Die Mörder warten bis tief in die Nacht. Am 16. Oktober 2017 schalten sie um 1.41 Uhr das erste Handy ein, ein sogenanntes Burner-Phone, ein Wegwerfgerät, ausschließlich für das Attentat gedacht. Ein paar Minuten später, um 1.46 Uhr, aktivieren sie ein zweites Gerät. Laut den Ortungsdaten befinden sich die Handys in der Nähe des Dorfes Bidnija, im Norden der Insel Malta.

Als um kurz nach sechs die Sonne aufgeht, hat sich einer der Attentäter bei den Überresten einer Kanonenstellung postiert, die die Briten im 19. Jahrhundert auf einem Hügel errichteten. Von hier oben reicht der Blick weit über das Land, über die Gewächshäuser, in denen die Bauern Tomaten anbauen, die Hauptstraße, die sich durch den Norden Maltas schlängelt. Man erkennt auch das Landhaus der Journalistin Daphne Caruana Galizia am Ende einer schmalen Stichstraße.

Bei dem Mann auf dem Hügel handelt es sich offenbar um Alfred Degiorgio, das legen DNA-Spuren an einem Zigarettenstummel nahe, den die Polizei später bei der Geschützstellung sicherstellen wird. Degiorgio ist 53 Jahre alt und zählt zu einer Bande maltesischer Krimineller. Vor ein paar Monaten hat er ein weißes Sportboot mit grüner Sonnenabdeckung gekauft, die Maya.

An diesem Montagmorgen gleitet die Maya gegen 7.55 Uhr aus dem Hafen, eine Kamera am Kai filmt das vorbeifahrende Boot. Es wird von Alfreds Bruder George Degiorgio, 55, gesteuert, ebenfalls Mitglied der Bande und offenbar allein an Bord. Er hat ein weiteres Burner-Phone bei sich, das werden die Ermittlungen der Polizei ergeben, mit dem die Bombe später aus der Ferne gezündet wird. Das Boot bezieht Position südöstlich vom Hafen, unterhalb eines Denkmals, in Sichtweite der Küste.

Die Falle ist aufgestellt, die Mörder lauern. Jetzt muss das Opfer nur noch hineintappen.

Daphne Caruana Galizia, 53, setzt sich nach dem Frühstück mit einem Kaffee an den lang gezogenen dunklen Holztisch in ihrem Wohnzimmer, an dem sie so gerne arbeitet. Sie mag es, dabei aus dem großen Fenster in den Garten zu schauen.

Neben ihr sitzt ihr ältester Sohn Matthew, wie seine Mutter einen Laptop vor sich. Daphne Caruana Galizia schreibt E-Mails, später muss sie noch zur Bank. Seit Monaten hat sie keinen Zugang mehr zu ihrem Konto, der Wirtschaftsminister hat es per Gerichtsbeschluss sperren lassen. Caruana Galizia liegt im Streit mit der maltesischen Regierung. Viele der Berichte, die sie auf ihrem Blog veröffentlicht, handeln von staatlicher Korruption.

Sie komme zu spät zu ihrem Termin in der Bank, sagt Caruana Galizia nach einigen Stunden stillen Arbeitens zu ihrem Sohn, springt auf und verlässt das Haus. Die schwere Eichentür fällt hinter ihr ins Schloss – und öffnet sich gleich wieder. Sie habe das Scheckbuch vergessen, ruft Caruana Galizia lachend und verabschiedet sich mit einem fröhlichen "bye". Sie läuft durch das gusseiserne Tor und steigt in einen anthrazitfarbenen Peugeot 108. Der Wagen rollt langsam über die ungeteerte Stichstraße voller Schlaglöcher, dann biegt Caruana Galizia auf die Hauptstraße ein und beschleunigt.

Der Tod erreicht sie per SMS, der Text lautet "REL1=On". Die Nachricht löst einen elektronischen Impuls aus.

Um 14.58:55 Uhr explodiert die Bombe.

Die Journalistin Daphne Caruana Galizia © Rex Features Ltd / Shutterstock

Die Detonation ist weithin zu hören. Ein Augenzeuge wird später berichten, er habe zuerst an einen Gewehrschuss gedacht. Funken sprühen, Autoteile lösen sich und fliegen durch die Luft, aber noch rollt der Wagen weiter, noch lebt Caruana Galizia. Der Augenzeuge kann durch die Windschutzscheibe ihren panischen Blick erkennen, er hört ihren Schrei, mit einer Vollbremsung bringt sie den Wagen zum Stehen.

Dann eine zweite Detonation.

Die Wucht schleudert den Peugeot aus der Kurve. In einem Gerstenfeld geht er in Flammen auf, direkt unter der alten Kanonenstellung. Der Mörder auf dem Hügel kann zusehen, wie sein Opfer verbrennt.

George Degiorgio, den die Ermittler verdächtigen, die Bombe von Bord der Maya aus gezündet zu haben, schickt seiner Frau eine SMS: "Kauf mir eine Flasche Wein, Liebling."

Autobomben, die Journalisten in die Luft jagen, davon liest man in Berichten aus Bogotá oder Beirut. Aber in einem wohlrespektierten Mitgliedsland der Europäischen Union? Wie kann es sein, dass hier ein solcher Anschlag möglich ist? Und wer könnte die Mörder beauftragt haben?

Dieses Dossier handelt von einer verschworenen Gemeinschaft, die auf Malta die Macht übernommen hat und Politik, Finanzgeschäfte und persönliche Vorteile auf das Vortrefflichste miteinander vermischt.

Es handelt auch von einer Reporterin, die diesen und anderen Machenschaften nachging und dabei ihr Leben verlor.

Mord an maltesischer Journalistin - Auf den Spuren der Mörder von Daphne Caruana Galizia Ein internationales Reporterteam hat rekonstruiert, woran die maltesische Journalistin Caruana Galizia arbeitete. Holger Stark, Leiter Investigativ DIE ZEIT, im Video © Foto: AFP-TV

Um die Demokratie ist es in Malta derzeit schlecht bestellt

Was sich auf Malta ereignet hat, ist ein weltumspannendes Lehrstück über eine globale Elite, die mit Offshore-Konten, Zweitpässen und Millionenüberweisungen hantiert, als gäbe es keine Grenzen und keine Regeln.

In Kooperation mit einer Gruppe europäischer Medien und der Rechercheplattform Forbidden Stories hat die ZEIT diese Ereignisse rekonstruiert und neue Spuren verfolgt. In den vergangenen sechs Monaten werteten Reporter Ermittlungsakten der Polizei, die Panama Papers, die der Süddeutschen Zeitung zugespielt wurden, sowie unveröffentlichte E-Mails und Dokumente aus. Sie besuchten Caruana Galizias Ehemann, der sie durch das Haus in Bidnija führte, in dem die Journalistin bis Minuten vor ihrem Tod gearbeitet hatte. In Brüssel und Berlin trafen sie die Söhne der Journalistin, in Malta befragten sie ihre Freunde und Gegner sowie Anwälte und Parlamentarier. Sie sprachen mit aktiven und ehemaligen Polizisten und Finanzbeamten, die ein Gefühl eint: Angst.

