Sehr geehrter Herr Spahn,

die Geburtenrate steigt, erstmals wurden 2016 laut Statistischem Bundesamt wieder so viele Kinder geboren wie zuletzt 1996, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Davon bin ich gleich doppelt betroffen: Ich bin Hebamme – und ich bin schwanger. Eigentlich eine besonders schöne, aber keine besonders glückliche Kombination, wie Sie sich vorstellen können. Ich weiß aus erster Hand, wie schlecht es um die Geburtshilfe in Deutschland steht, ich weiß um unterbesetzte Kreißsäle, hohe Kaiserschnittraten und unsinnige Eingriffe.

Kurz nachdem ich erfahren hatte, dass ich ein Kind erwarte, wurde mir ein Beschäftigungsverbot erteilt. Der Kreißsaal, so absurd es klingt, ist für eine schwangere Hebamme nicht immer der richtige Ort.

Seit 35 Tagen sind Sie Gesundheitsminister. Und wenn ich ehrlich bin, lässt mich, was Sie in den letzten Monaten und Jahren in Sachen Frauengesundheit gesagt haben, an Ihrem Willen zweifeln, wirklich etwas an den miserablen Zuständen in der Geburtshilfe zu ändern. Dabei sollten sie sich mit Gesundheit und medizinischer Versorgung eigentlich gut auskennen: Zwischen 2009 und 2015 waren Sie gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Doch bisher haben Sie mit Ihren Äußerungen zu diesen Themen einzig bewiesen, dass Sie gut darin sind, Frauen gegen sich aufzubringen. Zur "Pille danach" sagten Sie beispielsweise: "Das sind keine Smarties" – und blieben auch auf Nachfrage bei der Verschreibungspflicht, obwohl die Weltgesundheitsorganisation seit 2010 die Freigabe fordert: "Die Anwendung ist einfach, eine Beratung durch Ärzte nicht notwendig. Nebenwirkungen sind selten und in der Regel unproblematisch." Das Beispiel zeigt: Sie trauen Frauen nicht zu, für sich selbst zu entscheiden und zu sorgen.

In einem Gespräch mit Vertreterinnen der Organisation Motherhood e. V. während des Wahlkampfs im August 2017 sollen Sie zudem gesagt haben: "Eine Geburt passiert ja nicht plötzlich und auch nicht alle zwei Wochen. Da kann man schon mal bereit sein, weiter zu fahren." Sie dementierten die Aussagen zwar im Nachhinein, sie seien Ihnen in den Mund gelegt und aus dem Zusammenhang gerissen worden. So recht entkräften konnten Sie die Vorwürfe allerdings dennoch nicht: Sie verweisen auf das Regierungsprogramm Ihrer Partei und das Krankenhausstrukturgesetz, in dem – wie Sie schreiben – "viele Maßnahmen zur Sicherstellung der Geburtshilfe getroffen wurden". Die Wörter "Hebamme" und "Geburt" kommen darin nicht vor. Es wird nicht reichen, miserable Zustände zu erhalten.

Seit ich schwanger bin, bekomme ich oft zu hören: "Du bist ja Profi, wie praktisch!" Doch auch für mich als Hebamme ist es das erste Kind, das ich selbst zur Welt bringe. Und obwohl ich um den Notstand weiß und mich sehr früh gekümmert habe, hätte auch ich fast keine Hebamme mehr gefunden. Schon in der sechsten Schwangerschaftswoche, wenn viele andere Frauen und Paare erst realisieren, dass sie schwanger sind, rief ich die Hebamme an. Eine Woche später wäre sie ausgebucht gewesen.

