Schottische Westküste, August 2014, wenige Tage vor dem Referendum über die Unabhängigkeit. Mit ein paar impressionistischen Tupfern markiert Denise Mina die angespannte Atmosphäre. Nur wenn der Gangsterboss im Ausland ist, trauen sich seine Laufburschen, ihr "Ja"-Armband zu tragen. Denn seine dunklen Geschäfte erfordern ein "Nein" in der Abstimmung. Es geht um Emotionen, vor allem aber um Geld: Mindestens sieben Millionen Pfund Drogengeld hat Roxanna Fuentecilla aus London ins "kuschelig-rüschige" Seebad Helensburgh geschafft, um sie in Landkäufe zu investieren. Doch bis zum Referendum stockt der Immobilienhandel, erst danach wird klar sein, wohin die Bodenpreise gehen.

Keinen Aufschub dulden die urtümlichen Emotionen wie Wut, Angst und Rache, um die es in Blut Salz Wasser auch geht, Denise Minas viertem Roman um die Glasgower Kriminalbeamtin DI Alex Morrow. Eine Frau wird an den Loch Lomond geschleppt. "Wie ein Kalb" lässt sie sich widerstandslos zur Schlachtbank bugsieren. Erst spät begreift sie und beginnt zu kämpfen. Ihre Schreie, ihre Enttäuschung, ihr Aufbegehren gegen den Tod durchziehen die ganze folgende, mehrsträngige und verzwickte Handlung.

Jeder Kriminalroman, den die 1966 in Glasgow geborene Denise Mina schreibt, hätte eine eigene Kolumne verdient (ZEIT Nr. 2/15), so lebensnah und realitätsgesättigt spinnt sie ihr Garn. Vor jedem ihrer Bücher steht man wie vor einem riesigen Wandteppich voller Figuren und Geschichten. Gleich ob die junge Journalistin Paddy Meehan oder DI Alex Morrow, Mutter dreier Kinder, die Hauptrolle spielt, immer webt Mina vor dem Hintergrund eines politischen Großereignisses das Alltagsbild der um Anstand, Überleben, Knete kämpfenden kleinen Leute in einer Welt, in der nur die kaltblütigen Ganoven, mit oder ohne Uni-Abschluss, vorankommen.

DI Morrow hat es aus Glasgow ins benachbarte Helensburgh verschlagen, weil nicht nur die Londoner Metropolitan Police, sondern auch Police Scotland hinter Fuentecillas Schwarzgeld her sind. Die unterfinanzierten Polizeibehörden sind scharf auf ihren rechtmäßigen Anteil an der Beute. Und so spannt sich der Bogen von dem scheinbar lokalen Mord am Loch Lomond bis zum Bürokratenkrieg der englischen und schottischen Polizeieinheiten, während das Ermittlerhandwerk mehr schlecht als recht läuft. Wobei Alex eine großartige Heldin und Ermittlerin ist: schlau und intrigenerfahren, zugleich aufbrausend und unduldsam.

Denise Mina: Blut Salz Wasser. A. d. Engl. v. Zoë Beck;
Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2018; 320 S., 19,– €