Am Alsergrund, dem 9. Wiener Gemeindebezirk, der im Süden an die Innere Stadt, im Osten an den Donaukanal grenzt, drängt sich die kulturelle Vergangenheit. In der Berggasse ordinierte Sigmund Freud, Heimito von Doderers Roman Die Strudlhofstiege spielt zu großen Teilen in diesem Bezirk. Aber auch die Dichte an zeitgenössischer Kultur ist hoch, allein elf Theater und Opernhäuser verzeichnet Wikipedia – und vergisst dabei jenes Haus, von dem in Wien gerade so viel gesprochen wird: das Bronski & Grünberg, das 2016 gleich ums Eck von Doktor Freuds Praxis eröffnete. (Der Name leitet sich von Ernst Lubitschs Film Sein oder Nichtsein ab, zwei der herrlichsten Figuren darin heißen so.) Ein kleines Theater mit insgesamt gerade mal 260 m2 Fläche und einem Theatersaal von 77 m2, das keine großen Besetzungen, keinen Klassiker scheut. Richard III. steht ebenso auf dem Spielplan wie Wiener Blut – oder Kevin allein zu Haus. "Wir nehmen gerne die Herausforderungen beliebter Stoffe an, entdecken ihre verborgenen, doch oft politischen und gesellschaftlich aktuellen Inhalte und zeigen sie stolz einem lachenden Publikum", heißt es auf der Homepage, und schon allein für diese lässige, im Gegensatz zu manch anderer Theaterwerbung so gar nicht ranschmeißerische Selbstbeschreibung muss man das Haus lieben. 2017 wurde das Team, bestehend aus Kaja Dymnicki, Julia Edtmeier, Salka Weber und Alexander Pschill, dann auch gleich beim wichtigsten österreichischen Theaterpreis, dem Nestroy, für den Spezialpreis nominiert. Gespielt werde hier auf "sehr hohem Niveau, mit vielen, tapferen Mitstreitern und sehr wenig Geld. In Zeiten, in denen andere Theater geschlossen werden, ist diese Initiative ein überaus wertvoller Beitrag zur heimischen Theaterlandschaft", urteilte die Jury.

Aber fangen wir von vorne an. Warum gründen vier Theatermenschen eine Bühne – in einer von Bühnen gepflasterten Stadt und in Zeiten, in denen die Kämpfe um Fördergelder immer härter werden? "Wir haben schon vor der Gründung des Bronski & Grünberg Theaterprojekte gemacht", erzählt Kaja Dymnicki. "Und da die Raumsuche meistens das Schwierigste war, dachten wir uns eines Tages: ›Wir brauchen einen eigenen Raum.‹ Mit längeren, gründlicheren Überlegungen wäre dieses Theater nie entstanden ..." Abgesehen vom Raum gab aber noch etwas anderes den Ausschlag, ergänzt Julia Edtmeier: "Es ging mehr darum, selbst die ›Gesamtheit‹ des Theaters zu entdecken. Wir als Schauspieler, Musicaldarsteller, Regisseure, Autoren oder Bühnenbildner haben in der konventionellen Form unserer Berufe immer nur die Möglichkeit, ein kleiner Teil in einer großen Maschinerie zu sein, was viel Schönes mit sich bringt. Nun sind aber wir selbst die Maschine und gestalten alles selbst, von der Dekoration des Zuschauer-WCs mit Frank-Zappa-Poster über die Logistik und die Plakate bis zu Kostüm und Inszenierung. Das Bronski & Grünberg ist unser Spielplatz mit unbegrenzten Möglichkeiten. Es gibt keine Auflagen, Regeln oder Erwartungen, denen man gerecht werden muss. So haben wir die Möglichkeit, etwas ganz Neues, Eigenes zu schaffen." Größenwahn steht dabei nicht zu befürchten: "Wir wollen nicht die Wiener Theaterszene revolutionieren. Eigentlich machen wir schlicht nur Dinge, die uns beschäftigen und die uns Spaß machen."

