Der Talkmaster Jimmy Kimmel hat eine Zeit lang die Emmys, die amerikanischen Fernseh-Oscars, moderiert. Einmal sagte er zu Beginn: "Heute Abend erleben Sie die größte Schauspielkunst. Sie sehen Leute, die nominiert sind und so tun, als würden sie sich für andere freuen, wenn die gewinnen."

Beim Nannen-Preis ist das anders. Ich glaube, es gibt wenige Wettbewerbe, bei denen Wohlwollen und Anerkennung so deutlich den Ton angeben. Und das ist richtig so: Alle nominierten Journalisten haben Großartiges geleistet.

Der Spiegel, der stern, der Schweizer Tages-Anzeiger und auch die ZEIT haben gewonnen. Ich könnte nun schwärmen von der Martin-Schulz-Story, für die Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen die höchste Ehrung, den Kisch-Preis, erhalten hat. Ich könnte die Recherche meiner Kollegen vom Investigativ-Ressort anpreisen, eine Geschichte über das Attentat am Berliner Breitscheidplatz, oder den so aufrüttelnden wie bewegenden Text von Caterina Lobenstein über eine Pflegerin (Preis in der Kategorie Dokumentation). Aber das hier ist eine Ausgehkolumne, und das Ausgehen besteht an solchen Abenden aus vielen kurzen Gesprächen und Begegnungen.

Zwei Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Ich habe eine Reporterin getroffen, die kurz zuvor zur Teamleiterin ernannt worden war, eine exzellente Journalistin, deren Texte und Ideen ich schätze. Spontan erzählte sie, in einer Konferenz sei ein Kollege türenschlagend hinausgestürmt. Ich konnte sehen, wie sehr dieser Konflikt sie bewegte, und ich dachte, dass das eigentlich ein Glücksfall ist, wenn Führungskräfte empfindsam sind und umsichtig und nicht abgebrüht und kaltschnäuzig. Ich habe in den Neunzigern als Werbetexter angefangen, da hatte ich einen Chef, der knallte auf die Sachen manchmal einen Stempel: "Scheiße, noch mal."

Mir ist außerdem aufgefallen, dass die Begrüßungsformel "Geht’s gut?" immer noch sehr beliebt ist. Ich habe diese Frage oft an diesem Abend gehört, manchmal begleitet von einem nervösen Lachen, als ob die Leute Angst hätten vor der Antwort.

Natürlich ist das eine Konversationsformel, aber ich finde sie autoritär und uncharmant.

Der Nächste, der mich fragt: "Geht’s gut?", dem erkläre ich es ganz genau. "Mir? Heute? Also, gut würde ich nicht sagen, vielleicht eher so semiordentlich. Nein, halt, semiordentlich, Tendenz ordentlich. Oder warten Sie mal, es ist vielleicht eher suboptimal-ordentlich mit einer Semitendenz. Kann man das sagen: Semitendenz? Ja? Okay, also mit einer Semitendenz, nur in welche Richtung? In Richtung gut, vermute ich mal, aber auf so eine pragmatische Art. Hmmm ... Nein, jetzt hab ich’s! Also, mir geht es ..."