Als Bundesheimatminister Horst Seehofer kürzlich erklärte: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", widersprach ihm Angela Merkel mit dem Hinweis auf eine Zahl: vier Millionen. Die Bundeskanzlerin sagte bei einer Pressekonferenz: "Inzwischen leben vier Millionen Muslime im Land." Diese Menschen gehörten zu Deutschland und damit auch ihre Religion.

Seither wurde viel über die Logik dieses Arguments und über Deutschlands kulturelle Wurzeln diskutiert, aber wenig über die von Merkel genannte Zahl. Dabei behaupten viele Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik, die Zahl stimme nicht, in Wahrheit seien weit mehr Muslime im Land.

Die Zahl ist hochpolitisch. Nicht nur wegen einer eigentlich alten und von Horst Seehofer aufgewärmten Debatte oder weil sie die Grundlage für Antworten auf wichtige Fragen bildet: inwieweit es zum Beispiel Islamunterricht an Schulen geben müsste oder muslimische Seelsorger in der Bundeswehr.

Besonders politisch ist die Zahl vor allem, weil sich für viele Menschen in ihr der Unmut über Merkels Flüchtlingspolitik bündelt. Es seien schon viel zu viele Islamgläubige hier, wettern die Gegner dieser Politik, und die Regierung versuche das wahre Ausmaß der Islamisierung zu verschleiern.

So behauptete die AfD in ihrem Wahlprogramm im vergangenen Jahr, es lebten über fünf Millionen Muslime in Deutschland und sie würden immer mehr. Roland Tichy, Ex-Chefredakteur der Wirtschaftswoche und heute Herausgeber des konservativen Magazins Tichys Einblick, schrieb kürzlich: "Je nach Zählweise leben sechs bis acht Millionen zugewanderte Muslime in Deutschland." Dazu kommen diverse Zahlen in Blogs. Von "mindestens 7,19 Millionen" ist etwa in einem Artikel der PI-News (Politically Incorrect) die Rede.

Fragt man in der Bevölkerung nach der persönlichen Wahrnehmung, kommen sogar noch höhere Werte heraus. Im Durchschnitt schätzen Befragte den Bevölkerungsanteil der Muslime in Deutschland auf 19 Prozent. Das zeigte eine im Jahr 2014 vom Marktforschungsinstitut Ipsos organisierte Umfrage. Dieser Prozentsatz entspräche rund 16 Millionen Menschen. Die "gefühlte" Zahl wäre also viermal so groß wie die von Merkel genannte.

Stimmt etwas mit diesem Gefühl nicht? Kann man so eine Zahl richtig schätzen? Oder machen die Befragten vielleicht einfach keinen Unterschied zwischen "Muslim" und "Migrant"? Dann würde die von ihnen genannte Größenordnung nämlich passen. 2014 hatten rund 16 Millionen Einwohner einen sogenannten Migrationshintergrund: Sie selbst oder ihre Eltern stammen aus einem anderen Land. Allerdings zählen dazu auch Italiener, Polen, Griechen, Spanier, Portugiesen oder Russlanddeutsche – alle eher selten Korangläubige.

Genau weiß niemand, wie viele Menschen in der Bundesrepublik zu Allah beten. Es gibt kein Verzeichnis, in dem Muslime registriert sind. Die christlichen Kirchen führen schon seit dem 14. Jahrhundert sorgfältig Buch darüber, wer in der jeweiligen Gemeinde getauft oder begraben wurde. Im Islam fehlt eine solche Tradition, denn es existiert keine mit der Kirche vergleichbare Institution, der alle Gläubigen angehören. Muslime zahlen auch keine Kirchensteuer, über die man sie leicht erfassen könnte. Die Mitgliedschaft in einem muslimischen Verband oder in einer Moscheegemeinde sei "eher die Ausnahme als die Regel", erklärt der Zentralrat der Muslime. Auch der Rat verfüge daher über keine Zahlen.