Seit bald 100 Tagen haben die Grünen eine neue Führung, über die nur Gutes gesagt werden kann – fast. Die Neuen haben einen eigenen Ton, sie gehen in der seit Jahrzehnten gespaltenen Parteizentrale das Wagnis der Gemeinsamkeit ein und lenken die grüne Energie weg von Flügelkämpfen hin zur Wirklichkeit.

Außerdem haben sie das Thema Hartz IV wieder auf ihre Tagesordnung gesetzt, was auch taktisch klug ist, denn: Wer die SPD als stärkste linke Kraft im Lande ablösen will, der muss ihr sozial auf den Leib rücken. Allerdings haben Annalena Baerbock und Robert Habeck die strikte Ablehnung der Gentechnik in der Landwirtschaft gelockert. Wobei man sich hier schon fragt, wozu, denn wenn die Welt an etwas nicht leidet, dann an der grünen Kritik dieser Technologie, die überall auf dem Vormarsch ist.

Entscheidender für die Bewertung der neuen grünen Führung ist jedoch, was eben nicht vor aller Augen geschehen ist, sondern was stillschweigend unterblieb:

• Am 23. März meldete die Süddeutsche Zeitung im Wirtschaftsressort, dass laut einer Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover jährlich 13 Millionen Schweine auf dem Müll landen, weil sie vor Erreichen der Mastreife erkranken oder versterben.

• Eine Woche später berichtete die SZ an gleicher Stelle, dass im Jahr 2017 etwa 45 Millionen männliche Küken geschreddert wurden, noch einmal eine Million mehr als im Vorjahr. Und das, obwohl die Bundesregierung seit Jahren versprochen hat, diesen Spuk zu beenden.

• Am 2. April schrieb Spiegel Online, dass die Flüsse in Deutschland zwar sauberer geworden sind, in ihnen jedoch wenig Leben herrscht. Dies ging aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor und zeigt schlaglichtartig, wie dramatisch sich das Artensterben in Deutschland entwickelt.

• Nur zwei Tage später vermeldeten zahlreiche Zeitungen, dass die Pkw-Dichte in Deutschland 2016 auf ein neues Rekordhoch geklettert ist. 555 Autos kommen auf 1000 Einwohner, was nicht nur einen Hinweis darauf gibt, warum die Bundesregierung ihre selbst gesetzten Klima-Ziele notorisch und absichtlich verfehlt, sondern auch erklärt, warum die deutschen Städte immer stressiger werden.

Alle vier Beispiele zeigen, dass der galoppierende ökologische Wahnsinn zu einer heimlich akzeptierten Realität geworden ist. Die Beispiele legen aber auch ein strategisches Defizit der Grünen und ihrer neuen Führung offen. Schließlich gelang es ihr in keinem der genannten Fälle, das Skandalöse zu skandalisieren und ins Zentrum der Öffentlichkeit zu rücken. Die Politisierung des Bienensterbens vor einigen Monaten ist bislang die einzige Ausnahme. Davon abgesehen, vermochten es die Grünen bisher in keinem Fall, den zwischen den Zeilen des schwarz-roten Koalitionsvertrags versteckten Beschluss kenntlich zu machen, der da lautet: Wiedervereinigung mit dem Volk/den Arbeitern durch Abschied von "zu viel" Ökologie.

Offenbar haben die Grünen keinen ökologischen Wumms mehr. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Angela Merkel hat es lange geschafft, sich einen grünen Anstrich zu geben; Sachzwänge der in den Ländern regierenden Grünen engten den Spielraum der Bundespartei ein; den Grünen wurde mit der Kampagne gegen die harmlose und ökologisch äußerst bescheidene Idee eines Veggie-Days der Schneid abgekauft; der Mainstream der Medien behandelt die Ökologie als nachrangiges Thema, obwohl der Blick in die Bestsellerlisten und in die Umfragen zeigt, dass eine solche Abwertung ein reines Berliner-Bubble-Phänomen ist; die Deutschen haben nicht etwa kein ökologisches Gewissen, sondern ein allzu gutes und lügen sich beim Flächenverbrauch, beim Plastikmüll, beim Verkehr und beim Tierwohl gewaltig was in die Tasche.

Kurzum: Die Kluft zwischen dem, was ökologisch getan werden müsste, und dem, was ökologisch getan wird, geht ebenso auseinander wie die Kluft zwischen dem, was Politik, Medien und Bevölkerung sich einreden, und dem, was in der real existierenden Natur geschieht – das sind die strategischen Probleme der Grünen. Nicht die Gentechnik oder Hartz IV.