Obwohl ich selbst angestellte Hebamme in einer Klinik bin oder gerade weil ich um die Zustände im Kreißsaal weiß, plane ich eine Hausgeburt. Ich wünsche mir eine Eins-zu-eins-Betreuung und möchte mich und mein Kind vor unnötigen Interventionen, Stress und Ungeduld schützen. Zum ersten Mal ertaste ich die Bewegungen eines Kindes nicht nur mit den Händen durch die Bauchdecke, dieses Mal sind die Bewegungen auch von innen spürbar. Das ist unglaublich. Und nie hätte ich gedacht, welche Verunsicherung das selbst in mir auslöst, die ich doch theoretisch alles über diese Vorgänge weiß. Ich bin selbst als Hebamme angewiesen auf meine Hebamme und ihren Blick, ihre Ruhe, ihre Hilfe.

Wenn ich mir vorstelle, wie ausgeliefert sich Mütter fühlen müssen, die nicht auf Fachliteratur und Insiderwissen zurückgreifen können, die sich mit jeder Unsicherheit nur einer Suchmaschine anvertrauen können, dann leide ich mit ihnen und in mir kocht die Wut auf das Gesundheitssystem und die Politik. Dass in Deutschland Kinder auf Parkplätzen vor überfüllten Krankenhäusern geboren werden oder Sylterinnen Wochen vor ihrer Niederkunft aufs Festland umziehen müssen, mag für Sie nur eine Meldung unter vielen sein. Doch jede Ihrer Aussagen klingt umso mehr wie Hohn, denn schwangeren Frauen machen diese Nachrichten Angst, so sehr, dass manche schon Bücher lesen, in denen die Alleingeburt erklärt wird. In Deutschland. 2018. Müssen erst wieder mehr Kinder oder Mütter bei der Geburt sterben, damit sich etwas ändert?

Zur letzten Bundestagswahl warb Ihre Partei mit dem Slogan "Familien sollen es kinderleichter haben". Der Beginn des Lebens, die Geburt, spielte im Wahlkampf jedoch keine Rolle. Auf eine Frage des Hebammenverbands antwortete die CDU: "Die Personalplanung liegt in der Organisationshoheit des einzelnen Krankenhauses." Die Politik schiebt die Verantwortung von sich und beruft sich auf das, was bisher "erreicht" wurde: der sogenannte Sicherstellungszuschlag, der die außerklinische Geburtshilfe gerade so über Wasser hält.

Geburtshilfe ist für die Krankenhäuser nicht rentabel

Bereits 2014 schrieb ich einen Artikel in Christ&Welt mit dem Titel "Ein Herz für Hebammen". Damals war ich Hebammenschülerin im letzten Lehrjahr. Der Fokus lag auf den freiberuflichen Hebammen, die durch die steigenden Haftpflichtversicherungen quasi vor dem Berufsverbot standen. Die Haftpflichtversicherungen steigen noch immer, der sogenannte Sicherstellungszuschlag, den ihr Vorgänger Hermann Gröhe durchgesetzt hat, kann nur eine Zwischenlösung sein.

In den Kliniken hat sich die Situation seither weiter zugespitzt. Sie ist an vielen Stellen untragbar und unverantwortlich – ja gefährlich. In vielen Kreißsälen herrscht Personalmangel. Während einer Grippewelle oder im Sommer, wenn auch Hebammen Urlaub machen, wird es schwierig, alle Dienste zu besetzen. Meine Kolleginnen und ich werden ständig gebeten, weitere Schichten zu übernehmen. Kreißsäle werden aus Personalmangel oder auch Raummangel gesperrt, sodass sie von Rettungsdiensten nicht mehr angefahren werden und sogar Frauen unter der Geburt in andere Kliniken verlegt werden müssen. Von einem Recht auf freie Wahl des Geburtsortes sind wir längst weit entfernt.

Oft begleiten wir Hebammen in solchen Diensten bis zu drei Geburten und kümmern uns gleichzeitig um die Schwangeren in der Ambulanz. Im Hinausgehen aus dem Gebärraum schlage ich der einen Frau, nachdem ich kurz ihren Muttermund überprüft habe, noch eine andere Position vor, weil eine andere Frau schon wieder die Notklingel gedrückt hat und ich nachsehen muss, was bei ihr los ist. Ich mache fast nie eine Mittagspause, mein Essen nehme ich wieder mit nach Hause, die Dokumentation fällt meistens in die Überstunden.