Denn Malta mag zwar Mitglied der EU sein, aber um die Demokratie ist es dort derzeit schlecht bestellt. Polizisten, die es wagen, im Umfeld des Premierministers zu ermitteln, werden gefeuert oder versetzt. Ermittlungsverfahren mit Bezügen zur Regierung werden eingestellt oder führen zu nichts. Auf Malta ist nicht nur die Pressefreiheit in Gefahr, sondern auch der Rechtsstaat und damit die Sicherheit Europas, das von der Insel aus ohne Grenzkontrollen zu erreichen ist.

Die pittoresken Überbleibsel aus dem Mittelalter und die schmalen Gassen der Hauptstadt Valletta verleihen Malta einen besonderen Charme. Aber da ist auch eine andere Seite. Die sizilianische Mafia betreibt hier Kasinos, libysche Warlords schmuggeln Öl, vor allem aber wird das Land seit fünf Jahren von einer Clique regiert, die Politik und Privates schamlos miteinander vermengt. Kaum ein Großprojekt, bei dem es nicht Korruptionsvorwürfe gibt, kaum ein staatlicher Auftrag, bei dem nicht Günstlinge der Regierungspartei bedacht werden. Die Spuren des Geldes führen nach Panama und Aserbaidschan, nach Zürich, Dubai und in den Iran. Und nicht selten beginnen sie im Umfeld des maltesischen Premierministers Joseph Muscat.

Als Muscats sozialdemokratische Labour Party am 9. März 2013 die Wahlen gewinnt, wird in Valletta gefeiert. In der Altstadt, vor dem Sitz der neuen Regierungspartei, tanzen die Menschen in den Gassen, Feuerwerk steigt in den Abendhimmel, Autos fahren hupend über die Insel. Nach 15 Jahren Opposition hat Muscat die Labour Party zurück in die Regierung geführt. Der künftige Premier ist am Wahlabend erst 39 Jahre alt, er sagt: "Für alle geht die Sonne auf."

Mit seiner Frau Michelle, die gerne edle Abendkleider und schwere Halsketten zur Schau trägt, bildet Joseph Muscat Vallettas neues Traumpaar. "Joseph ist ein Vordenker, der seinen Mitmenschen oft zwei Schritte voraus ist", schwärmt Glenn Bedingfield.

Bedingfield, 43, ist ein großer, massiger Mann, er und Muscat kennen sich seit mehr als 25 Jahren. Anfang der Neunziger arbeiteten sie beide als Praktikanten bei einer maltesischen Zeitung, da waren sie gerade volljährig. "Joseph hat damals gesagt, er werde nie für ein politisches Amt kandidieren", erinnert sich Bedingfield. "Aber wir haben beide schnell herausgefunden, dass unsere Welt die Politik ist."

Nach dem Wahlsieg 2013 wird Bedingfield Mitarbeiter in Muscats Büro. Der neue Premierminister schart in der Castille, dem Palast des Regierungschefs, einen Kreis von Vertrauten um sich. Neben Bedingfield ist da der Geschäftsmann Keith Schembri, der sich selbst als "besten Freund" des Premiers bezeichnet und sein Stabschef wird. Da ist Konrad Mizzi, der jungenhaft aussehende Minister für Energie. Und schließlich Brian Tonna, ein drahtiger, kahlköpfiger Finanzunternehmer, der kein offizielles Amt bekleidet, aber, wie man heute weiß, als eine Art inoffizieller Chefbuchhalter fungiert. Unbemerkt von der Öffentlichkeit beginnt Tonna damit, ein Finanzgeflecht zu knüpfen, mit dem die Regierungsclique heimlich Geschäfte abwickeln kann.

Nur zehn Tage nach der Wahl, am 19. März 2013, wird über die berüchtigte panamaische Kanzlei Mossack Fonseca, einen der weltweiten Marktführer für die Einrichtung von Briefkastenfirmen, ein Unternehmen auf den Jungferninseln eröffnet. Der Name: Willerby Trade Inc. Der Eigentümer: Brian Tonna.

Kurz darauf, im Mai 2013, gründet Tonna einen maltesischen Ableger von Mossack Fonseca. Seine Mitarbeiter lassen Anfang Juli drei weitere Firmen in Panama eintragen: Tillgate Inc., Hearnville Inc. und Egrant Inc. Das erste Unternehmen wird Keith Schembri gehören, dem Stabschef des Premierministers, das zweite dem Energieminister Konrad Mizzi. Die dritte Firma, Egrant, wird später eine Regierungskrise auslösen.

In den Tagen nach der Wahl macht sich die neue Regierung daran, ihre Wahlversprechen wie freies WLAN für alle und eine Sozialversicherung für Fischer umzusetzen. Muscat trifft allerdings auch eine Entscheidung, die in keinem Wahlprogramm stand: Der Premierminister will maltesische Pässe zum Kauf anbieten.

Der Handel mit Staatsbürgerschaften

Normalerweise hängt die Staatsbürgerschaft eines Menschen von der Nationalität seiner Eltern oder seinem Geburtsort ab, in den meisten Ländern kann man nach jahrzehntelangem Aufenthalt einen Antrag auf Einbürgerung stellen, manchmal muss man dann komplizierte Fragen zur Geschichte des jeweiligen Landes beantworten. Eine Staatsbürgerschaft zählt zu den wenigen Dingen auf der Welt, die sich nicht kaufen lassen.

Joseph Muscat ändert das. Er verwandelt die maltesische Staatsbürgerschaft in eine Ware, in ein kapitalistisches Gut, das man für Geld erwerben kann wie eine Villa mit Swimmingpool. Muscat arbeitet dabei mit einem Mann zusammen, der Spezialist für den Handel mit Staatsbürgerschaften ist. Er heißt Christian Kälin, Spitzname: "der Passkönig".

Malta, The Westin Dragonara Resort in St. Julian’s, ein Treffen mit Kälin an einem Donnerstagmorgen im März 2018. In der Lobby plätschert Klaviermusik, Christian Kälin empfängt in einem Konferenzraum im Erdgeschoss, am Revers seines Anzugs steckt ein Pin mit dem Logo des Unternehmens, dessen Chef er ist: Henley & Partners. Kälin, 46, ist ein Schweizer Jurist, er pendelt zwischen Zürich und London und ist mit einer Frau aus Asien liiert. Seine Firma hat er als eine komplizierte Schachtelkonstruktion aufgebaut. Aus den Panama Papers und einem internen, vertraulichen Firmenorganigramm geht hervor, dass hinter einem Großteil des Unternehmens lange Zeit eine malaysische Verwandte Kälins als Begünstigte stand. Gerüchteweise besitzt er fünf Pässe, die genaue Zahl möchte er nicht verraten. Eine Zeit lang firmierte Kälin als Honorarkonsul des karibischen Inselstaats St. Kitts und Nevis.

Früher als andere hat der Schweizer eines der letzten Hemmnisse der Globalisierung identifiziert. Die transnationale Elite von heute ist mobil wie keine Generation vor ihr. Sie verfügt über Wohnsitze überall auf der Welt und bewegt ihr Vermögen in Sekundenschnelle per Tastendruck um den Globus. Es gibt nur eines, was Multimillionäre aus Russland, dem Iran oder Aserbaidschan mitunter daran erinnert, dass sie Bürger Russlands, des Iran oder Aserbaidschans sind: ihr Reisepass.

