"Was gibt es Würdigeres und Tröstlicheres, um der Toten zu gedenken, als die Musik?", sagt der Kantor.

"Wir müssen diesen Ort von einem Bann erlösen", sagt der Regisseur.

Der Ort ist Demmin, die von einer Seen- und Flusslandschaft umgebene Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern. Der Kantor heißt Thomas K. Beck, ist Ende vierzig und lebt dort seit 1995. Der Regisseur ist Hans-Jürgen Syberberg, Autor monolithischer Kinomeisterwerke: Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König; Karl May; Hitler, ein Film aus Deutschland. Um die Jahrtausendwende kam Syberberg, der in Nossendorf bei Demmin groß wurde, aus München in die Region zurück. Er blieb, um das verfallene Gut seiner Familie zu renovieren, zu bewohnen, zu beleben.

Syberberg und Beck sind die zentralen Figuren einer symbolischen Wiederaneignung. Oder auch der kulturellen Auseinandersetzung mit einem Trauma: Anfang Mai 1945 kam es in der Kleinstadt Demmin zum größten Massenselbstmord der deutschen Geschichte. Hunderte von Menschen nahmen sich aus Angst vor der Roten Armee das Leben. Mütter ertränken sich mit ihren Kindern im Fluss, Väter erschossen ihre Familien, die Menschen schnitten sich die Pulsadern auf, erhängten, vergifteten sich – vorsichtige Schätzungen sprechen von 500 Toten, andere von mindestens 1000. Seit Jahren findet in Demmin am 8. Mai ein rechtsextremer Trauermarsch statt, der den Massensuizid im Sinne nationalsozialistischer Propaganda vereinnahmt. Dem gegenüber steht die linke Gegendemonstration. Und dazwischen sieben Hundertschaften der Polizei. Über Leben in Demmin, ein Dokumentarfilm von Martin Farkas, der im Frühjahr in die Kinos kommt, beleuchtet die historischen Hintergründe des kollektiven Suizids, lässt Überlebende zu Wort kommen, registriert den Nachhall des Traumas im Alltag der Stadt. Der Film zeigt den 8. Mai als einen Tag, an dem es in Demmin um alles Mögliche geht, aber nicht um ein Gedenken: Neonazis halten im Fackelschein Hetzreden. Gegendemonstranten blasen in Trillerpfeifen und rufen: "Ihr habt den Krieg verloren!" Auf dem Marktplatz findet eine müde Friedensveranstaltung statt, mit geklampften Liedern, Luftballons und einer Hüpfburg.

In diesem Jahr wird es zum ersten Mal ein wirkliches Gedenken geben: die feierliche Aufführung von Mozarts Requiem am 5. Mai in der neugotischen Kirche St. Bartholomaei mit dem Kirchenchor von Demmin. Dirigieren wird das Requiem der Kantor Beck. Er habe es immer erschreckend gefunden, wie die Rechten diesen Massensuizid besetzen, sagt Beck. Bei der Aufführung des Requiems gehe es nicht nur um die deutschen Toten, sondern um alle Menschen, die hier im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren hätten. "Es geht aber auch um eine Resilienz im Angesicht der Geschichte. Eigentlich hätte die Stadt tot sein müssen. Aber sie existiert noch, und es gibt auch viel Positives, tolle Menschen, die hier was bewegen. So wie Herr Syberberg."

Der jungenhafte Herr Syberberg sitzt im Arbeitszimmer seines Gutshauses und sagt: "Wir müssen den Rechten, die mit Bussen ankommen, dieses Gedenken wegnehmen. Und den Linken, die mit anderen Bussen herkommen und glauben, sie müssten hier die Republik retten." Die Idee zum Requiem als offizieller Gedenkveranstaltung der Stadt Demmin entstand in Gesprächen zwischen Beck und Syberberg. Sie setzt ein anderes Projekt der kulturellen Wiederaneignung fort: Im vergangenen Herbst baute Syberberg, unterstützt von Helfern und Spendern, das historische Café Zilm auf der Freifläche des alten Marktplatzes wieder auf – einst war das Café Mittelpunkt des zivilen, bürgerlichen Lebens von Demmin. Zusammen mit der gesamten Innenstadt war das Gebäude im Mai 1945 von Bränden zerstört worden. Syberberg ließ es vorübergehend als zwölf mal zwölf Meter großes Gerüst wiederauferstehen, überspannt von einer Plane mit Ansichten des Cafés. Vierzehn Tage lang organisierte er darin Film-, Gedicht-, Konzertabende – allesamt mit der Geschichte des Ortes verknüpft. "Am Ende fanden drei Abende statt, an denen einfach nur gesungen wurde, begleitet von Ziehharmonika und Geige", erzählt der 82-jährige Regisseur. "Es war ganz überraschend, wie die Demminer den Ort annahmen, bis weit nach draußen hörte man ihre Lieder durch die Plane hindurch: Guten Abend, gut’ Nacht, Weißt du, wie viel Sternlein stehen. Zu den Gesangsabenden kam auch Syberbergs heute 94-jährige Demminer Volksschullehrerin Marlies Hamann, um die Kanons zu dirigieren. Das Café Zilm ist eine typische Syberberg-Unternehmung: vom Traumgespinst zur Vision, zum konkret gelebten Geschichtskunstwerk.

Fährt man durch die wildromantische Wasserlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern nach Demmin hinein, entlang der irgendwie orientierungslos verstreuten Plattenbauten, dann scheint es wirklich so, als sei hier ein Stück Geschichte verschüttet, verschwunden. Als könne erst die Anknüpfung an die Trauer eine Erlösung, Verlebendigung bringen.