Meine Tochter ist nicht unglücklich – auch wenn mir das ständig unterstellt wird. Neulich erst wieder, bei einem Spieltreffen. Da sagte eine Mutter zu mir, wie schön es doch für meine Tochter sein müsse, einen Nachmittag in einer "normalen Umgebung" zu verbringen. Als meine Tochter ein Jahr alt war, haben ihr Vater und ich uns getrennt. Jetzt ist meine Tochter sechs.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Elternabend erinnern: Alle Eltern haben sich in der Kita vorgestellt. Als ich an der Reihe war, habe ich erst mal keinen Ton rausbekommen. Es waren lauter Paare da, und ich wollte einfach nicht laut aussprechen, dass ich alleine bin.

Meine Freundinnen wollten mich unterstützen und haben deshalb versucht, mich mit anderen Alleinerziehenden in Kontakt zu bringen. Mich hat das richtig verletzt. Ich habe mich gefühlt, als ob ich 50 Kilo zugenommen hätte und mir jemand die Nummer einer dicken Freundin gibt. Ich wollte nicht zu einem Solidaritätsclub für Alleinerziehende gehören. Heute, fünf Jahre später, sehe ich das entspannter. Und ich weiß, der Kontakt zu anderen Alleinerziehenden hilft tatsächlich.

Ich kenne diese Vorurteile nur zu gut: Da ist der Erzieher, der meint, wenn sich meine Tochter aufmüpfig verhält, kann das nur daran liegen, dass ihre Eltern getrennt sind. Oder die Lehrerin, die uns ausdrücklich dafür lobt, dass wir den Alltag so klasse miteinander gestalten. Oder meine Vermieterin, die meint, ich solle froh sein, dass sie so tolerant sei, weil es ja genug Leute gebe, die jemanden in "meiner Situation" nicht aufnehmen würden. Einmal hat mich ein Mann auf einer Party gefragt, ob mein Kind überhaupt ein Wunschkind war. Ich konnte erst gar nichts sagen, dann habe ich ihn gefragt, wann er eigentlich das letzte Mal Sex hatte. Wahnsinnig peinlich, aber ich wollte ihm einfach klarmachen, wie unverschämt und privat seine Frage war. Er hat nur blöd geguckt und gelacht.

Ich weiß inzwischen, dass ich eine gute Mutter bin. Trotz der Trennung. Letzte Woche haben sich die Eltern eines Klassenkameraden meiner Tochter getrennt. Der Junge musste in der Schule fürchterlich weinen, da hat ihm meine Sechsjährige ihren Arm um die Schultern gelegt und gesagt: "Du musst nicht traurig sein, das ist bei uns auch so. Ich habe zwei Kinderzimmer, und wenn ich mal Streit mit Mama habe, kann ich zu Papa."

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Protokoll: Sophia Bogner