In den USA besteht kein Widerspruch zwischen einer "amerikanischen" und einer migrantischen Identität. Man kann ein chinesischer Amerikaner sein oder ein jüdischer Amerikaner. Bisher hat Deutschland diese Bindestrich-Identitäten kaum in sein Bewusstsein eindringen lassen, in die Sprache aufgenommen wurden nur die Deutschtürken und die Russlanddeutschen. Vielleicht ist es eine der wichtigen Lernaufgaben für uns als Einwanderungsgesellschaft: zu akzeptieren, dass Zuwanderer eine Zeit im "Dazwischen" haben. Und dass es in einer liberalen Gesellschaft letztlich immer der Einzelne ist, der sich zwischen dem Verlassenen und dem Gewonnenen, zwischen der alten und der neuen Zugehörigkeit positioniert. Integration ist immer ein individueller Prozess.

Als liberal denkender Mensch bin ich fest davon überzeugt, dass es keine andere politische Ordnung gibt, die der Würde und der Freiheit des Menschen derart Rechnung trägt wie die demokratische Bürgergesellschaft. Deswegen ist es wichtig, ein Wir-Gefühl auf unsere freiheitliche und demokratische Tradition zu stützen, wie sie mit der Magna Charta 1215 ihren Anfang nahm, zwischen 1787 und 1791 ihren Ausdruck in der amerikanischen, französischen und – was oft vergessen wird – der polnischen Verfassung fand, mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg bekräftigt und im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert wurde.

Wir brauchen eine derartige, für alle gemeinsame Grundlage, und wir brauchen sie umso mehr, je weniger sich ein gesellschaftlicher Zusammenhalt auf ethnische und kulturelle Homogenität stützen kann. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass Vertrauen und Kooperation in einer Gesellschaft abnehmen, in der die Verschiedenheit wächst. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass Vertrauen und Kooperation in Ländern mit großzügigen Sozialleistungen von besonderer Bedeutung sind. Wir brauchen also ein Band, das in einem multikulturellen und multiethnischen Sozialstaat wie Deutschland tatsächlich eine Loyalität von vielen Verschiedenen gegenüber dem Gemeinwesen begründet.

Immer wieder ist in den letzten Jahren daher über eine Leitkultur diskutiert worden. Ich sehe durchaus, dass diese Debatte auf etwas verweist, was im Alltag offensichtlich als Mangel empfunden wird: eine Richtschnur, die uns, die Verschiedenen, miteinander verbindet und als Staatsbürger verpflichtet. Allerdings habe ich meine Zweifel daran, dass ein relativ konkreter Kanon kultureller Verhaltensweisen gefunden werden könnte in einem Deutschland, das in den letzten Jahrzehnten von Traditionsschwund und Traditionsbrüchen geprägt ist. In einem Land zudem, in dem die politische Rechte mit Leitkultur gern möglichst weitgehende Assimilation durchsetzen möchte, die politische Linke hingegen an der angeblichen Höherwertigkeit der eigenen Kultur Anstoß nimmt.

Vielleicht reicht sie doch, jene Leitkultur, die Bassam Tibi 1996 erstmals begrifflich einführte und als "innere Hausordnung" definierte. Eine primär staatsbürgerliche Leitkultur, die aufbaut auf den allgemeinen Prinzipien der politischen Moderne wie Demokratie, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft. Die zwar ähnlich abstrakt ist wie das Grundgesetz, aber doch ebenso wie das Grundgesetz eine Richtschnur.

Zudem scheint es mir auch gar nicht so sehr die fehlende Leitkultur zu sein, die uns hindert, die nächsten Schritte für ein besseres Zusammenleben zu tun. Es sind eher Unsicherheit, erwachsen aus einem Identitätsgefühl, das nicht mehr als eindeutig und tragend erlebt wird, und eine daraus resultierende, häufig zu beobachtende Unentschlossenheit im Handeln. Dabei denke ich sowohl an die Politik, die die Weichen zu stellen hat, wie an uns Bürger, die wir aus Angst, als rassistisch gebrandmarkt zu werden, Probleme nicht unbedingt in voller Schärfe benennen. Beispielsweise weiß ich aus Schulen, dass Konflikte oft bagatellisiert oder unter den Teppich gekehrt werden, damit der gute Ruf der Schule nicht leidet. Dabei weiß jeder aufgrund seiner Lebenserfahrung: Probleme, die nicht benannt werden, können nicht gelöst werden.

Ich wünsche mir beispielsweise, dass die Politik Lehrer, Sozialarbeiter und Kindergärtner mit interkulturellen Kursen für die Erziehung in Gruppen mit hohem Migrantenanteil rüstet, sie zu klarem, Werte vermittelndem und Regeln einforderndem Handeln ermutigt und ihnen in schwierigen Situationen Rückendeckung gibt.

Ich wünsche mir, dass Lehrer und Sozialarbeiter ein Klima schaffen, in dem bei Konflikten nicht weggeschaut, sondern offen thematisiert und kritisiert wird, wenn Lehrerinnen respektlos behandelt werden. Wenn Schüler andere Schüler demütigen, denunzieren, bedrohen, nur weil sie nicht der angeblich allein selig machenden Religion oder der angeblich höherwertigen Ethnie angehören.

Ich wünsche mir, dass Politik und Lehrer Eltern noch stärker als bisher in die Konfliktlösung einbeziehen und die Übernahme von Verantwortung anmahnen, und sei es notfalls mit Sanktionen.