Im Märchen Hänsel und Gretel der Brüder Grimm setzt ein Ehepaar seine beiden Kinder im Wald aus, weil es zu arm ist, um sie weiter zu ernähren. Das ist herzzerreißend traurig.

In der Inszenierung Hänsel & Gretel von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo im Thalia Theater setzt das Ehepaar seine Kinder auf der leeren Bühne aus, weil es außer ihnen noch zwei Autos, den Winterurlaub und Besuche im Fitness-Studio finanzieren muss. Folglich wird das Geld knapp. Das ist nicht traurig, sondern plakativste Zivilisationskritik. Und dämlich noch dazu.

Dem estnischen Regie- und Bühnenbildduo erscheint es bald auch nicht mehr wichtig genug. Das interessiert sich nämlich viel stärker für die Themen Übergewicht, Fresslust und kulinarische Ersatzbefriedigung, worum es in dem Märchen auch nicht geht. Trotzdem wird im Hexenhäuschen alles gefuttert und verschlungen, was dick macht und ungesund ist.

Tim Porath als Vater wirkt wie ein verblödeter Angestellter, Gabriela Maria Schmeide als Mutter wie eine frustrierte, aus dem Leim gegangene Hausfrau. Alle sind mit fieser Schminke, aufgeklebten Gesichtspolstern und Fatsuits von Anfang an bewusst hässlich gestaltet, ohne dass je verraten wird, warum. Der Originalgeschichte wird sowieso nur ungenau gefolgt. Stattdessen gerät das Märchen zur abstoßend grellen, unappetitlich überzeichneten Groteske.

Den inhaltlichen Leerlauf des Ganzen kann selbst der enorme technische Aufwand nicht kaschieren. Die Aufführung umfasst reale Spielszenen, Live-Videos und vorgefertigte Einspieler. Deshalb ist die Bühne meist horizontal halbiert: Unten strampeln sich die Darsteller ab, oben läuft der Film.

Darin ist als singender Erzähler auch Till Lindemann zu sehen, Sänger und Texter von Rammstein. Mutmaßlich spekulierte die Thalia-Intendanz auf die Fans der Band oder auf Leute, die von Lindemann eine wie auch immer geartete Provokation erwarten.

Der Rockstar allerdings rollt einfach in bekannter Weise das R und singt schön gruselig eigene Songs: "Das Herz ist gebrochen / Die Seele so wund / und du schaust mich an / mit einem Knebel in dem Mund." Was das mit Hänsel und Gretel zu tun hat, bleibt offen, obwohl er mit düster raunendem Tonfall durchaus die märchentypische Atmosphäre von Angst und Gefahr zu beschwören weiß.

Die erleben Marie Jung und Kristof Van Boven als ausgestoßene Kinder bei der nimmersatten Hexe, die Björn Meyer als gierige, fette Tunte präsentiert. Sie stopft sich wollüstig mit Burgern, Donuts, Torten voll und spült mit Cola nach. Mit dem Zeug mästet sie Hänsel zu einem Wonneproppen und spricht ihn als "Hallo, kleine Speckschwarte" an.

Nach ihrer Ermordung durch Gretel findet die Familie schließlich wieder zusammen, als wäre nichts gewesen. Und wenn man es recht bedenkt, ist in den knapp drei Stunden Ekelnonsens hier auch wirklich nichts Nennenswertes passiert.

Weitere Termine: 22. 4., 8. 5., 16. 5., 30. 5.2018