Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Etwa sechs Jahre ist es nun her, dass ich mit am Tisch saß, um eine neue Zeitschrift zu gründen. Ihr Thema: Berufungsgeschichten. Ich hatte gerade angefangen, in Tübingen Theologie zu studieren, und ich fand die Idee spannend, zu erzählen, warum jemand heute Priester, Diakon oder Ordensfrau werden möchte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich das selbst nicht so genau und war neugierig. Über die Jahre führte ich zahlreiche Interviews und war berührt von den Geschichten, in denen Menschen ihr Leben ganz Gott anvertrauten. Die Themen gehen dabei nicht aus, und so erscheint das nichtkommerzielle Magazin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart noch heute zweimal pro Jahr mit immer neuen Lebensgeschichten und Glaubenszeugnissen – auch andere Berufe in der Kirche tauchen auf, wie Pastoralreferent, Kirchenmusiker, Religionslehrer und so weiter. Seit ein paar Ausgaben bin ich Chefredakteurin und kehre deshalb immer wieder an meinen ehemaligen Studienort zurück, um mit der weiterhin studentischen Redaktion an Themen und Texten zu feilen.

Dass das Interesse an der Publikation ungebrochen groß ist, überrascht mich dabei nicht – offensichtlich bin nicht nur ich neugierig, warum jemand mit seinem Leben ein Statement gegen den Zeitgeist setzt. Für mich tun besonders Priester, Diakone und Ordensleute genau das, wenn sie Gehorsam und Ehelosigkeit versprechen – und das mit "Gott" begründen. Die Provokation scheint immer dann am größten zu sein, wenn es junge, "ganz normale" Menschen mit guten Chancen auf dem Heirats- und Arbeitsmarkt sind, die sich für eine der radikalen Lebensformen entscheiden. Die Faszination daran hat mir über die Jahre immer wieder gezeigt, dass das persönliche Zeugnis in einer Welt der vielfachen Lebensentwürfe nicht zu überschätzen ist. Doch leider kommt man außerhalb kirchlicher Kreise damit nur wenig in Berührung.

Dass heute immer mehr Klöster Nachwuchsprobleme haben und auch der Priestermangel ein drängendes Problem wird, hat für mich jedenfalls auch einen Grund darin, dass diese Geschichten nicht mehr gekannt werden. Dass ich mit Klerikern befreundet bin, bringt mir an anderer Stelle einen Exoten-Status ein. Wie soll man da außerhalb einer kirchlichen Sozialisation auf die Idee kommen, dass ein Ordensleben vielleicht etwas für einen wäre, wenn es eine fremde und geheimnisvolle Welt ist? Wie viele Berufungen werden vielleicht auch nicht erkannt, weil der Moment des "Wäre das auch etwas für mich?" ausgeblieben ist?

Besonders im Gedächtnis ist mir die Begegnung mit einer jungen, attraktiven Ordensfrau aus den USA, die mir kürzlich ihre Geschichte erzählte. Sie lebte das typisch amerikanische Highschool-Leben, war rast- und ruhelos – bis sie mit knapp über 20 zur Überraschung aller ins Kloster eintrat. Sie habe dort endlich Sinn und die Ordnung gefunden, nach der sie sich immer gesehnt hatte, sagte sie mir und strahlte dabei so über das ganze Gesicht, dass man ihr einfach glauben musste. Wer Menschen wie sie nicht kennenlernt, ahnt vermutlich nicht, dass es diese Art der Lebensfreude überhaupt gibt.