Vor einem Jahr wird an einer Schule in Berlin-Friedenau ein Junge, 14 Jahre alt, beleidigt und bedroht, über Monate, am Ende gewürgt und geschlagen. An der Bushaltestelle richten ältere Schüler eine Pistole auf ihn und drücken ab, ein Spielzeug zwar, aber täuschend echt. Weil er Jude ist. Die Täter sind keine Neonazis, sondern Kinder türkischer und arabischer Eltern. Traumatisiert und deprimiert wechselt der Junge die Schule.

Im vergangenen Dezember wird ein Schüler an einer Oberschule im Wedding als "Kindermörder" beschimpft. "Hitler war ein guter Mann, denn er hat die Juden getötet", bekommt er zu hören. Die Täterin ist eine Mitschülerin, 18 Jahre alt, sie hat arabische Wurzeln.

Kurz vor Ostern wird bekannt, dass an einer Schule in Tempelhof eine Grundschülerin mehrmals beschimpft wurde, weil sie "nicht an Allah glaubt"; sie wurde gar mit dem Tod bedroht.

Dies sind nur die Fälle, die besonderes Aufsehen erregten. "Du Jude" ist aber auf deutschen Schulhöfen gängiges Schimpfwort, erzählen Lehrer und Sozialarbeiter.

Eine bundesweite Debatte hat Medien, Politik, Lehrer und Eltern erfasst: Lässt sich noch von Einzelfällen sprechen, oder ist Antisemitismus alltäglich in unseren Klassenzimmern, auf unseren Pausenhöfen? Was können Schulen dagegen unternehmen, was wird bereits getan? Geht der aktuelle Antisemitismus vor allem von muslimischen Schülern aus, welche Rolle spielen dabei die Flüchtlinge? Die Diskussion fällt in eine Zeit, in der ein sinnloser Streit darüber geführt wird, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Der jüngste Vorfall an der Berliner Grundschule hat die Politik aufgerüttelt. Die neue Bundesfamilienministerin, Franziska Giffey, appelliert an Schulen, jeden Fall von Antisemitismus, Radikalisierung und Rassismus den Schulbehörden zu melden und aufzuarbeiten. Der Deutsche Lehrerverband schließt sich der Forderung an. Giffey will Schulen im Kampf für Toleranz unterstützen und stellt 20 Millionen Euro dafür zur Verfügung, "Antimobbing-Profis" sollen an Brennpunktschulen eingesetzt werden. Auch die neue Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sagt, die "zunehmenden religiös motivierten Diskriminierungen und Gewalttaten an Schulen" belegten, dass mehr getan werden müsse.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert ein Meldesystem für antisemitische Vorfälle genauso wie der Fraktionschef der CDU, Volker Kauder.

Denn wie viele Vorfälle es an Schulen tatsächlich gibt, lässt sich nicht genau benennen. Ruft man im Bundesbildungsministerium an, wird man an die Kultusministerkonferenz (KMK) verwiesen, Schulen sind Ländersache. Die KMK bedauert, leider gebe es keine zentrale Statistik, die Bundesländer regelten das unterschiedlich. Wie unterschiedlich, das erfährt man, wenn man bei den Ländern anruft. Baden-Württemberg: Es gebe keine systematische Erfassung antisemitischer Vorfälle an Schulen, man habe aber das Ziel, ein Meldesystem einzurichten. Hessen: ganz ähnlich. Nordrhein-Westfalen: Für den Zeitraum Januar 2014 bis Dezember 2017 wurden insgesamt 61 antisemitische Straftaten gemeldet.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik hat für das Jahr 2017 bundesweit 1.453 antisemitische Delikte registriert, davon 32 Gewalttaten. Über 90 Prozent der Delikte werden dabei dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Das ist umstritten, denn ist ein Täter nicht bekannt, erfolgt diese Einstufung automatisch. Schulen werden in der Statistik nicht gesondert erfasst, auch tauchen dort nur die strafrechtlich relevanten Fälle auf. Etwa 100.000 Juden leben als deutsche Staatsbürger im Land, dazu kommen 13.000 Israelis, die dauerhaft in Deutschland leben. Laut Zentralrat gibt es mindestens hundert jüdische Gemeinden. Eine aktuelle Umfrage der Universität Bielefeld unter rund fünfhundert Juden ergab: 78 Prozent nehmen eine Zunahme von Antisemitismus wahr. Viele Betroffene, so heißt es, gehen nicht zur Polizei.