Max-Schmeling-Halle, das kommt einem jetzt, wenn man diese oft gehörte und gelesene Begrifflichkeit noch einmal liest, doch einigermaßen sonderbar vor. Es gibt Wortschöpfungen, die in den Alltagsgebrauch eingesickert sind, ohne dass man sich weiter Gedanken darüber macht. Und dann klingt der Name jener Mehrzweckhalle in Berlin-Prenzlauer Berg, die 1996 im Olympiawahn in Anwesenheit der Boxlegende – auch so ein mysteriöses Wort – eröffnet wurde, plötzlich dermaßen lustig, wie gemacht zum extra gedehnten, lauten Nachsprechen. Pharrell Williams spricht man dann auch sofort verlangsamt aus; völlig logisch, dass Pha-rrreellll ausgerechnet hier zwei Stunden zu spät zum Pressetermin vor seinem Konzert an einem Spätsommerabend kam und somit Benjamin von Stuckrad-Barre lieber schnell mit einem Freund an den See floh, statt pflichtgemäß dem ganz sicher glückseligen Konzert zu lauschen. Pharrellig ist die Lektüre trotzdem, denn sein abendsonnendurchfluteter Bericht Happy evoziert die Hitkunst des Weltstars in absentia.

Das überraschte Stolpern des Lesers, auch an nebensächlichen Stellen, gehört zu den Effekten, deren Erzeugung Benjamin von Stuckrad-Barre beherrscht wie kein Zweiter. Nachdem seine Autobiografie Panikherz 2016 für Furore sorgte, weil hier jemand vor aller Augen sein leidendes, verdrogtes Herz wusch, kann man jetzt in seinem Band Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen. Remix 3 dem Autor wieder bei seiner eigentlichen Kunst zuschauen. Denn zuallererst ist der 1975 geborene Stuckrad-Barre seit vielen Jahren Reporter für die diversen Springer-Medien, wobei "Reporter" zugegebenermaßen eine unzulässige Einschränkung ist.

Seine hier gesammelten Zeitungstexte sind mentalitätsgeschichtliche Tiefenbohrungen in jüngstvergangene deutsche Gegenwart – so nennt man das üblicherweise, und genauso stimmt das ja auch. Er ist wie ein Beleuchter, der selbst scheinbar Altbekanntes von einer anderen Seite laserscharf ausleuchtet: ob bei Rainald Goetz, Helmut Dietl, Walter Kempowski, Ferdinand von Schirach, Jörg Fauser, ob in Los Angeles oder eben Berlin; und viele schillernde Gestalten der zweiten Reihe lässt er ebenfalls auf seine Bühne – deutsche Gesellschaft seit der Jahrtausendwende. Absolut unglaublich ist tatsächlich sein legendäres Treffen mit Boris Becker: Gemeinsam mit dessen Familie sitzen sie vor dem Fernseher und gucken ein Vierteljahrhundert danach noch einmal Beckers ersten Wimbledon-Sieg – und der Leser ist mittendrin auf der Couch, im Nachleben eines Mythos, im Stuckrad-Barre-Remix der Vergangenheit.

Stuckrad-Barre erfasst Realität, indem er stilistisch die Grenze zwischen Künstlichkeit und Authentizität grundsätzlich zum Verschwimmen bringt, unter permanenter Verschiebung des Blickwinkels gleichsam ("gleichsam" ist übrigens ein Wort, das er liebevoll betrachtet, weil er es in den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz so schön findet). Hinzu kommt der genial inszenierte Wechsel zwischen Zaudern und Dynamik, oft innerhalb eines Satzes – was mal federt, mal schüttelt, mal taumelt.

Erschrocken stellt der Leser wieder fest, dass vor unfassbar ewigen zwanzig Jahren erstmals so ein Band mit Texten des Autors erschien. In seinem Goetz-Porträt erwähnt Stuckrad-Barre das vergilbte Thermofaxpapier von einst als Symbol fürs Älterwerden und für Vergänglichkeit. Er ahnt seine künftigen Erinnerungen "an solche Sommerwochen, in denen es kein Gestern und kein Morgen gab, sondern alles Heute war". Jenes manische Jetzt bekommt in diesen Texten, 2018 gelesen, plötzlich herrliche Patina. So verwandelt man sich also zum Klassiker, und wer ihn dann 2050, 2060 oder 2090 liest, dessen Augen werden feucht glänzen: Hey, Wahnsinn, so war das damals.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen. Remix 3.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018; 320 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €