Sie nennen sich mitunter liebevoll "Aspies". Sie leiden an einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, dem sogenannten Asperger-Syndrom. Bei dieser Variante des Autismus sind vor allem soziale Interaktion und Kommunikation eingeschränkt. Gleichzeitig treten bei den Patienten häufig Hoch- oder Inselbegabungen auf. Vielfach wird ihnen ein Mangel an Empathie attestiert.

Doch in den Foren, in denen sich Betroffene austauschen, wird seit Kurzem auch leidenschaftlich diskutiert. "Ich will das Asperger-Syndrom nicht aufgeben!", bekannte unlängst eine Amerikanerin im Internet. Sie antwortet damit auf die immer intensiver werdende Diskussion über die NS-Vergangenheit des namensgebenden Wiener Arztes Hans Asperger.

Einige Beiträge in den Asperger-Foren verteufeln den Kinderarzt, andere sehen ihn als Person mit Stärken und Schwächen in einer schwierigen historischen Situation. Und wieder andere, vor allem jene, die sich inzwischen mit dem Begriff Asperger-Syndrom wohlfühlen, beschuldigen jene Medizinhistoriker, die sich mit der Biografie des Kinderarztes beschäftigen, für eine späte Schmutzkübelkampagne verantwortlich zu sein.

Einer der derart Kritisierten ist Herwig Czech, Historiker an der Wiener Medizinischen Universität, dessen langjährige Beschäftigung mit den Medizinverbrechen der Nationalsozialisten ihn zu Hans Asperger führte. Seine Forschung bringt neue Fakten und neuen Diskussionsbedarf – auch für die Community.

Der Kinderarzt sollte im NS-Regime für "erbgesunden" Nachwuchs sorgen

Hans Asperger wurde 1906 in eine kleinbürgerliche Wiener Familie geboren und wurde im katholischen Bund Neuland sozialisiert. Ab 1935 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik. 1938 verwendete er erstmals die Bezeichnung "autistische Psychopathen" für bestimmte seiner kindlichen Patienten, 1944 folgte in seiner Habilitationsschrift eine umfassende Beschreibung jenes Syndroms, das später seinen Namen als weltweit verwendetes Eponym berühmt machen sollte.

Aspergers Karriere an Universitäts-Kinderklinik profitierte in der NS-Zeit stark von der Diskriminierung jüdischer Kollegen, die bereits lang vor der NS-Zeit begann. Die Klinik unterstand seit 1930 Aspergers Mentor Franz Hamburger, einem Vertreter des deutschnationalen Lagers, der sich früh zum Nationalsozialismus bekannte. Mit Ausnahme Aspergers waren alle habilitierten Assistenten Hamburgers nach 1938 Mitglieder der NSDAP oder SS. Die Kinderheilkunde spielte auch ideologisch eine wichtige Rolle: Ihr fiel die Pflege eines "erbgesunden" und "rassisch einwandfreien" Nachwuchses zu. Die als "minderwertig" betrachteten Kinder hingegen sollten ausgesondert oder gar ermordet werden. In seinem Lehrbuch für Kinderheilkunde sprach sich Hamburger 1940 sehr eindeutig gegen das Lebensrecht behinderter Kinder aus.

Den ersten Gipfel seiner Karriere erlebte Asperger also im Wien der Nazi-Zeit, in einem stark ideologisierten Umfeld. Zu einem Zeitpunkt, als zunehmend gewaltsame medizinische Maßnahmen beschlossen und Medizinverbrechen begangen wurden – Zwangssterilisationen sowie die gezielte Ermordung von Menschen, die als "minderwertig" diffamiert wurden, unter anderem in der Wiener Anstalt Am Spiegelgrund.

Lange Jahre verlief die Diskussion über Aspergers Verbindungen zu den in seinem unmittelbaren Umfeld stattfindenden Medizinverbrechen ergebnislos. Während sein Name in der deutschsprachigen Forschung nicht zuletzt durch die Arbeit von Czech mehr und mehr im Zusammenhang mit Medizinverbrechen genannt wird, galt er unter englischsprachigen Forschern vorwiegend als Nazi-Gegner. Mit der Zeit war aus Asperger, dem potenziellen Nationalsozialisten, Asperger, der potenzielle Widerständler, geworden.

Er überwies eine Reihe von Patienten an die Tötungsanstalt

Plausibler klingt nach den von Herwig Czech publizierten Quellen, dass Asperger sich rasch dem neuen Regime anpasste und im Rahmen des exterminatorischen Medizinbetriebes der Nazis funktionierte. Sein heilpädagogischer Ansatz führte zu intensiver Arbeit mit Kindern, von denen er erwartete, dass sie bei richtiger Behandlung ihr Entwicklungspotenzial ausschöpfen würden. Für diese Kinder machte er sich gelegentlich auch stark. In seiner berühmten Publikation von 1944 über Die "autistischen Psychopathen" im Kindesalter schreibt er, dass auch Menschen mit einer derartigen Kondition "ihren Platz in dem Organismus der sozialen Gemeinschaft haben [...] Gerade bei solchen Charakteren zeigt sich, wie entwicklungs- und anpassungsfähig auch abartige Persönlichkeiten sein können." Damit war er ganz in die eugenische Ideologie der Nationalsozialisten eingebettet, für die Bildungsfähigkeit beziehungsweise -unfähigkeit das Schlüsselkriterium für die "Kinder-Euthanasie" war.

