Was die Fernsehserie vom Kinofilm unterschied, war Intimität. Kaum ein Medium wird so privat, so heimlich konsumiert wie eine Serie: Unter der Bettdecke flackert das Laptop-Licht, und der Trost in einer schlaflosen Nacht heißt HBO und Netflix. Im Kino bist du Teil des Publikums, mit der Serie bist du allein – oder vielleicht noch zu zweit.

Serien schienen auch deswegen lange kein passender Stoff zu sein für den alles verzehrenden Festival- und Eventbetrieb. Inzwischen hat sich das geändert: Überall in Europa haben, als Ergänzung zu den etablierten Film-Festspielen, Festivals für Fernsehserien den Betrieb aufgenommen. Anfang April feierte gerade die Canneseries Premiere – eine Ausgründung des mächtigen Filmfestivals, acht Tage und Nächte lang ging es in Cannes nicht ums Kino, sondern allein ums Qualitätsfernsehen.

Der nächste Termin dann im Kalender der TV-Treffen, fast schon ein Klassiker: Am 27. April wird die neunte Ausgabe des großen französischen Serien-Festivals Séries Mania eröffnet. 50.000 Besucher kamen im letzten Jahr, um Welt- und Europa-Premieren zu begutachten und mit Fernsehmachern und Schauspielern zu diskutieren. 2018 wird auf der Séries Mania unter anderem die Premiere der neuen HBO-Prestigeserie Succession zu sehen sein, außerdem sprechen die Drehbuchautorin Charlie Covel (The End of the F***ing World) und der Regisseur Jeremy Podeswa (Game of Thrones, Homeland, The Handmaid’s Tale) über ihre Arbeit. Bisher war das Festival immer im Herzen von Paris zu Hause, nun ist man umgezogen nach Lille, ganz in den Nordosten des Landes – für deutsche Zuschauer wird die Anreise also kürzer.

Wem Séries Mania zu groß und zu kontinentaleuropäisch ist, der kann am 3. Mai auch nach Manchester flüchten, zum kleinen Pilot Light TV Festival, bei dem zutiefst britische Fernseh-Helden wie Julie Hesmondhalgh (Coronation Street, Broadchurch) und Christopher Eccleston (Dr. Who) zu Gast sein werden.

Am 7. Juni startet dann in Berlin das noch junge TV Series Festival. Ein Highlight dort: die Deutschlandpremiere von The City & The City, die neue, irre Science-Fiction-Serie der BBC, mit Maria Schrader in einer der Hauptrollen. Außerdem sind Gespräche und Interviews mit den Machern der wichtigsten deutschen Produktionen angekündigt, die 2018 noch ins Fernsehen und ins Internet kommen – zum Beispiel das Remake von Das Boot.

Später im Juni beginnt vor den Toren von Paris das Festival Série Series, vom 26. bis zum 28. kommen im Städtchen Fontainebleau Fernsehmacher und -Fans zusammen, das diesjährige Programm wird im Mai veröffentlicht. Ebenfalls noch nicht fertig ist das Programm der Serienale, die seit 2016 in Berlin stattfindet – voraussichtlicher Termin dieses Jahr: vom 17. bis 21. Oktober. Und weil Deutschlands heimliche Serienhauptstadt nicht an der Spree liegt, sondern an der Isar (Der Kommissar! Dietl! Unterföhring!), lohnt sicher auch ein Besuch in München, wo am 8. und 9. November wieder das Seriencamp aufgeschlagen wird.

Wer dann immer noch nicht genug TV-Stoff hat, um durch den Winter zu kommen, der kann zum Jahresabschluss einen Trip nach Brüssel buchen, wo vom 11. bis 16. Dezember das achte Are You Series? -Festival gefeiert wird. "Ist belgisches Drama das neue skandinavische Noir?", titelte gerade erst der Guardian, dort war man ziemlich angetan von Produktionen aus dem kleinen Land.

Was alle diese Festivals miteinander verbindet: Man kommt nicht nur zum Gucken, sondern auch zum Drüberreden. Fans reden über ihre Lieblingsserien, junge Serienmacher reden über Projekte, die großen Serienschöpfer über ihre Vorbilder. Unter Séries Mania-Gängern schwärmt man noch von jenem Abend vor drei Jahren, an dem der Mad Men-Erfinder Matthew Weiner im Pariser "Forum des Images" seine kleine Poetikvorlesung hielt, vor überfülltem Kinosaal, die Hörer saßen auf den Treppenstufen und blockierten die Notausgänge. Weiner hatte Ausschnitte seiner Lieblingsfilme mitgebracht – eine Szene aus Il conformista von Bertolucci zum Beispiel, von dem habe er damals gelernt, wie man Architektur als filmisches Stilmittel einsetzt. Streng und demütig zugleich erklärte Weiner den Zuhörern, dass es Mad Men nie hätte geben können ohne die großen europäischen Autorenfilmer, denen er nachgeeifert habe. Wer gerne über Serien redet, der war hier im Himmel.

Was dann auch die Frage beantwortet: Muss man denn aus allem ein Festival machen, selbst aus Serien? Ja, muss man. Serienkonsum mag Privatsache sein, Seriengespräche aber gehören in die Festival-Öffentlichkeit.