So ein Pass kann lästig sein, wenn zum Beispiel der Westen Sanktionen gegen Russland verhängt und russischen Unternehmern profitable Geschäfte in Europa auf einmal verboten sind. Es sei denn, man hat einen zweiten Pass.

Als Christian Kälin um die Jahrtausendwende bei Henley & Partners einsteigt, steht der Handel mit Staatsbürgerschaften noch ganz am Anfang. Er macht daraus innerhalb weniger Jahre ein Multimilliarden-Geschäft.

Kälin ist viel zu klug, um nicht zu wissen, wie umstritten sein Gewerbe ist. "Politisch kann man sich gut auf die Position stellen, dass es so etwas eigentlich gar nicht geben sollte", sagt er in dem Hotel auf Malta. Andererseits ähnele die Staatsbürgerschaft in Ländern wie Deutschland einer Clubmitgliedschaft, bei der die politischen Rechte des Einzelnen eher in den Hintergrund getreten seien. "Die Leute interessieren sich dafür, was sie für ihr Geld bekommen", sagt er. Deshalb sei es legitim, zu fragen, warum man diese Zugehörigkeit nicht für einige wenige Auserwählte öffne.

Zu Beginn gelingt es Kälin, die Regierungschefs teils korrupter, teils heruntergewirtschafteter Inselparadiese in der Karibik davon zu überzeugen, dass sich mit dem Verkauf von Staatsbürgerschaften viel Geld machen ließe. Bald vermittelt er im Auftrag von St. Lucia sowie St. Kitts und Nevis. In der Karibik paktiert Kälin mit einem Unternehmen, das heute weltweit berüchtigt ist: Strategic Communications Laboratories (SCL), die Muttergesellschaft von Cambridge Analytica – jener Firma, die derzeit im Zentrum des Facebook-Skandals steht, weil sie die Daten von mehr als 87 Millionen Personen missbraucht hat.

Kälin handelt nicht nur mit Staatsbürgerschaften, er macht auch Politik. Interne Mails zwischen ihm und SCL dokumentieren, wie er Ende 2010 hinter den Kulissen die Fäden zieht, um auf der Karibikinsel St. Vincent seinem bevorzugten Kandidaten zum Wahlsieg zu verhelfen. Im November 2010 ködert er den Politiker sogar in einer persönlichen Mail, es gebe einiges, "was wir im Falle eines Wahlsiegs für Sie tun können". Er verspricht, mehrere Großinvestoren stünden bereit, um einen Flughafen, Einkaufszentren und Autobahnen zu bauen.

Öffentlich beteuert Kälin stets, sich nie in Wahlkämpfe einzumischen. Aber der Mailverkehr belegt, dass er seinen präferierten Kandidaten nicht nur berät, sondern nach dessen Wahlniederlage auch den Entwurf einer Rede verschickt, wonach der Mann die Schlappe nicht anerkennen soll.

Mitunter wirkt es, als tanzten die karibischen Politiker wie Puppen an den Schnüren von Kälin und SCL. Auf Nachfrage während des Gesprächs auf Malta sagt Kälin, er habe mit SCL zwar "vor längerer Zeit Kontakt in der Karibik gehabt, aber mittlerweile seit Langem nicht mehr". Eine neue Kooperation sei "aus Datenschutzbedenken" nicht zustande gekommen.

Im Frühjahr 2011 ist es ein bei SCL ausgeschiedener Mitarbeiter, der Kälin mit der Spitze der maltesischen Labour Party in Verbindung setzt.

"In Sachen Malta gibt es interessante Entwicklungen", schreibt der ehemalige SCL-Mann am 2. Juni 2011 an Kälin. "Ich kann Dich dem Oppositionsführer vorstellen, wenn das hilft? Er ist jung, sehr zielstrebig und sehr aufgeschlossen gegenüber internationalen Investitionen. Viele sagen, er werde gewinnen. Vorstellung gewünscht?"

"Gute Idee", antwortet Kälin.

Der junge, aufstrebende Oppositionspolitiker heißt Joseph Muscat und wird zwei Jahre später zum Premierminister gewählt.

Karibikstaaten wie St. Kitts und Nevis oder St. Lucia mögen Traumdestinationen für einen Strandurlaub sein – als erstklassige Referenz für weltweit agierende Geschäftsleute taugen sie aber nur bedingt. Die Karibik ist bestenfalls globale Economyclass.

Maltas Reisepässe hingegen tragen das Gütesiegel der Europäischen Union. Wer die maltesische Staatsbürgerschaft besitzt, ist dank europäischer Reiseabkommen in wenigen Stunden in Berlin, Paris oder London, ganz ohne Grenzkontrollen, ein respektierter Bürger einer der angesehensten Regionen der Welt. Malta ist das Tor zur geopolitischen Freiheit, die globale First Class.

Aus suspekten Russen werden angesehene Malteser

Nach dem Attentat auf die Journalistin protestieren Malteser gegen ihre Regierung. © Darrin Zammit Lupi / Reuters

Im Herbst 2013 wird das maltesische Passprogramm verabschiedet, einen Tag vor Heiligabend ein erweiterter Vertrag unterzeichnet. Bei Henley & Partners nennen sie ihn "das Weihnachtsgeschenk". Denn Kälins Unternehmen fungiert in dem Vertrag als exklusiver Partner der Regierung. Wer Neubürger Maltas werden möchte, muss 650.000 Euro an die Regierung bezahlen, weitere 150.000 Euro in einen maltesischen Investmentfonds investieren und auf der Insel eine Wohnung für mindestens 350.000 Euro kaufen oder langfristig mieten. Henley & Partners verdient an jeder verkauften Staatsbürgerschaft vier Prozent. Vorerst ist das Programm auf 1.800 Pässe beschränkt. Insider schätzen, dass die Staatsbürgerschaften und damit zusammenhängende Investitionen zwischen 70 und 100 Millionen Euro in Henleys Kassen spülen.

Das Geschäft mit den Reisepässen hilft Joseph Muscat, sein größtes Problem zu lösen: den defizitären Staatshaushalt. Malta ist hoch verschuldet. Nun fließt viel Geld. Etwa zwei Milliarden Euro hat Malta nach Schätzung von Kälin bis heute durch den Verkauf der Staatsbürgerschaften eingenommen. Für ein kleines Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von nur rund zehn Milliarden Euro eine beträchtliche Summe. Der Deal, schwärmt Muscat am Rande einer feierlichen Zeremonie 2013, werde dabei helfen, eine "prähistorische Wirtschaft" in die Moderne zu überführen.

Als jedoch das maltesische Parlament Einsicht in den Vertragstext verlangt, weigert sich der Premier. Muscat lässt lediglich eine an mehr als einem Dutzend Stellen geschwärzte Version vorlegen. Offenbar gibt es eine Reihe von Absprachen, die unbedingt geheim bleiben sollen.

Nach Informationen der ZEIT verbirgt sich hinter den unkenntlich gemachten Abschnitten eine Zusage über eine erhöhte Provision für Henley von bis zu fünf Prozent pro Staatsbürgerschaft, sollte eine bestimmte Anzahl von Pässen bis Ende 2019 verkauft sein. Hinzu kommt die Absicht, das Programm nach Verkauf der ersten 1.800 Pässe weiterzuführen – ein politisch delikates Vorhaben. Denn die EU-Kommission hält die maltesische Regierung an, den Handel mit Staatsbürgerschaften streng zu begrenzen.

