Es vergeht kaum eine Woche ohne Nachrichten von der größten Stiftung der Welt und ihren Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit. Die Bill and Melinda Gates Foundation bündelt Bewunderung wie Kritik. Deutschland, ja Europa hat keine Organisation, die an die Stiftung des Microsoft-Gründers herankommt. Das kann man beklagen oder begrüßen. Auf jeden Fall aber kann man daraus lernen, und das gleich dreifach.

Erstens aus ihrer globalen Ambition: Kaum eine Stiftung stellt sich derart länderübergreifenden Herausforderungen wie etwa der Ausrottung von Kinderlähmung und Malaria. Das ist eine Frage der Größe, aber auch der Regulierung. Hierzulande ist es rechtlich schwierig, über Ländergrenzen hinweg zu fördern. Stiftungen müssen nachweisen, dass ausländische Empfänger auch nach deutschen Standards gemeinnützig wären. Eine große Hürde, die dazu führt, dass Strategien der deutschen Stiftungen, anders als die Herausforderungen, häufig an der Bundesgrenze enden – außer sie gründen eigene Organisationen im Ausland.

Wenigstens innerhalb Europas könnte das Helfen einfacher werden, wenn es einen "Binnenmarkt für Philantropie" gäbe – so wie den bestehenden Binnenmarkt für Waren und Dienstleistungen – wie die europäische Stiftungsvertretung Dafne fordert. Dann könnte die Politik neue Anreize für private Philanthropen schaffen, um auch grenzüberschreitend große Ziele zu erreichen. Ähnlich der Public-private-Partnership-Programme zwischen Staaten und Unternehmen bräuchte es solche mit Stiftungen.

Zweitens zeigt die Gates-Stiftung, dass es mittlerweile einen deutlich größeren Werkzeugkasten für Weltverbesserer gibt. Anfang des Jahres überraschte sie mit einem für private Spender ungewöhnlichen Schritt: Sie bezahlte nigerianische Staatsschulden. Statt dem Land direkt Gelder zu geben oder zu leihen, deren Verwendung und Wirkung schwer zu überprüfen ist, versprach die Stiftung, 76 Millionen US-Dollar regulärer Kredite gegenüber Japan zu übernehmen, sobald bestimmte Ziele bei Impfkampagnen erreicht worden sind. In Deutschland wäre ein solcher Schritt kaum möglich. Hier sind die Stiftungen mit unveränderlichen Satzungen in ein enges Korsett für die Vermögensanlage und Mittelverwendung gebunden. Strategien der Wagniskapitalgeber wie andere, neue Philanthropen können sie kaum nutzen. Wenn Regeln zu eng sind, werden sie umgangen: Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat, um seiner Chan Zuckerberg Initiative alle Möglichkeiten offenzuhalten, auf die Gemeinnützigkeit verzichtet.

Die dritte und wichtigste Lektion besteht darin, wie man Geld anziehen und bündeln kann. Die Gates-Stiftung verdankt ihr Vermögen überwiegend nicht Bill Gates, sondern dem Unternehmer Warren Buffett. Beide inspirierten mit der Kampagne "Giving Pledge" darüber hinaus andere Superreiche, beträchtliche Teile ihrer Vermögen abzugeben. In Deutschland sind große Zustiftungen selten, auch wenn sie klüger sein können als immer neue, einzelne Stiftungsgründungen. Wenn Stiftungen fusionieren könnten und mehr Stifter den Mut fänden, öffentlich zusammen zu wirken, könnten sie auch hierzulande noch mehr Unterstützung für ihre Ziele mobilisieren.

Eine Gates-Stiftung in Deutschland? Die Reaktionen wäre vermutlich zwiespältig. Denn es gibt auch berechtigte Kritik an der Konzentration von viel Wirkungsmacht in privater Hand, wie die Journalistin Linsey McGoey in ihrem Buch No such thing as a free gift schreibt. Aber was wäre, wenn es für deutsche Philanthropen einfacher wäre, auch große Probleme ohne Rücksicht auf starre Regeln anzugehen? In Deutschland gäbe es durchaus Luft für eine Portion des "ungeduldigen Optimismus" des Stifters Bill Gates. Es täte dem Standort gut, wenn auch hier noch mehr Menschen motiviert würden, ihr Vermögen für das Gemeinwohl einzusetzen.