Bernhard Vogel, 86, hat immer noch viel tun, vor allem an diesem Samstagmorgen. Er muss sich schon beim Frühstück die Ausführungen seines CDU-Parteifreundes Christoph Bergner über die Gehälteraffäre anhören, bei der Anfang der neunziger Jahre Regierungsmitglieder in Sachsen-Anhalt beschuldigt wurden, zu viel Geld zu kassieren. Ein Vierteljahrhundert später klingen Bergners Anmerkungen dazu wie ein langer Witz ohne Pointe. "Hm, hm", macht Vogel. Seine Aufmerksamkeit ist nicht ungeteilt, denn zugleich steht er vor dem Problem, dass ihm die Marmelade vom Croissant zu gleiten droht. Er balanciert lange die komplizierte Statik aus. Vor ihm fuchtelt, was die Sache nicht leichter macht, Bergner mit dem Buttermesser herum, als wollte er unsichtbare Widersacher erdolchen.

Neun ehemalige Ministerpräsidenten sind in ein Vier-Sterne-Hotel in Scheidegg im Allgäu gekommen, Vogel (Rheinland-Pfalz und Thüringen), Bergner (Sachsen-Anhalt), Günther Beckstein (Bayern, CSU), Erwin Teufel (Baden-Württemberg, CDU), Stanislaw Tillich (Sachsen, CDU), Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt, CDU), Reinhard Klimmt (Saarland, SPD). Auch Michael Vesper von den Grünen ist da, der 2002 für einen Monat kommissarisch Nordrhein-Westfalen regiert hat. Und der weithin in Vergessenheit geratene Gerd Gies (Sachsen-Anhalt, CDU).

Gies wirkt, als hätte er diesen Kurzurlaub im Preisausschreiben gewonnen. Etwas ratlos schaut er zwischen dem Brötchen auf seinem Teller und den prominenten Kollegen hin und her. Ob er sich ihnen vorstellen muss, fast dreißig Jahre nach seiner nur achtmonatigen Amtszeit? Auch den anderen scheint nicht ganz klar zu sein, wozu das "erste Treffen der ehemaligen Ministerpräsidenten der Bundesrepublik Deutschland" führen soll, das auf Einladung Becksteins, Teufels und des Scheidegger Bürgermeisters stattfindet. Soll hier ein Thinktank der Veteranen entstehen? Dagegen spricht, dass Koch, McAllister, Albig, Kraft oder Mappus, die an Einfluss noch ein vitales Interesse haben, fehlen. Ist es also bloß das Goldene Abitur der politischen Klasse?

Für Manfred Przybylski, einst Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Recklinghausen, hat die Sache noch eine andere Ebene, und vielleicht ist es die wesentliche: "So viel Werbung, wie dat hier bringt, kannze gar nich bezahlen", sagt er und blickt zufrieden auf die Frühstückenden. Er ist Geschäftspartner des Industriellen Alois Berger, dem das neu erbaute Hotel gehört, und hat das Treffen organisiert. Hier sollen noch viele Tagungen von möglichst noch Mächtigeren stattfinden. Ein Golfplatz sei in Planung.

Damit die Ehemaligen in ihren Bundesländern viel Gutes über das Allgäu erzählen, ist für den Tag ein Ausflug angesetzt. Mit dem Bus werden sie zum "Skywalk" gebracht, einem Wanderweg über Baumwipfeln, dann zu einer Schiffsrundfahrt auf dem Bodensee und schließlich zu einer Führung durch das Lindauer Rathaus.

"Cremt euch ein!", ruft Reiseleiter Przybylski durchs Foyer. "Sonnenbrandgefahr!" Von einer Rentnergruppe, die auf eine Verkaufsveranstaltung für Heizkissen zusteuert, ist die Reisegesellschaft in diesem Moment nur noch dadurch zu unterscheiden, dass sie von drei Beamten der örtlichen Polizei eskortiert wird. Es sei gut für das Ego der Gäste, sagt Przybylski, dass sie mal wieder beschützt würden. Auf ihrem Karrieregipfel hätten sie sechs Personenschützer gehabt, dann nur noch vier, zwei und bald gar keinen mehr. Das sei für viele eine Kränkung gewesen, ein Absturz.

50 Meter hoch ist die Aussichtsplattform des Skywalks, zur Erleichterung der meisten gibt es einen Fahrstuhl. Nur Vesper, Klimmt und Tillich, der mit seiner modischen Sonnenbrille so viril erscheint, als wäre er sein eigener Personenschützer, nehmen die Treppe. Oben angekommen, blickt Teufel auf sein Baden-Württemberg wie ein König im Exil. Klimmt erklärt den anderen, dass Tannen einen hängenden, Fichten hingegen einen stehenden Zapfen hätten. "Hm, hm", macht Vogel.