In Ingrid Mössingers Chemnitzer Büro ist nicht einmal Platz, irgendwo eine Kaffeetasse abzustellen. In den Regalen drängeln sich Bücher und Ordner nebeneinander, auf dem Tisch stapeln sich die Unterlagen. "Stellen Sie’s einfach irgendwo drauf", sagt Mössinger. Bald wird sie dieses Büro räumen: Nach 22 Jahren verlässt sie die Kunstsammlungen Chemnitz. Es wird einen Festakt geben: Die Stadt kürt sie zur Ehrenbürgerin, Thomas de Maizière wird die Festrede halten. Mössinger ist in Chemnitz ein Star: Sie holte Werke von Picasso, Munch und Neo Rauch in die Stadt. Rauch schwärmte zuletzt von Mössingers Aura, "die alle Welt sofort mit einem Glanz überzieht". Ihr ist es gelungen, den Bestand der Kunstsammlungen um mehr als 7.000 Werke zu erweitern. Eine Galeristen-Familie nannte eine Spende ans Museum: "Hommage à Ingrid Mössinger". Nur ein Geheimnis gibt es, das auch in diesem Interview nicht angesprochen werden darf: Mössinger verrät ihr Alter nicht. Sie wolle nicht nummeriert werden

DIE ZEIT: Frau Mössinger, Sie haben die Chemnitzer für Kunst begeistert. Wie nur ist Ihnen das gelungen?

Ingrid Mössinger: Ihre Frage zeigt schon das ganze Dilemma der Stadt: Chemnitz wird unterschätzt. Sie mögen das nicht glauben, aber die Leute hier sind sehr an Kunst interessiert. Vielleicht ist das eine positive ostdeutsche Eigenschaft: Die Menschen sind gründlicher in ihrem Interesse und haben noch nicht dieses Flanierverhalten, bei dem die Ausstellung zum Event schrumpft. So ein respektvoller Umgang war schon bemerkbar, als ich vor fast 22 Jahren hergekommen bin. Wir hatten zum Beispiel noch nie Graffiti an unseren Museumswänden.

ZEIT: Als Sie Direktorin der Chemnitzer Kunstsammlungen wurden, interessierte sich kaum jemand für das Museum. Die Besucherzahlen waren schlecht. Heute wird das Haus deutschlandweit gefeiert. Bob Dylan stellte in Chemnitz erstmals seine Bilder aus. Die Stadt macht Sie zur Ehrenbürgerin. Was ist Ihr Geheimnis?

Mössinger: Ich hatte viel Glück. Dass ich überhaupt nach Chemnitz kam, war Zufall: Ich hatte zuvor in Frankfurt am Main, Wiesbaden, Ludwigsburg und Sydney gearbeitet. Als ich 1992 erstmals nach Chemnitz reiste, hatte ich sofort den Eindruck, dass das eine starke Stadt ist.

ZEIT: Was hat Sie hier gereizt?

Mössinger: Chemnitz war bereits um 1900 eine Kunststadt, nur wissen das viele nicht mehr. Die Künstler der berühmten Brücke-Gruppe stammen von hier, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel sind in Chemnitz aufgewachsen. Schon 1860 hatten Bürger einen Kunstverein gegründet und begannen, eine unglaublich schnell wachsende Sammlung anzulegen. Als Kunsthistorikerin erkennt man sofort, dass die Architektur in Chemnitz unterschätzt ist. Henry van de Velde und Erich Mendelsohn haben hier gebaut. Im Stadtteil Bernsdorf gibt es ein Freibad mit einem 100-Meter-Becken von 1926, so etwas finden Sie nirgendwo sonst.

"Ich habe es all die Jahre lang als meine größte Aufgabe gesehen, wieder freizulegen, was vergessen war."
Ingrid Mössinger

ZEIT: Chemnitz hat aber selbst bei vielen Chemnitzern keinen guten Ruf.

Mössinger: Ja, das fiel mir 1996 sofort auf. Die Menschen wirkten desillusioniert. Deshalb habe ich versucht, der Stadt auch mit dem Museum zu einem neuen Selbstbewusstsein zu verhelfen. Dresden galt als Kulturstadt, Leipzig als Messestadt, und Chemnitz? Chemnitz wurde in der DDR auf "Produktion" reduziert, 40 Jahre lang. So wurden viele Kenntnisse über das, was hier einzigartig ist, verschüttet. Ich habe es all die Jahre lang als meine größte Aufgabe gesehen, wieder freizulegen, was vergessen war.

ZEIT: Als Sie ankamen, mussten Sie aber erst einmal die Öffnungszeiten reduzieren, weil die Stadt die Gelder kürzte.

Mössinger: Nicht nur das. Wir teilten uns das Gebäude mit der Theaterschneiderei, dem Naturkundemuseum und einem Tierpräparator. Der saß dort, wo heute unsere Verwaltung ist. Es wurden Bienen gezüchtet und anderes Getier gehalten. Eines Tages kam es sogar dazu, dass der Präparator einen Löwen bearbeitete. Ein unerträglicher Geruch verbreitete sich im ganzen Haus. Als dann auch noch ein über zwei Meter großer toter Bär angeliefert werden sollte – da habe ich gestreikt. 2004 gab es endlich eine Lösung, die beiden Museen zu trennen.

"Die Chemnitzer haben denselben Anspruch auf qualitätvolle Kunst wie alle anderen."

ZEIT: Wie haben Sie Sachsens Regierung Mitte der Neunziger überredet, Geld lockerzumachen?

Mössinger: In Dresden war man zunächst überrascht, dass ich für Chemnitz überhaupt Ansprüche stellte. Aber ich blieb eben hartnäckig: Die Chemnitzer haben denselben Anspruch auf qualitätvolle Kunst wie alle anderen. Von da an erhielt ich regelmäßig Unterstützung. Natürlich war mir schnell klar, dass ich auch anderswo Mittel besorgen musste. Schon in meiner ersten Arbeitswoche erzählte mir ein Bekannter, dass die Skulptur Kopf eines Denkers von Wilhelm Lehmbruck in Großbritannien zur Versteigerung kommen sollte. Sie war 1923 von einem Mäzen für das Museum angekauft worden, wurde von den Nationalsozialisten aus dem Museum entfernt und als "entartete Kunst" in die USA verkauft. Ich wollte sie unbedingt haben.