Juristisch hat der Rest Europas allerdings keine Handhabe. Das Recht, eine Staatsbürgerschaft zu gewähren oder zu verweigern, gehört zu den vornehmsten Privilegien eines jeden souveränen Staats. Während ein paar Dutzend Seemeilen weiter nördlich, auf Sizilien, täglich neue Boote voller Flüchtlinge eintreffen, sind die Migranten, die es von nun an nach Malta verschlägt, Millionäre. Die Namen der Antragsteller lässt die maltesische Regierung von privaten Firmen überprüfen, dazu werden sie durch verschiedene Datenbanken der Polizei gejagt. "Malta ist mit Abstand das sauberste und transparenteste aller Staatsbürgerschafts-Programme", behauptet Christian Kälin. "Das sind alles ideale EU-Neubürger." Wirklich?

Die meisten Passkäufer stammen aus Saudi-Arabien, China, Russland. Allein mehrere Hundert Russen wurden seit der Einführung des Programms eingebürgert – vor allem Geschäftsleute, die mit der neuen EU-Staatsbürgerschaft offenbar mögliche Sanktionen des Westens umgehen wollen. Unter ihnen sind schillernde Persönlichkeiten wie Arkadi Wolosch, Milliardär und Gründer von Yandex, der größten Internet-Suchmaschine Russlands. Er steht auf der Schwarzen Liste von Putin-Helfern, die von der US-Regierung im Januar veröffentlicht wurde, und ließ sich mit seiner Familie einbürgern.

Oder Oleg Muradjan, der frühere Präsident einer Tochterfirma der russischen Staatsbank.

Oder Boris Mints, russischer Milliardär, der sein Vermögen mit einer Investmentfirma gemacht hat.

Ihnen allen hilft der neue Pass bei Firmengründungen und Kontoeröffnungen, er macht aus suspekten Russen angesehene Malteser und damit EU-Bürger.

Joseph Muscats Regierungsclique hat ein hochprofitables Geschäft mit Staatsbürgerschaften eingeführt, und sie verfügt über ein klandestines Firmengeflecht in Panama. Was ihr noch fehlt, ist eine Möglichkeit, größere Geldsummen zu bewegen, ohne lästige Fragen beantworten zu müssen. Sie braucht eine Bank, die nicht so genau hinschaut. Da fügt es sich gut, dass der Schweizer Christian Kälin einen Iraner namens Ali Sadr kennt.

Sadr ist ein geschmeidiger Unternehmer mit zurückgegelten schwarzen Haaren. Sein Vater, ein Milliardär, wird der "Bill Gates des Iran" genannt. Sadr hat an der renommierten Cornell-Universität an der amerikanischen Ostküste studiert, seit 2013 lebt er in Washington. Seine Frau mit den zwei Kindern residiert in London.

Der Iraner würde gerne in das Bankgeschäft einsteigen, aber mit seinem iranischen Pass darf er es nicht. Der Iran steht auf den Sanktionslisten der USA und der EU ganz oben.

Aber es gibt ja Henley & Partners: Kälins Firma vermittelt Sadr eine Staatsbürgerschaft von St. Kitts und Nevis. Damit ist Ali Sadr geschäftsfähig.

Im Oktober 2013, als Henley & Partners das neue maltesische Passprogramm mit einer pompösen Konferenz in einem Londoner Luxushotel feiert, bringt Kälin den Iraner mit dem maltesischen Premierminister zusammen. Augenzeugen erinnern sich, wie Joseph Muscat, dessen Stabschef Keith Schembri und Ali Sadr anschließend gemeinsam in einem Hinterzimmer verschwanden. Sadr habe damals "Interesse an einem Treffen mit dem Premierminister gehabt", erinnert sich Kälin. Nach einer "kurzen Einführung" habe es weitere "bilaterale Treffen zwischen Mr. Sadr und dem Premierminister" gegeben, an denen er, Kälin, nicht mehr beteiligt gewesen sei.

Anfang Januar 2014, ein paar Wochen nach der Begegnung in London, erhält Sadr eine Lizenz der maltesischen Finanzbehörden. Sein Geldinstitut benennt er nach einem Berg in der Schweiz: Pilatus Bank.

Zu Sadrs ersten Kunden zählt Keith Schembri, Muscats Stabschef, der bei der Pilatus Bank ein Konto eröffnet. Brian Tonna, der kahlköpfige Finanzunternehmer, richtet bei der neuen Bank nicht nur ein Konto für sein Unternehmen ein – nach Aussage von Ali Sadrs ehemaliger Assistentin, mit der die ZEIT gesprochen hat, schaut er auch regelmäßig persönlich in der Bank vorbei und führt dem Geldhaus neue Kunden zu, viele von ihnen aus dem Ausland.

Daphne Caruana Galizia beginnt zu berichten

Auf einem von Tonnas Konten bei Pilatus gehen bald 166.831 Euro ein, eingezahlt von drei Russen. Die Russen zählen zu den Millionären, die einen maltesischen Pass erwerben wollen. Nach Angaben von Beteiligten durfte Tonnas Firma auf ausdrücklichen Wunsch des Stabschefs Schembri als Vermittler in das Passgeschäft einsteigen. Bei dem Geld handelt es sich offenbar um einen Teil der Gebühren.

100.000 Euro davon leitet Tonna auf das Pilatus-Konto von Schembri weiter. Als maltesische Finanzermittler auf das Konto stoßen und nachfragen, was es mit der Überweisung auf sich habe, präsentiert Tonna eine überraschende Erklärung: Muscats Stabschef habe ihm vor einiger Zeit 100.000 Euro geliehen, weil er, Tonna, wegen seiner Scheidung finanziell ins Trudeln geraten sei. Nun habe er die Schulden beglichen.

Der Geldfluss und die fadenscheinige Begründung wären eigentlich ein Fall für die Polizei, steht doch der Verdacht im Raum, dass der Stabschef Geld von Tonna erhalten hat als Dank dafür, dass er diesen an dem lukrativen Passprogramm beteiligt hat.

Doch der Polizeichef wird in Malta direkt vom Premierminister ernannt. Er müsste also gegen den Stabschef seines eigenen Vorgesetzten ermitteln. Als die Finanzermittler ihren Bericht im April 2016 an die Polizei übergeben und um die Einleitung eines Verfahrens bitten, tritt der Polizeichef am nächsten Tag zurück, offiziell aus gesundheitlichen Gründen.

Vom Restaurant des Grand Hotel Excelsior bei Valletta hat man eine wunderbare Aussicht über den leuchtenden Hafen und die Jachten der Reichen, die dort zum Überwintern anlegen. An einem Abend im November 2017 erscheint Jonathan Ferris mit seiner Frau und seinem Anwalt zum Essen. Ferris war ein hochrangiger Finanzermittler, ein Gegenspieler der Regierungsclique. Bis man ihn aus dem Weg räumte.

An diesem Abend sieht Ferris verstört aus. Er sei am Morgen um 5.45 Uhr beim Spaziergang mit dem Hund von einem Auto verfolgt worden, erzählt er. Ohne Licht sei der Wagen hinter ihm hergefahren, im Schritttempo. Ferris hat danach seine Pistole aus dem Safe geholt, fürs nächste Mal, um sich verteidigen zu können. Er fürchtet um sein Leben.

