Müssen Verleger jedes Buch, das in ihrem Katalog angezeigt wird, auch lieben? Wenn man die ausufernden Programme der Konzernverlage anschaut, möchte man ein solches Gefühl nicht unterstellen. Und die Lektoren, die oft monatelang an einem Text gearbeitet haben und dennoch nicht verhindern können, dass die Resonanz flau ausfällt, sind sie verpflichtet, wenigstens "ihre" Bücher zu lieben? Jeder Lektor weiß, dass auch ein authentischer Schriftsteller, dessen Bücher normalerweise nicht schon nach drei Monaten wieder vergessen sind, nicht nur Meisterwerke schreiben kann. Aber wie sagt man es dem Kinde? Hält der Lektor die Klappe und schiebt die eintrudelnden schlechten Kritiken auf die Borniertheit der Kritiker? Und den Misserfolg des Buches auf den Buchhandel, der die hohen Qualitäten des Meisterwerks nicht gesehen hat? Oder auf die Zeit, die eben im Moment nur das Mittelmaß bevorzugt, während sie die kühne Literatur lediglich am Rande wahrnimmt? "Der Lektor", schreibt Elisabeth Borchers, "ist ein abgerichtetes Wesen. Er hat den Verlag und den Autor zu bedienen. Ein unaufhörlicher Akt der Unterordnung und Selbstverleugnung muss es sein, er muss sich Lügen strafen."

Vielleicht ist das der Grund, warum Lektoren so selten über ihre Erfahrungen mit Schriftstellern geschrieben haben, zumal in einer Zeit des gnadenlosen Kampfes um Aufmerksamkeit, wo jeder Tag, den ein Buch im Schaufenster bleibt, zählt. Über Erfolge ist leicht reden, besonders in Nachrufen, wenn alle Kämpfe geschlagen sind. Aber wer spricht von den Misserfolgen, von den vielen Autoren und Büchern, die es nicht geschafft haben? Fünf von hundert Autoren können von den Honoraren ihrer Bücher leben, alle anderen sind auf Stipendien, Preise, Vorschüsse angewiesen – oder sie müssen ihr Geld mit einem anderen Beruf verdienen, der ihnen Zeit lässt, ihrer "wahren Bestimmung" nachzugehen. Der Bezeichnung "freier Schriftsteller" ist jedenfalls nicht zu trauen. Der große polnische Dichter Tadeusz Różewicz berichtete von dem Münchner Hotelportier, der nach Lektüre des ausgefüllten Meldezettels – Beruf: freier Schriftsteller – auf Vorkasse bestand. Ein polnischer freier Schriftsteller war in den Augen des Rezeptionisten ein weißer Elefant, dem nicht zu trauen war.

Ein großer Name ist nun schon gefallen: Elisabeth Borchers (1926–2013) war eine legendäre Lektorin in den Verlagen Luchterhand und Suhrkamp, außerdem Dichterin und Übersetzerin. Ihr Freund, der Schriftsteller Arnold Stadler, hatte ihr nach ihrem Ausscheiden aus dem Suhrkamp Verlag geraten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben: als rücksichtslosen Blick auf Verlag, Autoren, Bücher, Manuskripte. "Kein Pardon soll gegeben werden."

Am Himmelfahrtstag 1999 beginnt Elisabeth Borchers damit, das von vielen Kollegen beneidete Betriebsgeheimnis des bedeutendsten deutschen Verlages der Nachkriegszeit zu lüften. Am 12. Juni 2005 gibt "das literarische Gewissen des Suhrkamp Verlags", wie Siegfried Unseld sie zu nennen pflegte, das kühne Vorhaben auf. Die knapp 150 Seiten, die sie schon zustande gebracht hat, wandern später in den Nachlass, aus dem sie von ihrem Sohn Ralf Borchers und dem Kritiker Martin Lüdke befreit und im Verlag weissbooks – einer Gründung von zwei ehemaligen Suhrkamp-Kollegen von Elisabeth Borchers – jetzt zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Warum war diese kluge, ironische, alles andere als spießige, belesene, mit allen Wassern des mit Recht so benannten Literaturbetriebs gewaschene Schriftstellerin gescheitert? War es Unvermögen, nach Hunderten von Gutachten, Sitzungen, Gesprächen mit Verlagsmenschen, Autoren und Kritikern einen fairen oder meinetwegen auch unfairen Blick hinter die Kulissen zu werfen? Oder war es Scham, etwas auszuplaudern, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war? Heute muss man sagen: Auf jeden Fall tat sie gut daran, das Manuskript in dieser Form nicht zu veröffentlichen – und doch ist man dankbar, es lesen zu dürfen.

