Die Mörder warten bis tief in die Nacht. Am 16. Oktober 2017 schalten sie um 1.41 Uhr das erste Handy ein, ein sogenanntes Burner-Phone, ein Wegwerfgerät, ausschließlich für das Attentat gedacht. Ein paar Minuten später, um 1.46 Uhr, aktivieren sie ein zweites Gerät. Laut den Ortungsdaten befinden sich die Handys in der Nähe des Dorfes Bidnija, im Norden der Insel Malta.

Als um kurz nach sechs die Sonne aufgeht, hat sich einer der Attentäter bei den Überresten einer Kanonenstellung postiert, die die Briten im 19. Jahrhundert auf einem Hügel errichteten. Von hier oben reicht der Blick weit über das Land, über die Gewächshäuser, in denen die Bauern Tomaten anbauen, die Hauptstraße, die sich durch den Norden Maltas schlängelt. Man erkennt auch das Landhaus der Journalistin Daphne Caruana Galizia am Ende einer schmalen Stichstraße.

Bei dem Mann auf dem Hügel handelt es sich offenbar um Alfred Degiorgio, das legen DNA-Spuren an einem Zigarettenstummel nahe, den die Polizei später bei der Geschützstellung sicherstellen wird. Degiorgio ist 53 Jahre alt und zählt zu einer Bande maltesischer Krimineller. Vor ein paar Monaten hat er ein weißes Sportboot mit grüner Sonnenabdeckung gekauft, die Maya.

An diesem Montagmorgen gleitet die Maya gegen 7.55 Uhr aus dem Hafen, eine Kamera am Kai filmt das vorbeifahrende Boot. Es wird von Alfreds Bruder George Degiorgio, 55, gesteuert, ebenfalls Mitglied der Bande und offenbar allein an Bord. Er hat ein weiteres Burner-Phone bei sich, das werden die Ermittlungen der Polizei ergeben, mit dem die Bombe später aus der Ferne gezündet wird. Das Boot bezieht Position südöstlich vom Hafen, unterhalb eines Denkmals, in Sichtweite der Küste.

Die Falle ist aufgestellt, die Mörder lauern. Jetzt muss das Opfer nur noch hineintappen.

Daphne Caruana Galizia, 53, setzt sich nach dem Frühstück mit einem Kaffee an den lang gezogenen dunklen Holztisch in ihrem Wohnzimmer, an dem sie so gerne arbeitet. Sie mag es, dabei aus dem großen Fenster in den Garten zu schauen.

Neben ihr sitzt ihr ältester Sohn Matthew, wie seine Mutter einen Laptop vor sich. Daphne Caruana Galizia schreibt E-Mails, später muss sie noch zur Bank. Seit Monaten hat sie keinen Zugang mehr zu ihrem Konto, der Wirtschaftsminister hat es per Gerichtsbeschluss sperren lassen. Caruana Galizia liegt im Streit mit der maltesischen Regierung. Viele der Berichte, die sie auf ihrem Blog veröffentlicht, handeln von staatlicher Korruption.

Sie komme zu spät zu ihrem Termin in der Bank, sagt Caruana Galizia nach einigen Stunden stillen Arbeitens zu ihrem Sohn, springt auf und verlässt das Haus. Die schwere Eichentür fällt hinter ihr ins Schloss – und öffnet sich gleich wieder. Sie habe das Scheckbuch vergessen, ruft Caruana Galizia lachend und verabschiedet sich mit einem fröhlichen "bye". Sie läuft durch das gusseiserne Tor und steigt in einen anthrazitfarbenen Peugeot 108. Der Wagen rollt langsam über die ungeteerte Stichstraße voller Schlaglöcher, dann biegt Caruana Galizia auf die Hauptstraße ein und beschleunigt.

Der Tod erreicht sie per SMS, der Text lautet "REL1=On". Die Nachricht löst einen elektronischen Impuls aus.

Um 14.58:55 Uhr explodiert die Bombe.

Die Detonation ist weithin zu hören. Ein Augenzeuge wird später berichten, er habe zuerst an einen Gewehrschuss gedacht. Funken sprühen, Autoteile lösen sich und fliegen durch die Luft, aber noch rollt der Wagen weiter, noch lebt Caruana Galizia. Der Augenzeuge kann durch die Windschutzscheibe ihren panischen Blick erkennen, er hört ihren Schrei, mit einer Vollbremsung bringt sie den Wagen zum Stehen.

Dann eine zweite Detonation.

Die Wucht schleudert den Peugeot aus der Kurve. In einem Gerstenfeld geht er in Flammen auf, direkt unter der alten Kanonenstellung. Der Mörder auf dem Hügel kann zusehen, wie sein Opfer verbrennt.

George Degiorgio, den die Ermittler verdächtigen, die Bombe von Bord der Maya aus gezündet zu haben, schickt seiner Frau eine SMS: "Kauf mir eine Flasche Wein, Liebling."

Autobomben, die Journalisten in die Luft jagen, davon liest man in Berichten aus Bogotá oder Beirut. Aber in einem wohlrespektierten Mitgliedsland der Europäischen Union? Wie kann es sein, dass hier ein solcher Anschlag möglich ist? Und wer könnte die Mörder beauftragt haben?

Dieses Dossier handelt von einer verschworenen Gemeinschaft, die auf Malta die Macht übernommen hat und Politik, Finanzgeschäfte und persönliche Vorteile auf das Vortrefflichste miteinander vermischt.

Es handelt auch von einer Reporterin, die diesen und anderen Machenschaften nachging und dabei ihr Leben verlor.

Mord an maltesischer Journalistin - Auf den Spuren der Mörder von Daphne Caruana Galizia Ein internationales Reporterteam hat rekonstruiert, woran die maltesische Journalistin Caruana Galizia arbeitete. Holger Stark, Leiter Investigativ DIE ZEIT, im Video © Foto: AFP-TV