Ein Déjà-vu ist das ja schon. Es scheint, als lese man alle paar Jahre, der Golfstrom werde schwächer. (Und wahrscheinlich denken dann alle immer an denselben Kinofilm – dazu später mehr.) Zuletzt veröffentlichte die Wissenschaftszeitschrift Nature am Donnerstag vergangener Woche zwei Fachbeiträge über die Rätsel des Nordatlantiks. Ist es also wieder so weit? Eine Zeitrafferreise durch die Geschichte der Golfstrom-Forschung zeigt, in welchem Kontext die neuen Erkenntnisse stehen und was dieses Mal anders ist.

1. Der Gegenstand: Die Aufmerksamkeit und die Fantasie der Menschen gelten einem gigantischen flüssigen Förderband im Ozean. "Atlantic Meridional Overturning Circulation" heißt es, abgekürzt AMOC. Dieser Nord-Süd-Kreislauf leitet warmes Wasser nach Norden, wo es abkühlt und dichter wird, sodass es absinkt und durch die Tiefsee wieder südwärts fließt. Für Laien ist das alles "Golfstrom". Genau genommen bildet der Golfstrom aber nur eine Etappe dieses Fließbandes vor der US-Ostküste. Später gabelt er sich auf, im Süden strebt er Richtung Kanaren und Westafrika, im Norden setzt er sich als Nordatlantikstrom fort.

Schon im Jahr 1855 verglich der US-Marineoffizier und Meereskundler Matthew F. Maury das ozeanische Förderband mit einem "Heizapparat für Großbritannien, den Nordatlantik und Westeuropa". Die Metapher von Europas Zentralheizung war in der Welt.

2. Der Fehlalarm: Forscher kennen mehrere Episoden der Erdgeschichte, in denen das Förderband im Atlantik ausgefallen ist. Gleichzeitig brachen Kaltzeiten über Europa und Nordamerika herein. Da drängt sich die Frage auf, ob dies eine Bedeutung für heute hat.

Im November 2005 schrieben Ozeanografen in Nature, die Zirkulation habe "sich zwischen 1957 und 2004 um etwa 30 Prozent verlangsamt". Sie stützten sich auf Messungen vor den Kanarischen Inseln. Bloß konnten andere Messfahrten den angeblichen Trend nicht bestätigen. Und eine Zeit lang hieß es dann außerhalb der Fachzirkel gar, "der Golfstrom" sei insgesamt stabil, wofür es aber ebenso wenig belastbare Langzeitdaten gab.

3. Der Ausschnitt: Im Juni 2015 zeigte dann in Science ein Vergleich unterschiedlicher Messungen aus den zurückliegenden zehn Jahren zweierlei: erstens eine enorme Variabilität der Strömung von Jahr zu Jahr und zweitens eine Abnahme über den gesamten Zeitraum.

Zum komplexen Bild, in das Ozeanografen diese neuen (und weitere) Daten wie Puzzlestücke einordnen mussten, gehört auch die Schmelze der Eismassen Grönlands. Welche Folgen sie haben könnte, versteht man immer besser: Weil der Eisschild schmilzt, ergießt sich Süßwasser in den Nordatlantik. Es senkt den Salzgehalt an der Wasseroberfläche und damit die Dichte, sodass das kalte Oberflächenwasser langsamer in die Tiefe sinkt. Dies könnte das gesamte Förderbandsystem bremsen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die AMOC im Lauf des 21. Jahrhunderts schwächer wird", fasste der Weltklimarat im Jahr 2014 den Kenntnisstand zusammen.