Sechs Jahre habe er bei der Polizei gearbeitet, erzählt Ferris, Abteilung für Wirtschaftskriminalität. Ende 2016 wechselt er zur FIAU, einer Spezialeinheit für Finanzermittlungen, und wird dort Leiter der Analyseeinheit, die sich unter anderem mit der Pilatus Bank beschäftigt.

Im März 2017 verfasst seine Abteilung einen internen Bericht, in dem Energieminister Konrad Mizzi Geldwäsche und Korruption vorgeworfen wird. Dabei geht es unter anderem um dubiose Zahlungen in Zusammenhang mit der aserbaidschanischen Staatsfirma Socar. Auch Stabschef Schembri taucht in dem Bericht auf. Der Report liegt der ZEIT vor, er ist 110 Seiten dick und bis heute unveröffentlicht. Eine zentrale Rolle spielen die panamaischen Offshore-Firmen, die dem Energieminister zugerechnet werden. Es fehle eine Erklärung, warum die Offshore-Firmen ausgerechnet zu der Zeit aktiviert wurden, "als die maltesische Regierung mehrere Vereinbarungen schloss, die direkt das Ministerium von Konrad Mizzi betrafen", so die Ermittler. Es bestehe ein "hinreichender Verdacht der Geldwäsche".

Es ist der vierte Bericht der Finanzeinheit innerhalb eines guten Jahres, der Korruptionsvorwürfe gegen Regierungsmitglieder auflistet. Die Finanzbehörde leitet die fertigen Berichte an die Polizei weiter, doch die nimmt keine Ermittlungen auf.

Die maltesische Öffentlichkeit erfährt nichts von alldem. Dann beginnt die Journalistin Daphne Caruana Galizia, über die Offshore-Firmen zu berichten.

Vor einem Jahr, am Nachmittag des 20. April 2017, veröffentlicht sie auf ihrem Blog eine Recherche, wonach es eine Zahlung von rund einer Million Dollar von einem Konto bei der Pilatus Bank auf ein Konto der panamaischen Offshore-Firma Egrant Inc. in Dubai gegeben habe – einer der drei Firmen, die Muscats Freund Brian Tonna kurz nach der Wahl gegründet hatte.

Absender der Million laut Caruana Galizia: ein Unternehmen, das den Töchtern des aserbaidschanischen Präsidenten Ilcham Alijew gehört. Alijew regiert sein Land seit 2003 mit eiserner Hand. Mit Muscat hat er einen milliardenschweren Energiedeal abgeschlossen, der Malta mit aserbaidschanischem Gas versorgen soll.

Am Abend desselben Tages veröffentlicht die Journalistin einen zweiten Text. Darin behauptet sie, Michelle Muscat, die Frau des Premiers, sei die Begünstigte von Egrant Inc. Als vermeintlichen Beweis legt sie die angebliche Besitz-Vereinbarung im Wortlaut vor, allerdings eine Abschrift, deren Echtheit unbewiesen ist.

Die beiden Texte versetzen Malta in Aufruhr. Sie scheinen zu belegen, dass die Korruption bis hinauf zum Premierminister reicht. Noch am selben Abend bestreitet Joseph Muscat die Vorwürfe in einer Pressekonferenz. Weder er noch seine Frau, noch sonst jemand in seiner Familie besäßen ein Unternehmen.

"Die Bank ist eine riesige Geldwaschanlage"

In derselben Nacht filmt ein Kamerateam am Firmensitz der Pilatus Bank, wie Ali Sadr das Gebäude mit mehreren Reisetaschen durch den Seiteneingang verlässt. Wenige Stunden später, um vier Uhr morgens, startet ein Privatjet vom Flughafen Malta. Das Reiseziel: Baku, die Hauptstadt von Aserbaidschan. Die Fluglinie, spezialisiert auf die Vermietung von Privatjets, wird später behaupten, es seien keine Passagiere an Bord gewesen. Kurz darauf schließt die maltesische Tourismusbehörde einen Werbevertrag mit der Firma ab und überweist dem Unternehmen eine Million Euro.

Am nächsten Tag legt Caruana Galizia nach. Sie beschreibt, wie bei der Pilatus Bank ein Konto für die Schwester von Ali Sadr eröffnet worden sei. Von dem Konto seien 400.000 Euro in die USA überwiesen worden. Die Empfängerin, behauptet Caruana Galizia, sei eine Freundin und Geschäftspartnerin von Michelle Muscat.

Wieder dementiert der Premierminister. Sein Freund Glenn Bedingfield spricht von "der größten politischen Lüge der Geschichte Maltas".

Die Enthüllungen sind der Beginn einer Regierungskrise. Der schwer angeschlagene Muscat ruft Neuwahlen aus. Das Volk soll über seine Schuld oder Unschuld entscheiden. Niemand anderes. Wer wirklich hinter Egrant steckt, bleibt unklar. Bis heute.

Jonathan Ferris, der Finanzermittler, glaubt, er hätte das Rätsel lösen können. Seinen Chefs habe er erklärt, sein Team auf die Firma ansetzen zu wollen. Am nächsten Morgen, im Juni 2017, habe man ihn ins Büro gerufen und fristlos entlassen. Die offizielle Begründung lautet, er sei seiner Aufgabe nicht gewachsen. "Sie wollten nicht, dass ich das Egrant-Rätsel löse", meint Ferris.

Bei einer Durchsuchung der Pilatus Bank finden Ferris’ Kollegen heraus, dass die Familie des aserbaidschanischen Präsidenten Alijew, über dessen Gasgeschäfte mit Malta Caruana Galizia geschrieben hatte, tatsächlich Verbindungen zur Pilatus Bank unterhält. Ein großer Teil der Konten gehören Eigentümern aus Aserbaidschan. Einige der Konten besitzen laut Ermittlern die beiden Töchter Alijews. Allein auf einem davon sollen sich mehr als 100 Millionen Euro befunden haben, so erzählt es ein Finanzermittler, der Einblick in die Pilatus-Konten hat.

Auch die Söhne des aserbaidschanischen Ministers für Ausnahmesituationen führen rund ein Dutzend Konten bei Pilatus. Damit bauen sie ein Netz aus Firmen und Immobilien in Europa auf. Insider geben an, dass häufig Gelder zwischen den Konten hin- und hergeschoben werden. Die Bank auf Malta ist für die Aserbaidschaner offenbar nicht nur ein Einfallstor nach Europa, sondern auch eine gute Möglichkeit, die Spuren des Geldes zu verschleiern. "Die Bank ist eine riesige Geldwaschanlage", sagt der deutsche EU-Parlamentarier Sven Giegold. Und sein Kollege Fabio De Masi hält die Insel für "einen staatlichen Rückzugsraum für kriminelle Geschäfte".

Dank der Hilfe von Joseph Muscats Regierungsclique wächst die Pilatus Bank schnell. Sie eröffnet ein Büro in Zürich, ein weiteres in Dubai, sie expandiert nach London. Als der Pilatus-Chef Sadr heiratet, sitzen Joseph Muscat, seine Frau Michelle und der Stabschef Keith Schembri bei der Hochzeitszeremonie in Italien in einer der vordersten Reihen.

Auf Malta benutzt eine Hyperelite die Politik, um Gewinne zu machen, und die Gewinne, um Politik zu machen. Eine Elite, die es nicht nötig hat, Banken zu überfallen, weil man sie gründen kann, und die es nicht nötig hat, Pässe zu fälschen, weil man sie kaufen kann.