Dennoch setzt das Theater genau dort an, wo Veränderung nottut. Alexander Pschill (Fernsehzuschauern bekannt als Ex-Herrchen von Kommissar Rex) fasst treffend zusammen, woran Theater derzeit so oft krankt: "Es ist doch, ganz ehrlich, am Theater ein bissl so, dass oft sehr theoretisch gearbeitet wird. Botschaft und Inhalt stehen so sehr im Vordergrund, dass die Zuschauer im Vorfeld schon wissen, was ihre Meinung zu diesem Inhalt sein wird. Banales Exempel: Wird uns auf einer Off-Bühne deutlich vermittelt: ›Trump ist scheiße‹, dann wird es höchstwahrscheinlich niemanden im Publikum geben, der anderer Meinung ist. Was haben wir also an diesem Abend gelernt? Nix." Ein eigenes Theater biete alle Freiheiten, es anders zu machen: "Spannend wäre doch, wenn es uns gelingen würde, dieselbe Trump-Aussage vor einem Publikum aus ultrakapitalistischen Glock-Besitzern zu machen (gemeint ist die Pistole, die von dem österreichischen Ingenieur Gaston Glock entwickelt wurde, Anm. d. Red.). Oder einen Theaterwissenschaftsstudenten mit Wollmütze dazu zu bringen, zuzugeben, dass auch in ihm ein böser kleiner stockkonservativer Opa im Lodenmantel steckt! Diesen Spagat wollen wir versuchen. Das ist einer der vielen Gründe, warum wir ein Theater gegründet haben."

Den Stil, den sie dabei bevorzugen, nennen sie selbst "Progressiv Boulevard". Im Bronski & Grünberg stehen ausschließlich bekannte Stoffe auf dem Programm – solche, die zum (wahlweise pop- oder hochkulturellen) Kanon gehören. Egal jedoch, ob das feste Team oder von ihm engagierte Kolleginnen und Kollegen für die Inszenierung verantwortlich sind, der Stoff wird meist neu bearbeitet. "Wir versuchen die Inhalte weiterzudenken und -zuspüren. In unserem Rigoletto beispielsweise beleuchten wir die Psychologie und tauchen tief in die Vater-Tochter-Geschichte, die Tragik eines Außenseiters ein. Oder wir lassen den Schauspieler und Regisseur Dominic Oley eine gesellschaftspolitische, globalkapitalismuskritische Geschichte rund um die Titanic schreiben", erklärt Kaja Dymnicki. So entstehen meistens Komödien – wie diese schreiend komische Untergangsgeschichte, deren Kritik an der Verwertungsgesellschaft gerade wegen der entspannten Beiläufigkeit so tief trifft.

"Unser Publikum kann ›boulevardesk‹ schallend lachen und in der anderen Sekunde bitterlich getroffen weinen", sagt Salka Weber. "Amüsement mit Tiefgang, wenn man so will. Wir wollen das manchmal traurige Image der kleinen Off-Bühne wieder sexy machen. Wir denken groß mit kleinen Mitteln – große Titel, üppig-verspielte Produktionen mit vielen Schauspielern, laute Musik, knallige Plakate, Popcorn und Rotwein während der Vorstellung." Kaja Dymnicki ergänzt: "Großes Spektakel auf armer Bühne."

Denn reich ist das Bronski & Grünberg nicht. An der Auslastung liegt es nicht – die rund 70 Plätze sind meist belegt, man steigt sich in dem kleinen Theater (und der großartigen Bar mit Flamingo-Tapete) buchstäblich auf die Füße. "Nach unserer ersten Saison aber standen wir voll neuer Ideen und ohne Fördergelder da", erzählt Julia Edtmeier. "Es blieb uns keine andere Möglichkeit, als ein Crowdfunding zu starten." Das Crowdfunding-Ziel wurde erreicht, auch gibt es Hoffnung auf Fördergelder von Stadt und Bezirk. Aber birgt die Abhängigkeit von Geldgebern für ein so furchtloses, authentisches Theater nicht auch die Gefahr, sich zu verbiegen? Wenn man anfange, Förderer zufriedenstellen zu wollen, höre die Kunst schon wieder auf, meint Julia Edtmeier. "Falls wir jemals gefördert werden, dann hoffentlich als Unterstützung dafür, genauso weiterzumachen wie bisher, mit dem einzigen Unterschied, die Mitstreiter angemessener bezahlen zu können." Denn am Bronski & Grünberg arbeiten hochkarätige Künstlerinnen und Künstler – jedoch eher aus Überzeugung und wegen der Atmosphäre als wegen des Geldes. Das immerhin lenkt den Fokus noch stärker auf die Arbeitsbedingungen und damit auf ein Thema, das seit dem offenen Brief des Burgtheater-Ensembles viel diskutiert wird.

"Da an kleinen Theatern immer Geldmangel herrscht und vor allem bei uns alle um einiges mehr arbeiten als verdienen, muss man mit viel Liebe an die Sache herangehen. Das Wichtigste ist ein freundschaftlicher Umgang. Sonst macht auch das beste Resultat keine Freude und hat einen schlechten Nachgeschmack. Machtmissbrauch und Terror bei den Proben sind uns fremd. Auch wenn die Nerven blank liegen, muss man sich zusammenreißen. Es ist ja schließlich ›nur‹ Theater!", sagt Kaja Dymnicki.