Durch die unterbesetzten Kreißsäle steigt die Interventions- und Kaiserschnittrate. Denn wenn ich keine Zeit habe, mit den Frauen unter der Geburt zu arbeiten und ihnen Sicherheit zu vermitteln – durch Ermutigung, Atemanleitung, Positionswechsel oder meine schlichte Anwesenheit –, muss ich zunehmend die Anästhesie für eine örtliche Betäubung rufen, die in vielen Fällen alles nur noch schlimmer macht. Zu Hause muss ich dann damit fertig werden, dass ich wieder einmal keiner der Frauen gerecht geworden bin, dass sie womöglich alle Traumata mit ins Wochenbett und ihr ganzes Leben nehmen. Was das kostet, fragt niemand.

Wir schreiben Gefährdungsanzeigen, um bei der Personalleitung, dem Betriebsrat, der Chefärztin anzuzeigen, dass die Zustände unhaltbar und unverantwortlich sind. Das ist Alltag in deutschen Kreißsälen. Das macht uns Hebammen krank – und wir kommen trotzdem zur Arbeit, weil wir uns den Frauen gegenüber verpflichtet fühlen, weil jede von uns, die ausfällt, im Kreißsaal fehlt. Mein Beruf, der eigentlich – so sagen viele – der schönste der Welt sein soll, ist eine brutale Belastung, die immer mehr Kolleginnen zum Aufgeben zwingt.

Ich weiß schon, die Geburtshilfe ist für die Krankenhäuser nicht rentabel. Deshalb werden Kreißsäle trotz steigender Geburtenzahlen geschlossen. Gute Geburtshilfe braucht Zeit, laut der Weltgesundheitsorganisation eine Eins-zu-eins-Betreuung. Also mindestens eine Hebamme für jede Frau unter der Geburt, die sich ja durchaus auch mal über mehrere Schichten hinziehen kann. In Norwegen betreut eine Hebamme in Vollzeit etwa 30 Geburten jährlich, in Deutschland ist es laut Hebammenverband mehr als das Dreifache. Das Personal ist trotz der geringen Löhne der größte Faktor. Hebammen warten ab, sie beobachten, daran aber verdienen die Krankenhäuser und Krankenkassen nichts. Unser Gesundheitssystem fördert Eingriffe, nicht Gesundheit.

Ich liebe meinen Beruf. Ich bin gerne Hebamme. Es gibt Tage, da radle ich mit Hochgefühlen nach einem Dienst nach Hause, so als hätte mir die Gebärende etwas von ihrem Hormonüberschuss abgegeben. Doch eine solche gute Geburt, bei der es Mutter und Kind gut geht, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, ist mittlerweile leider selten.

Herr Spahn, zu Ostern waren Sie in meiner Klinik zu Besuch. Sie unterhielten sich mit Pflegekräften auf verschiedenen Stationen, im Kreißsaal aber ließen Sie sich nicht blicken. In Berlin sollen nun zwar mehr Ausbildungsplätze für Hebammen geschaffen werden, solange sich aber im Kreißsaal die Situation nicht grundlegend verändert, werden die offenen Stellen unbesetzt bleiben. So wertvoll er ist, auch der Dank der Familien reicht nicht, um eine Familie zu ernähren oder einen Burnout zu verhindern. Es liegt in Ihrer Hand, bessere Personalschlüssel zu erwirken und das Gehalt der körperlichen und emotionalen Arbeitsbelastung und der hohen Verantwortung anzupassen.

Seien Sie sich sicher: Millionen kluge Frauen in diesem Land und ihre Familien werden Sie bei der nächsten Wahl an Ihren Erfolgen messen.

Ihre Lisa Leitlein