Während der Premierminister Muscat trotz aller Korruptionsgerüchte auf einen Sieg bei den Neuwahlen hofft, wird die Journalistin Caruana Galizia nicht müde, ihn öffentlich zu kritisieren. Den Handel mit den Staatsbürgerschaften bezeichnet sie als "empörend". Ganz Europa werde darunter leiden, dass die Pässe von "chinesischen Aluminium-Milliardären, israelischen Spionagesoftware-Magnaten und jordanischen Kameltreibern" missbraucht würden, schreibt sie auf ihrem Blog Running Commentary. Ihr Tonfall ist aggressiv, feindlich, mitunter vulgär.

Caruana Galizia gehört keiner Partei an, steht aber der konservativen Nationalist Party nahe, obwohl sie in vielen Punkten eher links als rechts argumentiert. Sie selbst bezeichnet sich als "liberale Demokratin".

An guten Tagen erreicht Caruana Galizias Blog mehr Leser als alle maltesischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Fangemeinde ist groß, sie ist zu einer Art Kummerkasten für alle geworden, die nicht mit der Regierung einverstanden sind. Oft kann sie sich vor Informationen kaum retten. Angestellte der Pilatus Bank, ehemalige Beamte der Polizei, Oppositionelle der Nationalist Party – sie alle wenden sich an sie.

Ihr Geld verdient sie eher nebenbei, mit einem Essensmagazin. Für die etablierten Tageszeitungen auf Malta möchte Caruana Galizia nicht mehr schreiben: zu viele Kompromisse. Sie will selbst bestimmen, was sie publiziert. Ihre Vorwürfe sind mal zutreffend, mal überzogen, manchmal auch haltlos.

Ihre Feinde nutzen das, um sie zu attackieren. "Sie war Psychologin und Psychiaterin in einem und dazu nicht nur eine Tratschtante, sondern auch eine Lügnerin", behauptet Glenn Bedingfield, der Jugendfreund des Premierministers Muscat. "Sie hat uns verachtet."

2016 eskaliert der Streit. Bedingfield, der in Muscats Büro arbeitet, eröffnet ein Anti-Blog. Mindestens einmal in der Woche schreibt er über Caruana Galizia, oft sogar täglich. Er hat bei Weitem nicht so viele Leser wie sie. In seinen Beiträgen kritisiert er nicht nur ihre Texte, sondern veröffentlicht auch Fotos von ihr, wie sie sich an öffentlichen Orten aufhält, in der Stadt, in Restaurants. Bedingfield betreibt sein Blog, während er für Muscat arbeitet. Ob Muscat davon gewusst habe? Langes Schweigen. "Der Premierminister war dafür offen, weil jeder das Recht hat, sich zu verteidigen", antwortet Bedingfield schließlich.

Die Anfeindungen verändern das Leben der Journalistin. Caruana Galizia verlässt das Haus nur noch selten. In manchen Restaurants starren die Leute sie an, wenn sie den Raum betritt. In der Altstadt von Valletta wird sie erkannt und verjagt. An den Strand traut sie sich nicht mehr, aus Angst vor Paparazzi. In die Stadt fährt sie nur noch, wenn sie ins Gericht muss. Ihre Gegner verpassen ihr Spitznamen: "die Hexe von Bidnija". Oder: "die Hass-Bloggerin". Oder: "die Galle-Königin". Das einzige Mal, dass er sie in den vergangenen Jahren glücklich erlebt habe, sei auf der Hochzeit ihres Sohnes Andrew gewesen, sagt ihr Ehemann.

Wer hat den Auftrag erteilt?

Peter Caruana Galizia ist ein großer Mann mit mächtigem Bauch. Er trägt ein rot-grau kariertes Hemd und eine dunkle Hose. Er sieht müde aus, tiefe Augenringe zeichnen sein gebräuntes Gesicht.

An einem Tag im März 2018 führt er durch das Haus der Familie. Hinter der Eingangstür hängt ein Bild einer Künstlerin, die Daphne Caruana Galizia nach ihrem Tod gezeichnet hat. Sonst ist alles so, wie die Journalistin es hinterließ. Im Wohnzimmer stehen Vasen und Figuren, die sie von ihren Reisen mitbrachte. Die Oliven auf dem Wohnzimmertisch stammen aus dem Garten, gepflückt von einem Baum, den sie gepflanzt hat. Durch das Fenster sieht man den Hügel, auf dem einer der Mörder stand.

Zum ersten Mal spricht Peter Caruana Galizia an diesem Tag über die vergangenen Monate, über seine Frau, über ihr Leben. Und über ihren Tod.

Die beiden lernten sich 1983 kennen, in einer Bar, er war 29 und ein junger Anwalt, sie neun Jahre jünger. Sie habe viel gelesen, sich begeistert über Politik unterhalten, das sei damals bei maltesischen Frauen nicht selbstverständlich gewesen. 1985 heirateten sie, 1991 kauften sie das Haus. "Sie hat es geliebt", sagt er.

Nach der Geburt der drei Söhne begann Daphne Caruana Galizia zu schreiben. Sie erhielt eine wöchentliche Kolumne bei der Sunday Times of Malta, wurde bekannter, 2008 startete sie ihr Blog. Sie legte sich nicht nur mit der Labour Party an. Als sie über maltesische Rechtsextremisten und deren Hass auf afrikanische Flüchtlinge berichtete, sprühten Unbekannte an die Außenwand ihres Hauses in Bidnija: "Daphne lutscht schwarze Schwänze". Ein paar Tage später stapelte jemand fünf Autoreifen an die Hauswand und zündete sie mit Petroleum an. Die Familie überlebte nur deshalb, weil einer der Söhne von einer Feier zurückkehrte und die Flammen rechtzeitig entdeckte.

Als Caruana Galizia die Geschäfte der Regierung zunehmend schärfer kritisiert, antwortet diese mit einer weiteren Form des Drucks: Gerichtsverfahren. Premierminister Muscat, sein Stabschef Schembri, der Minister Mizzi, sie alle reichten Klagen ein. Ein regierungsnaher Geschäftsmann verklagte Caruana Galizia an einem einzigen Tag in 19 Fällen wegen eines Beitrags auf ihrem Blog. "Sie dachten, sie könnten sie damit stoppen", sagt Peter Caruana Galizia. "Doch Daphne machte einfach weiter."

Im November 2016 vereinbart der Schweizer Christian Kälin mit Muscat und dessen Stabschef Schembri, Caruana Galizia mit einer neuen Welle an juristischen Drohungen zu überziehen. Eine bekannte Londoner Rechtsanwaltskanzlei mahnt die Journalistin im Auftrag von Kälins Unternehmen Henley & Partners ab. Caruana Galizia soll diffamierende Kommentare von ihrem Blog löschen. "Wir haben nie irgendeinem Politiker irgendetwas gezahlt", warnt Kälin sie. "Wenn Sie dies weiterhin insinuieren, summiert sich das zu einem Straftatbestand."

"Ich will mich nicht mit Formalitäten aufhalten", antwortet ihm Caruana Galizia. Stattdessen beschimpft sie den Premierminister und seinen Stabschef. Sie beschimpft den Tourismusminister und den Wirtschaftsminister, den sie einen Hurenbock nennt. "Sie alle – die Haie, die Sie ›Keith und Joseph‹ nennen – können sich Ihre Briefe und E-Mails in den Arsch stecken."

