In dieser Kunst bleibt nichts, wie es war. Aus Punkten werden Linien, aus Linien Bäume, aus Bäumen stolze Menschen, die rasch wieder in Punkte zerfallen, und immer so weiter, bis alle, die dabei zusehen, das leise Gefühl beschleicht, doch bitte auch der Erstarrung entkommen zu dürfen und sich zu verwandeln, in eine Linie, einen Baum, einen stolzen Menschen.

William Kentridge aus Johannesburg, einer der begehrtesten Künstler der Gegenwart, filmt, was er zeichnet, und zeichnet, was er filmt, und wer immer sich vom ruckeligen Bilderreigen mitziehen lässt, hat rasch den Eindruck, dass diese Kunst sich selbst hervortreibt, umformt und neu belebt.

Damit ist Kentridge genau der Richtige und zugleich der Grundfalsche, um sein Œuvre in der Frankfurter Liebieg-Villa auszubreiten. Sie ist ebenfalls ein Formentraum, frei zusammenkomponiert für einen Unternehmer, der am Ende des 19. Jahrhunderts wie ein Renaissance-Fürst leben wollte. Später ging das Haus an die Stadt Frankfurt, um "auf ewige Zeiten ein öffentliches Kunstmuseum" zu werden. Heute ist es das schönste Skulpturenhaus Deutschlands, mit 5.000 Jahren Kunstgeschichte in Rauchzimmer, Treppenhalle, großem Salon. Mittendrin: William Kentridge.

Im Grunde hat er hier nichts verloren, er ist kein Bildhauer und wenn doch, dann allenfalls ein moderner Pygmalion, der die tote Materie zum Leben erweckt. Die stille Einfalt der alten Skulpturen, ihre unberührbare Schönheit, trifft auf einen Künstler, der das Wandelbare zum Kern seiner Kunst macht. Was soll da herauskommen?

Schon einmal hatte das Liebieg-Haus einen zeitgenössischen Künstler in seine Sammlung eingeladen, Jeff Koons, der funkelnde Banalitäten neben den antiken Kostbarkeiten abstellte – und weiter nichts. So einfach wollte es sich Kentridge nicht machen. Mit seinen Filmprojektionen, mit Lithografien, Holz- und Linolschnitten, mit Tapisserien und Bronzen ist er in zwei Dutzend der Museumsräume vorgedrungen. Und die Büsten und Köpfe der Vergangenheit schauen seinem Treiben zu, man weiß nicht genau, ob amüsiert oder indigniert.

Manchmal stehen sie mitten im Wirbel der Kentridge-Bilder und -Rhythmen, denn Musik wird in vielen Werken zur treibenden Kraft. Es ist, als sollte die hehre Kunst ihren Sockel räumen, sollte tanzen, sich forttreiben lassen. Und doch muss sie starr das fremde Spiel über sich ergehen lassen. Ein wenig bedauert man sie schon, und ahnt zugleich, dass es ihr oft so ergangen sein muss, auch damals, als die Skulpturen noch nicht im Museum, sondern in Kapellen oder Residenzen standen. Das Leben lief an ihnen vorbei. Sie mussten bleiben.

Dann beginnt man sie zu beneiden: wie sie in sich ruhen! Wie gelassen ihr Gemüt ist, wie still ihre Größe. Während die Kentridge-Werke unbedingt rastlos sein müssen: heiter, melancholisch, immer verspielt, eine Tändelei aus Fetzen und Fragmenten. Wie glücklich dagegen all die Werke, die bleiben dürfen, was sie immer waren: Zeugnisse einer Kunst des Überdauerns.

So fühlt man sich hier, in der Liebieg-Kentridge-Villa, aufs Schönste hin- und hergerissen. Die alten und die neuen Werke widerstreben einander, ihre Eigenarten treten umso stärker hervor. Dabei macht sich die Gegenwart keineswegs rüpelhaft breit; oft schaut Kentridge sehr genau, auf welche Stücke der ständigen Sammlung er sich anspielungsreich einlassen kann und wo sich Werke aus seinem Œuvre einfügen lassen. In der Mittelalterabteilung antwortet er auf das Pietà-Motiv, im Reich der Ägypter inszeniert sich der Künstler als Archäologe. Auch in die Ahnenreihe der Porträtbüsten weiß sich Kentridge einzufädeln, nur dass seine Köpfe keine Gesichter haben. Oft sind es Hohlformen, als wäre der Porträtierte entfleucht. Oder es sind Schädel, die unter Mullbinden aus Papier zu verschwinden scheinen.

In solchen Werken tritt der politische Kentridge zutage, der in Südafrika gegen die Apartheit kämpfte und die europäische Kunstgeschichte nicht als die seine versteht. Die verachteten, geschundenen Menschen kommen in dieser Geschichte kaum vor; deshalb stellt Kentridge sie jetzt auf den Sockel. Allerdings ist das eine recht wohlfeile Geste, sie verbleibt im Allegorischen. Alle dürfen sich irgendwie gemeint fühlen; die Anerkennung bleibt aber wolkig und abstrakt. Hier erzeugt das Unverbundene seiner Werke eine Unverbindlichkeit in der Wirkung, und das rächt sich gerade dort, wo die Kunst in den politischen Hallraum vordringen möchte.

An Kentridge ist ja eigentlich das Schöne, dass ihm so viele doppelte Salti gelingen: Seine Filme schauen sich selbst bei der Entstehung zu, jede Illusion wird enttarnt. Und doch ist es eine verzauberte Entzauberung, beglückend schrullig und versponnen. Im Kentridge-Kosmos kann alles zur Kunst werden, in seinen kuriosen Automaten treten Nähmaschinen so selbstbewusst auf wie Espressokannen. Nichts aber mag ein festes Bündnis eingehen, Kentridge hält eine Schwebe, in der das Gleichgeltende vom Gleichgültigen kaum zu scheiden ist. Das kann man als seine Stärke feiern, als seine Schwäche bedauern. In jedem Fall aber wird man Kentridge vermissen, wenn er im August die Liebieg-Villa wieder verlässt. Und wird die Stille mehr genießen als zuvor.

Bis zum 26. August, www.liebieghaus.de

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