Sie hätte diesen Satz nicht sagen müssen. Sie hätte einfach darüber hinwegnuscheln können, und niemand hätte sich beschwert. Keiner der Verbündeten wäre enttäuscht darüber gewesen, dass Deutschland sich nicht am Militärschlag gegen Syrien beteiligt; es hätte auch keine öffentliche Debatte darüber gegeben, warum die Bundesregierung sich außenpolitisch mal wieder wegduckt. Dass die Mehrheit der Deutschen gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr ist? Weiß man in London und Paris. Dass die Bundeswehrflugzeuge nicht immer fliegen und die Gewehre der Soldaten nicht immer schießen können? Auch die Probleme mit der Ausrüstung kennt man schon.

Am Donnerstag vergangener Woche hätte Angela Merkel es bei diesen Worten belassen können: "Wir unterstützen, dass alles getan wird, um ein Zeichen zu setzen, dass der Einsatz von Chemiewaffen nicht akzeptabel ist." Aber dann sagte sie eben noch einen zweiten Satz. Etwas, das weder mit ihrem Außenminister noch mit ihrer Verteidigungsministerin abgestimmt war und selbst für ihr engeres Umfeld überraschend kam: "Deutschland wird sich an einer eventuellen militärischen Aktion nicht beteiligen."

Obwohl die Bundeswehr dazu technisch in der Lage gewesen wäre. Obwohl Regierungsgutachten zudem bestätigten, dass auch der Parlamentsvorbehalt – der vor einem Einsatz der Bundeswehr eine Abstimmung im Bundestag verlangt – kein Problem gewesen wäre.

Mit ihrem kategorischen Nein zur militärischen Hilfe in Syrien hat Merkel eine Debatte abgewürgt, die schon längst hätte begonnen werden müssen – und zwar von ihr selbst: Was genau ist eigentlich Deutschlands Rolle in der Welt?

Militäraktionen richtig finden, sie für notwendig halten, sie begrüßen – und andere sie dann ausführen lassen? Vier Jahre nachdem der Bundespräsident, der Außenminister und die Verteidigungsministerin unisono angekündigt haben, Deutschland werde künftig "mehr Verantwortung" in der Welt tragen, läuft das internationale Krisenmanagement der Bundesregierung immer noch nach dem Muster: Wenn es hart wird, sind wir nicht mehr dabei. Dass die Bundeswehr etwas nicht kann oder das Grundgesetz etwas nicht erlaubt, dient oft als Begründung. Doch das Problem liegt tiefer.

Dem größten und wirtschaftlich stärksten Land Europas fehlt eine strategische Außen- und Sicherheitspolitik, in der eine gestärkte und funktionierende Bundeswehr ihren Platz findet. Weil es keine Strategie gibt, gibt es auch keine Debatten; weil es keine Debatten gibt, bleiben die Deutschen bei ihrem historisch bedingten Vorbehalt gegen alles Militärische; und weil die Deutschen Militärschläge ablehnen, gibt es keine Strategie. Es ist ein Teufelskreis. Eine Chance, ihn aufzubrechen, hat die Kanzlerin gerade vertan.

In Deutschland kann politisch punkten, wer die Argumentationsmuster der Anti-Militärschlag-Front bedient: Es gebe kein UN-Mandat für einen Angriff auf syrische Ziele; es drohe eine Eskalation mit Russland; es könne zivile Opfer geben; es lägen doch keine eindeutigen Beweise vor, wer das Giftgas eingesetzt habe; die Amerikaner bombten stets zuerst und fragten dann erst nach dem Warum.

Jeder einzelne Punkt ist überlegenswert, doch es verwundert schon, wie wenig Gehör demgegenüber die Argumente finden, die für ein militärisches Vorgehen in Syrien sprechen: Der Einsatz von Giftgas bricht das Völkerrecht; es gibt eine Schutzverpflichtung der internationalen Gemeinschaft gegenüber der Bevölkerung, die von der eigenen Regierung mit Fassbomben angegriffen wird; alle Indizien, Geheimdiensterkenntnisse und früheren Vorfälle deuten auf Assads Armee als Verursacher des Giftgasangriffs hin.