusstlos geschlagen. Von großer Wildheit – später liebte er es, mit seinem alten russischen Kampfjet über Nevada zu jagen und dabei andere Flieger wie in den Star Wars- Filmen zu verfolgen.