"Der eitle Mann ist eine widerwärtige Kreatur", schreibt William Penn 1693 in seinen Reflexionen und Maximen: "Er ist so sehr von sich selbst erfüllt, dass er keinen Raum für irgendetwas anderes hat, sei es noch so gut und würdig." Bei seinen "ständigen Vergleichen" lasse er "gewiss sich selbst immer besser denn alle anderen erscheinen". Deshalb kann Penn dem eitlen Schwätzer nur raten: "Wenn du zweimal nachdenkst, ehe du einmal sprichst, wirst du zweimal so gut sprechen."

Wenn William Penn etwas nicht war, dann ein eitler Mann. Und wenn er etwas berücksichtigte, dann seinen eigenen Rat, vor dem Sprechen lieber zwei- als einmal nachzudenken: Seine Aphorismen jedenfalls faszinieren auch mehr als 300 Jahre später noch. Zeigen sie doch in großer Klarheit und Prägnanz, welche Tugenden Amerika einst auszeichneten – und welchen Schaden anrichtet, wer lernbereite Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Offenheit für Zweifel durch eitle Selbstherrlichkeit ersetzt. "Staaten können nie gut verwaltet werden", schreibt Penn, "wenn nicht diejenigen, denen Ämter anvertraut sind, sich ein Gewissen daraus machen, pflichtbewusst zu arbeiten."

Hierzulande ist der 1718 verstorbene William Penn so gut wie vergessen, obwohl er einer der großen Charaktere der neueren Geschichte war: der Urvater der amerikanischen Freiheitsideale, der die Kolonie Pennsylvania gründete und Philadelphia, die erste Hauptstadt der USA. Vielen deutschen Lesern dürfte er allenfalls noch aus dem siebten Band von Joanne K. Rowlings Harry Potter- Saga bekannt sein, dem die britische Autorin eine Penn-Sentenz vorangestellt hat: "Der Tod ist nichts als das Überschreiten einer Welt, so wie Freunde das Meer bereisen. Sie leben im anderen fort", heißt es dort. "Denn dies ist der Trost von Freunden, dass, obwohl sie als tot gelten, ihre Freundschaft und Gesellschaft im besten Fall immer präsent sind, denn diese sind unsterblich."

Ganz in diesem Sinne war Penn bis ins 19. Jahrhundert überaus lebendig: Goethe beschrieb den "erhabenen William Penn" in Wilhelm Meisters Wanderjahre als einen "vorzüglichen Mann". Voltaire schwang sich in den Lettres philosophiques gar zu der Behauptung auf, Penn könne sich rühmen, "das vielbesungene Goldene Zeitalter auf die Erde geholt zu haben", nämlich die Ära aufgeklärter Freiheit und Toleranz.

Geboren wird Penn am 14. Oktober 1644 in London. Sein Vater, der Admiral William Penn, will aus seinem Sohn einen mustergültigen Gentleman machen und lässt ihm eine erstklassige Bildung zuteilwerden. Nach dem Besuch der angesehenen Lateinschule von Chigwell immatrikuliert sich der junge Penn in Oxford, verbringt einen Sommer in Paris, schreibt sich vorübergehend an der Akademie von Saumur ein und vollendet dann seine Studien als Jurist am Londoner Lincoln’s Inn, der bedeutendsten Rechtsschule Englands. Das heimische Common Law ist Penn fortan so geläufig wie das Völkerrecht und die allgemeine Rechtsphilosophie.

Als der junge Jurist 1665 seine ersten Aufträge als Anwalt erhält, befindet sich England in einer Epoche der Restauration. 1649 war der sieben Jahre währende Bürgerkrieg zwischen Monarchisten und den Anhängern des Parlamentarismus zu Ende gegangen: König Karl I. starb auf dem Schafott, England wurde Republik, regiert von ihrem großen Vorkämpfer Oliver Cromwell. Bereits zwei Jahre nach dessen Tod 1658 jedoch kehrte das Land zur Monarchie zurück: Karl II., der Sohn des enthaupteten Königs, bestieg den Thron. Er beseitigte die Errungenschaften des republikanischen Commonwealth, besann sich auf die erzkonservativen Werte einer streng monarchischen Regierungsweise und stützte sich auf die Lehren der königstreuen anglikanischen Staatskirche.

Penn indes hat nicht vor, die republikanischen Verheißungen von bürgerlicher Gleichheit und Moral widerstandslos aufzugeben. Und je weniger ihm die englische Monarchie mit ihrer starren Ständeordnung behagt, desto stärker interessiert er sich für die Ideen des radikalen Protestantismus. 1666 tritt er der noch jungen "Gesellschaft der Freunde" bei, deren Angehörige von ihren Gegnern Quäker genannt werden (von to quake = "erbeben"), eine Anspielung auf das Zittern, von dem manche "Freunde" während ihrer Andachten ergriffen werden.

Die Quäker sind eine an den Idealen des Urchristentums ausgerichtete Gemeinschaft, die sich in der kurzen Ära des Cromwellschen Commonwealth herausgebildet hat. Als "Kinder des Lichts" lehnen die für ihre Duldsamkeit bekannten Glaubensbrüder jeglichen Gebrauch von Waffen und Gewalt ab. Auch predigen sie die vollständige Gleichheit aller Menschen, die althergebrachten weltlichen und klerikalen Hierarchien sind in ihren Augen bedeutungslos. Während der Restaurationszeit werden sie deshalb staatlich verfolgt: Die Versammlungen der Quäker gelten als illegale Zusammenkünfte. Wer sich dennoch trifft, riskiert eine Haftstrafe.