Im März 1942 diagnostizierte Asperger bei der fünfjährigen Elisabeth Schreiber "erethische Imbezillität, wahrscheinlich auf postencephalitischer Grundlage", und ließ sie in die berüchtigte Anstalt Am Spiegelgrund überstellen. Der dortige Leiter, Erwin Jekelius, war ein ehemaliger Kollege von Asperger an der Kinderklinik. Am Spiegelgrund wurden in den Jahren 1940 bis 1945 fast 800 kranke, behinderte und als nicht bildungsfähig eingestufte Kinder ermordet. Eine Krankenschwester der Anstalt beschrieb die kleine Patientin nach ihrer Ankunft noch sehr positiv: "Sie hat ein freundliches Wesen, ist a. d. Pflegepersonen sehr anhänglich und schmeichelhaft". Sechs Monate später starb sie wie so viele andere Kinder der Anstalt an einer wohl künstlich herbeigeführten Lungenentzündung.

Die dortigen Verbrechen waren weit über die Anstaltsmauern hinaus bekannt. Mediziner der Kinderklinik überwiesen junge Patienten an das Spital, um nach deren erwartetem baldigen Ableben pathologische Untersuchungen durchführen zu lassen. Der Transport von Tausenden Patienten in die Vernichtungsanstalt Hartheim bei Linz führte sogar zu öffentlichen Protesten von Angehörigen vor der Anstalt. 1941 warf die Royal Air Force Flugblätter über Wien ab, in denen diese Verbrechen thematisiert wurden. Es ist also anzunehmen, dass Asperger genaue Kenntnis davon hatte, welche Folgen die kleine Elisabeth Schreiber zu erwarten hatte, nachdem er sie zur "dauerhaften Unterbringung" überwiesen hatte.

Elisabeth Schreiber ist nicht der einzige derartige Fall. Asperger überwies eine Reihe von Patienten an die Tötungsanstalt. Entgegen der immer wieder vorgebrachten Vermutung, Asperger habe seine Patienten schützen wollen, finden sich in den von Czech untersuchten Akten zahlreiche Dokumente, die klar negative Beurteilungen des Arztes enthielten und die Patienten somit unmittelbar gefährdeten. Einige seiner Einschätzungen wurden sogar in späteren Untersuchungen von den klar als Nationalsozialisten positionierten Ärzten Am Spiegelgrund revidiert. Czech dokumentiert auch, dass sich Aspergers Patientenbeschreibungen nahtlos mit der antisemitischen NS-Doktrin vermengten. Über die elfjährige Marie Klein notiert er Ende 1939, dass ihre Art zu sprechen "nicht zu ihrem recht jüdisch wirkenden Wesen" passe. Im Akt steht weiters, sie sei "normal entwickelt, leicht untergewichtig aber von jüdischer Erscheinung". In diesem Fall geht Asperger nicht darauf ein, dass die Probleme des Mädchens als unmittelbare Folge ihrer Delogierung im Zug der antisemitischen Maßnahmen des Regimes auftraten. Maries Berichte über die Misshandlungen, die sie hatte erdulden müssen, wurden ihr von dem Kinderarzt Asperger als Unehrlichkeit ausgelegt. Marie Klein wurde in die Nähe von Sobibor deportiert und wahrscheinlich im Sommer 1942 ermordet.

Während Asperger mit dem weiteren Schicksal von Marie Klein nicht in direkter Verbindung steht, so ist dies im Fall von über 200 Patienten der Nervenheilanstalt Gugging bei Wien anders. Sie wurden 1942 im Hinblick auf ihre "Bildungsfähigkeit" untersucht und viele von ihnen infolge der negativen Beurteilung durch eine Kommission, der auch Asperger angehörte, in der Klinik Am Spiegelgrund ermordet.

Asperger wird aber immer wieder auch als Arzt beschrieben, der sich intensiv um seine Patienten kümmerte. In einem Fall soll Asperger einen Patienten durch eine günstige Beurteilung vor einer Zwangskastration gerettet haben. Die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die als Kind in der Nachkriegszeit seine Patientin war, erinnert sich daran, dass er immer anwesend war und den Kindern vorlas.

Die Angst des jüdischen Buben wird als "schwer psychopathisch" diagnostiziert

Im Großen und Ganzen ergibt sich aus den von Czech erschlossenen Quellen jedoch das Bild eines Arztes, der sich, soweit es seiner Karriere diente, dem NS-Regime nicht verweigerte. Empathie für jene Patienten, in denen er kein Entwicklungspotenzial sah, lässt sich jedenfalls aus den Akten nicht erkennen.

Am 14. März 1938, einen Tag nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, wurde Walter Bruckner, 13-jähriger jüdischer Bub, in die Heilpädagogische Abteilung Aspergers an der Universitäts-Kinderklinik eingeliefert. Am 15. März, während die Patienten der Station über Hitlers Rede jubelten, wurde beobachtet, dass Walter ängstlich und aufgeregt war, sein Gesicht in seinen Händen vergrub und blass wurde, als ein Kind in frenetischen Jubel ausbrach. Asperger diagnostizierte daraufhin ein "schwer psychopathisches Bild, dessen wesentliches Symptom eine besondere Empfindlichkeit und paranoide Reizbarkeit ist". Die bedrohlichen Umstände und Erlebnisse des nun offen antisemitischen Wien wurden in der Diagnose nicht berücksichtigt und die verständliche Angst des Buben pathologisiert. Walter Brucker starb am 26. Februar 1945 in Schlesien als Zwangsarbeiter beim Projekt Riese, in dessen Rahmen ein unterirdisches Führerhauptquartier errichtet werden sollte.

Die Studie von Herwig Czech erscheint diese Woche unter dem Titel "Hans Asperger, National Socialism, and 'Race Hygiene' in Nazi-era Vienna" in der Fachzeitschrift "Molecular Autism". Zum Thema gibt es derzeit im Josephinum, Wien, die Ausstellung "Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945"