Caruana Galizia seien "die Sicherungen durchgebrannt", glaubt Kälin heute. "Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass wir nicht dieses Monster sind. Wir wollten, dass sie uns rauslässt aus diesem politischen Drama."

Am 26. September 2017 schreibt Caruana Galizia erneut, die von Kälin beauftragte Anwaltskanzlei könne sich "ihre E-Mails in den Arsch schieben".

Sie hat noch 20 Tage zu leben.

Das maltesische Volk hat seine Entscheidung zu diesem Zeitpunkt bereits getroffen. Die Regierung Muscat mag korrupt sein, ihr mag der Ruf anhaften, mit der Schattenwelt zu paktieren. Aber die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, den meisten Maltesern geht es gut. Bei den Neuwahlen im Juni 2017 siegt die Labour Party so souverän wie 2013, mit 55 Prozent der Stimmen.

Valletta, Februar 2018. In einem dunklen Gerichtssaal sitzen die mutmaßlichen Mörder von Daphne Caruana Galicia auf der Anklagebank. Rechts Alfred Degiorgio, links sein älterer Bruder George, der auf Malta "der Chinese" genannt wird und der nach Ansicht der Polizei die SMS verschickt hat, die die Bombe zündete. Dazwischen ein dritter Verdächtiger. Harmlos sehen die älteren Herren aus, mit ihrem lichten Haar, ihren faltigen Gesichtern. Doch laut Ermittlern sind sie kaltblütige Mörder. Als die Beamten sie am 4. Dezember festnehmen, hat George Degiorgio die Telefonnummer seiner Frau mit Filzstift auf seinen Unterarm geschrieben. Aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass die Verdächtigen von ihrer bevorstehenden Festnahme wussten. Jemand muss sie gewarnt haben.

Der "Chinese" steht im Verdacht, bereits früher an einem Anschlag mit einer Autobombe beteiligt gewesen zu sein, 2016 starb auf diese Weise eine Unterweltgröße, ein Rivale. Die Polizei hat Degiorgios Handy abgehört, auch am Tag der Tat. Und dank der Hilfe von Spezialisten des amerikanischen FBI wissen die Ermittler, dass Alfred Degiorgios Handy vom 7. Oktober an nahezu ununterbrochen in der Nähe von Daphne Caruana Galizias Wohnort eingeloggt war. Offenbar haben die mutmaßlichen Attentäter ihr Ziel in den letzten neun Tagen vor dem Anschlag observiert. Zwei der Burner-Phones werden Taucher der Armee später im Schlick des Hafenbeckens am Liegeplatz der Maya bergen.

Die Frage, wer Daphne Caruana Galizia umgebracht hat, scheint geklärt. Aber wer hat den Auftrag erteilt?

In einem kleinen Ort im Süden Maltas, gegenüber einer mittelalterlichen Kirche aus Sandstein, liegt die Ferdinand’s Bar. An den Tischen aus Eichenholz treffen sich Anwälte, Arbeiter, Politiker, eine bunte Mischung. Zu den Stammgästen, erzählt die Barfrau, gehöre ein Mitglied der Regierung: Chris Cardona, der Wirtschaftsminister. Über ihn schrieb Daphne Caruana Galizia im Januar 2017, er habe während eines Staatsbesuchs in Deutschland in Velbert, Nordrhein-Westfalen, ein Bordell besucht. Als Beleg führte sie unter anderem ein Che-Guevara-Tattoo an, das Cardona auf seiner Schulter trage und das einer der Gäste erkannt habe. Der Minister bestritt den Bericht und verklagte die Bloggerin. Caruana Galizias Konto wurde gesperrt, weil sie den Streitwert von mehr als 40.000 Euro nicht hinterlegen wollte. Deshalb hatte sie am Tag ihres Todes den Termin bei der Bank.

Vielleicht siegt am Ende doch noch der Rechtsstaat

Auf einem Feld in der Nähe ihres Hauses liegen die Überreste des Autos von Daphne Caruana Galizia. © STR/AFP/Getty Images

Über Cardona kursiert auf Malta ein Verdacht, der so atemberaubend ist, dass man ihn kaum glauben mag, und den man gleichwohl ernst nehmen muss – weil er durch mindestens zwei Zeugenaussagen gestützt wird und mittlerweile auch den zuständigen Ermittlungsrichter erreicht hat, der den Mord an Caruana Galizia aufzuklären versucht.

Demnach soll sich der Wirtschaftsminister Mitte November, etwa vier Wochen nach dem Anschlag, vor der Ferdinand’s Bar mit Alfred Degiorgio unterhalten haben, einem der mutmaßlichen Bombenleger. Die beiden Männer hätten sich in der Bar getroffen und seien dann eine große Runde um die nahe gelegene Kirche spaziert. Das Gespräch habe rund eine Stunde gedauert. Das Verblüffende: Die Gerüchte kursieren bereits vor der Festnahme der mutmaßlichen Mörder, sie beinhalten den Namen von Alfred Degiorgio, dessen Spitznamen "Foulu" und eine angebliche Summe, die an die Auftragskiller geflossen sein soll, etwa 200.000 Euro. Die Zeugen haben bislang nicht offiziell bei der Polizei ausgesagt, zu groß ist ihre Angst, dass sich in den Reihen der Beamten korrupte Ermittler befinden. Aber einer der Männer hat sich einem führenden Oppositionspolitiker anvertraut. Der Wirtschaftsminister Cardona, Ende vergangener Woche mit den Vorwürfen konfrontiert, sagt, er habe "keine Ahnung, wer gewollt haben könnte, dass Daphne Caruana Galizia getötet wird". Die betreffende Bar sei ein Treffpunkt für alle Teile der Gesellschaft, auch Politiker. Als erfahrener Strafverteidiger wisse er zwar, wer die Verdächtigen seien. "Ich erinnere mich allerdings an kein Gespräch mit irgendeiner der Personen und hatte definitiv keine Verabredungen mit ihnen", so der Minister. Alles andere seien "substanzlose Gerüchte und Spekulationen".

Die Aussagen der Zeugen sind kein Beweis, dass Cardona mit einem der mutmaßlichen Bombenleger gesprochen hat, und erst recht nicht dafür, dass er mit dem Mord etwas zu tun hat. Aber sie sollten Anlass sein, dieser Spur nachzugehen. Gab es das Treffen? Und ist das Geld tatsächlich geflossen, das die Degiorgios angeblich für den Mord erhalten haben?

An einem Abend im November 2017 sitzt Matthew Caruana Galizia gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Andrew auf dem Bett eines Hotelzimmers am Rande der Brüsseler Innenstadt, vor sich ein aufgeklappter Laptop mit Notizen. Matthew war an jenem Oktobertag zurückgeblieben, nachdem seine Mutter das Haus verlassen hatte. Wenig später hörte er die Explosion, sprang auf und rannte barfuß die Straße hinunter. Er habe das Auto wegen des Feuers zunächst nicht erkennen können, sagt er. Dann sah er eine der Radkappen, das Peugeot-Logo, eine furchtbare Ahnung überfiel ihn.