Und zwar nicht deshalb, weil einige Interna zur Sprache kommen: über Siegfried Unseld, Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Jurek Becker, Max Frisch, Marie Luise Kaschnitz oder Uwe Johnson. Der unerschrockene Kommentar der berühmten Lektorin zu Deutschlands erster Autorenriege: "Wohin man schaut und liest: Hochstapelei. Selbst in den oberen Rängen, selbst in den Logen. Man kommt nicht umhin, vor sich selbst zu erschrecken, wie dreist man (ich meine mich) zugestimmt hat, wohlwissend, dass es sich um Machwerke handelte. Wer bliebe verschont? ... Welch ein Pfusch, wohin man sieht und hört."

Interessant sind die Hinweise darauf, nicht wirklich anerkannt worden zu sein, weil nirgendwo vermerkt ist, wie groß der Anteil der Arbeit des Lektors am fertigen Werk gewesen ist: "Dass der Bestseller-Liebhaber unser Buch geworden ist, hat der Verleger (mit Verlaub) mir zu verdanken", schreibt sie zum Erfolg von Marguerite Duras’ Roman Der Liebhaber; " Irgendwann werde ich eine Auflistung all meiner ›Beiträge‹ machen, die dem Verlag noch heute zugutekommen." Oder nach einem Gespräch über eine geplante Reihe von Liebesgedichten im Insel-Verlag: "Nein, sie kommen nicht auf die Idee, meinen Namen dazuzunehmen." Die Bitterkeit ist evident und schreit zum Himmel. Sie hat sich die größte Mühe gegeben und wird dann nicht einmal zum Geburtstag (in diesem Fall von der Kaschnitz) eingeladen.

"Das Vorbei hat spät bei mir begonnen"

Das eigentliche Ereignis dieses Buches, das als eine Enthüllung des Jahrmarkts der Eitelkeiten gedacht war, ist das Protokoll des persönlichen Liebesverlusts einer alternden Frau und des dadurch einsetzenden Prozesses der Vereinsamung. Man liest mit Bewunderung und Beklemmung, wie präzise die verschiedenen Stufen des Alleinseins beschrieben werden. "Das Vorbei hat spät bei mir begonnen, überfällt mich aber jetzt umso heftiger." Der Liebhaber meldet sich nicht zur verabredeten Zeit, die Freunde sterben, die Kälte nimmt zu. "Manchmal ist die Kälte so schmerzhaft, als müssten die Gliedmaßen amputiert werden. Visionen dieser Art verfolgen mich. Ein Schwarm schwarzer Vögel durchquert das Fenster." Oder später: "Warum bin ich ohne deine Adresse, ohne Telefonnummer, warum? Ich verstehe das Verfahren seit Jahren nicht. Bitte, warum?" Und die letzte Eintragung, bevor Elisabeth Borchers vor der offenbar unendlichen Mühe des Weiterschreibens kapituliert hat: "Eben hat Frau Feist angerufen: Heute nicht, etwas sei dazwischengekommen, am Mittwoch um 15.30 Uhr. Wie dem auch sei. Warum warte ich auf deinen Anruf? (Vielleicht weil du neugierig sein könntest? Aber es gibt Wichtigeres auf Erden.)"

In meiner Jugend gab es drei Monologe für alte Schauspielerinnen, die auf allen Bühnen auf sehr unterschiedliche Weise erfolgreich waren: Cocteaus Die menschliche Stimme, Fred Dengers Langusten und natürlich Becketts Glückliche Tage. Es wäre eine schöne Vorstellung, wenn der zu Herzen gehende Monolog meiner ehemaligen Kollegin Elisabeth Borchers den Weg auf die Bühne finden würde.

Elisabeth Borchers: Nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Ein Fragment; 
weissbooks, Frankfurt am Main 2018; 167 S., 22,– €, E-Book 16,99 €