Am kommenden Sonntag wird, wenn nicht (wieder) alles schiefgeht, Andrea Nahles an die Spitze der SPD gewählt. Die elfte Vorsitzende in zehn Jahren, wenn man die kommissarischen Parteichefs dazuzählt. Die erste Frau. Die letzte Hoffnung?

Nahles erbt nicht nur die 153 Jahre Geschichte, die so wichtig sind für den Stolz der Partei und ihr zuweilen wie ein Mühlstein um den Hals hängen, sondern auch die drei Hypes, die die SPD in den letzten 13 Monaten fast an den Rand ihrer Existenz gebracht haben: Auf den Schulz-Hype folgte der Kühnert-Hype und darauf das Hypechen um die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange, Nahles’ Gegenkandidatin. Sie wird zwar zu wenig Stimmen bekommen, um gewählt zu werden. Man traut ihr aber zu, dass es genug werden, um der neuen Chefin die fast schon traditionelle Vorsitzenden-Ohrfeige zu verpassen.

Zu Merkel gab es keine Alternative, von der die Bürger überzeugt gewesen wären

In den Hypes drückte sich die Hoffnung aus, dass es auch ganz anders zugehen könnte in der Politik, wirklich anders, dass es also auch in einer entwickelten Wohlstandsgesellschaft so etwas wie einen Neuanfang geben könnte. Und in keiner Partei ist diese Sehnsucht so unaustreibbar eingebaut wie in der SPD. Deshalb sind die Hypes zwar immer kleiner geworden, deshalb flammen sie aber auch immer wieder auf. Doch gleich neben dieser Hoffnung wohnt bei vielen, wenn nicht den meisten Deutschen die Sorge, Veränderung bedeute Verlust. Das zeigt die dreimalige Wiederwahl von Angela Merkel und ihrem Weiter-so. Daran orientiert sich auch der Hyperpragmatismus von Vizekanzler Olaf Scholz, mit dem Nahles eine stabile Achse bilden will.

Nach zwölf Jahren Merkel sollten die Chancen für die SPD, auch wieder einen Kanzler stellen zu können, eigentlich so groß sein wie nie zuvor. Dass sie es nicht sind – jüngste Umfragen sehen die Sozialdemokraten bei 18 Prozent –, liegt paradoxerweise an ebendiesen zwölf Jahren. Weil das hergebrachte Parteiensystem seit einer Dekade keine die Bürger überzeugende Alternative zu Merkel und dem großen Kompromiss der Mitte hervorgebracht hat, hat sich mit der AfD eine Kraft gebildet, die diese Alternative als Anspruch im Namen führt. Tatsächlich ist sie eine Alternative, wenn auch eine, die sich die große Mehrheit nicht wünscht. Aber mit ihrer brachialen Rhetorik kommt sie der Erneuerungssehnsucht vieler Bürger entgegen – bevor es dann inhaltlich schnurstracks ins gelobte Früher geht.

Sollte die SPD also weiter nach links rücken, um der Alternative von rechts etwas entgegenzusetzen? Das klingt logisch. Doch dafür, dass ein strammer Linkskurs der SPD helfen könnte, wieder in die Nähe alter Volksparteigröße zu kommen, gibt es weder bezogen auf die jüngere Geschichte noch auf die jüngsten Landtagswahlen einen Beleg, im Gegenteil. Die SPD ist eben keine Linkspartei, sondern eine Volkspartei. Jedenfalls war sie es mal.

Kein Linkskurs – das allein ist allerdings auch noch keine Lösung, davon zeugen ebenfalls die vergangenen Jahre. In die immer größer gewordene Sehnsuchtslücke sind Schulz, Kühnert und zuletzt Simone Lange vorgestoßen, Personen, die sich in Summe kaum in das Links-rechts-Schema einordnen lassen. Diese Lücke muss nun Andrea Nahles schließen, die als Parteivorsitzende die Sozialdemokratie aufmöbeln und gleichzeitig als Fraktionschefin dafür sorgen soll, dass die SPD nicht aus der Regierungsschiene springt. Bevor sie oder ein anderer Kandidat über Merkel oder ihre Nachfolgerin siegen kann, muss Nahles also in gewisser Weise auch über ihren Verbündeten Scholz siegen, der alles ausstrahlt, bloß keine Veränderungs- oder Lernbereitschaft. Natürlich ohne dass das nach Streit oder Konkurrenz aussieht.

Oh Mann – oder besser gesagt: oh Frau, was für eine Aufgabe!

Politik, das ist für Andrea Nahles zum großen Teil Arbeit. Die Arbeit an sich selbst schließt das mit ein. Nahles weiß, dass sie vom "Bätschi" und von ihrem Rote-Zora-Image wegkommen muss, um mehrheitsfähig zu werden. Sie muss also politisch etwas wilder werden, aber persönlich dabei etwas balancierter rüberkommen.

Frau, gläubig, links, so hat Nahles sich selbst in einem Buch beschrieben, ein "Gottesgeschenk" hat sie der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine einst genannt. Ein Gottesgeschenk – ja, das könnte die SPD gut gebrauchen. Fürs Erste muss es eine neue Vorsitzende tun.

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