Er lief um das brennende Auto herum, suchte nach einem Weg, es zu öffnen. Sah einen abgerissenen Fuß auf der Wiese liegen, daneben ein Bein, halb verkohlt. Hörte die Hupe, die nicht aufhörte zu plärren, das Knistern des Feuers, das nach neuer Nahrung suchte. "Als ich um das brennende Auto meiner Mutter lief, da dachte ich nur: Diese Bastarde!", sagt er. Am nächsten Tag hat Matthew Caruana Galizia einen Text auf Facebook veröffentlicht: Seine Mutter sei getötet worden, weil sie zwischen dem Rechtsstaat und denjenigen stand, die ihn missbrauchen wollten, schrieb er. "Wir sind im Krieg, gegen den Staat und das organisierte Verbrechen, die nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind."

Als die mutmaßlichen Mörder von Caruana Galizia im Dezember festgenommen wurden, da sei die Familie in keiner Weise erleichtert gewesen, sagt Matthews Bruder Andrew. "Es war, als hätten sie die Bombe verhaftet." Der einzige Wert dieser Männer und ihrer Festnahme sei ihr Wissen, von wem sie den Mordauftrag erhielten. Aber die drei Angeklagten schweigen eisern.

An einem nieseligen Mittwoch Ende November 2017 trifft in Wiesbaden eine Delegation aus Malta ein, die aus einem Polizisten und einem Gerichtsexperten besteht. Die Malteser leiten die Ermittlungen gegen die Mörder von Caruana Galizia, sie haben sich beim Bundeskriminalamt (BKA) angemeldet, um mehr über die dubiosen Geschäfte ihrer eigenen Regierung zu erfahren. Die Deutschen haben 2017 die Panama Papers angekauft, 42 Millionen Datensätze.

Für den Besuch in Wiesbaden haben die BKA-Beamten eine Präsentation vorbereitet. Über den Bildschirm flimmern die Namen von 16 Offshore-Firmen, die Malteser in aller Stille auf Panama gegründet haben. Darunter: der Stabschef Keith Schembri, der Minister Konrad Mizzi, der Geschäftsmann Brian Tonna. Die BKA-Beamten brennen eine CD mit den Daten. Noch vor Ort versiegeln die Malteser den Briefumschlag mit der CD.

Die Hilfe hat den Segen der Bundesregierung. Sie darf sich offiziell nicht einmischen, will aber verhindern, dass die Ermittlungen unter den Tisch gekehrt werden. Denn bislang ist kein einziger maltesischer Politiker in der Mordermittlung befragt worden, nicht einmal Chris Cardona, der Wirtschaftsminister, der angeblich mit einem der Verdächtigen gesehen wurde.

Anfang Februar meldet sich ein zweiter maltesischer Ermittlungsrichter bei der Bundesregierung, diesmal mit einem Rechtshilfeersuchen. Der Richter will alles über die vermeintlichen Geschäfte von Premierminister Joseph Muscat und dessen Frau Michelle wissen, über diverse Minister sowie über die Pilatus Bank und ihren Chef Ali Sadr. Die entsprechenden Daten, die den deutschen Behörden vorliegen, umfassen 100 Gigabyte, sie sollen demnächst der maltesischen Justiz übergeben werden. Vielleicht wird es doch noch eng für Muscats Regierung. Vielleicht siegt am Ende doch noch der Rechtsstaat.

Joseph Muscat hat ein Interview abgelehnt, trotz wochenlangen Vorlaufs. Aber er ist bereit, einige schriftliche Fragen zu beantworten.

"Kein Premierminister würde unter welchen Umständen auch immer wollen, dass eine Journalistin ermordet wird", schreibt Muscat. "Das war ein Angriff auf unsere Gesellschaft." Er habe "volles Vertrauen" in die Polizei. Bezüglich der Offshore-Firmen von Schembri, Mizzi und Tonna werde er "keine wilden und unbewiesenen Spekulationen und Anschuldigungen kommentieren". Wenn es Fehlverhalten gegeben habe, sollten die Beteiligten zurücktreten. Als das Europäische Parlament Daphne Caruana Galizia im Oktober 2017 mit einer Schweigeminute ehrt, ist Muscat nicht anwesend. Er ist auf dem Weg nach Dubai, zu einer Konferenz von Henley & Partners, wo er als Hauptredner spricht. Sein Thema: exklusive Möglichkeiten für die Eliten des Mittleren Ostens.

Sein Stabschef Keith Schembri teilt mit, bei seinen Finanztransaktionen habe er sich auf seine Finanzberater verlassen. "Nichts, was meine Berater getan haben, war illegal."

Brian Tonna, der kahlköpfige Unternehmer, der die Firmen in Panama eingetragen hat, richtet aus, es sei alles gesagt.

Konrad Mizzi, der frühere Energieminister, erklärt auf Anfrage, seine panamaische Offshore-Firma Hearnville Inc. sei nie aktiv gewesen. Tatsächlich hat er das Unternehmen im vergangenen Jahr abgewickelt – nach Caruana Galizias Enthüllungen. Muscat entzog ihm das Energieministerium, beließ ihn aber als Minister ohne Zuständigkeit im Kabinett. Später wurde er zum Tourismusminister ernannt.

Ali Sadr, Chef der Pilatus Bank und Iraner mit Zweitpass aus St. Kitts und Nevis, wurde vor wenigen Wochen vom FBI festgenommen, die Vorwürfe lauten auf Verstoß gegen die Iran-Sanktionen, Geldwäsche und Betrug. Der Staatsanwalt des Southern District von New York verdächtigt ihn, ein Geflecht an Tarnfirmen gegründet zu haben, um in Venezuela Wohnungen für 115 Millionen Dollar zu bauen. Sadr drohen bis zu 125 Jahre Haft. Der Iraner habe für das illegale Geschäft "seinen Reisepass aus St. Kitts und Nevis genutzt", sagt der US-Staatsanwalt – jenes Dokument, das er bei Henley & Partners gekauft hatte. Alle Konten der Pilatus Bank sind eingefroren. Sadrs Anwälte wollen sich zu den Ermittlungen nicht äußern.

Christian Kälin, der Henley-Chef, versteht bis heute nicht, warum das Passprogramm so kritisch gesehen wird. Europa bürgere pro Jahr rund 800.000 Menschen ein. Für Kälin ist diese Zahl das Problem, nicht die kleine Zahl von superreichen Neu-Maltesern. "Wir sind zwischen die Fronten geraten", klagt er.

Am Abend vor Caruana Galizias Tod parkt der Peugeot vor dem Landhaus der Familie. Als sich Peter, Daphne und Matthew Caruana Galizia schlafen legen, nutzen die Mörder die Dunkelheit der Nacht, um den Wagen zu präparieren. Den Sprengsatz aus TNT oder einem Derivat, wird die Polizei später ermitteln, montieren sie direkt unter dem Fahrersitz.

Am nächsten Tag, bevor sich Daphne Caruana Galizia ein letztes Mal ins Auto setzt, schreibt sie noch einen kurzen Beitrag für ihr Blog. Es geht um Keith Schembri. Der Text endet mit einem Satz, der zu ihrem Vermächtnis geworden ist und der viel über Malta aussagt. Ein Hilferuf und eine Kapitulation zugleich. "Überall, wo man hinschaut, sind Verbrecher", schreibt sie. "Die Lage ist verzweifelt."