Selbst das Statistische Bundesamt erhebt nur die Mitgliederzahl der christlichen Kirchen, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind. Bei der jüngsten Volkszählung im Jahr 2011 fragten die Statistiker zwar auch nach anderen Religionen, aber die Antwort war freiwillig und blieb so oft aus, dass das Ergebnis als unbrauchbar gilt. Anders als es bisweilen behauptet wird, verfügt das Amt daher über keine verwendbaren Daten zur Zahl der Muslime in Deutschland. Alle kursierenden Angaben beruhen stattdessen auf Schätzungen, Umfragen und Hochrechnungen. Das macht sie unsicher und bietet Raum für berechtigte und unberechtigte Zweifel.

Die von Angela Merkel genannten vier Millionen – später sprach sie im Bundestag von "etwa 4,5 Millionen" – stammen aus einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Diese Statistik wird in den Medien am häufigsten zitiert, zuletzt in der aktuellen Titelgeschichte des Spiegels. Auch der Zentralrat der Muslime verweist auf sie. Dabei ist sie längst überholt, und ihre Berechnung wirft Fragen auf.

Überholt ist sie, weil sie sich auf den 31. Dezember 2015 bezieht. Zu diesem Zeitpunkt, so das Bamf, hätten zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland gelebt. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil zwischen fünf und sechs Prozent. Seit 2015 sind aber 828.000 zusätzliche Einwanderer aus Ländern außerhalb der EU nach Deutschland gekommen. Das zeigt das Ausländerzentralregister. Davon dürften laut Asylstatistik knapp eine halbe Million Flüchtlinge sein. Man kann also auf Basis dieser Zahlen annehmen, dass inzwischen einige Hunderttausend weitere Muslime in Deutschland leben. Statt 4,7 Millionen könnten es heute mehr als fünf Millionen sein – was hieße: Die AfD hätte recht. Aber Gewissheit darüber gibt es nicht.

Einige Kritiker mutmaßen, schon die für 2015 genannte Zahl des Bamf sei viel zu klein. Allerdings bleibt unklar, worauf sich die von ihnen genannten nochmals höheren Zahlen stützen. Roland Tichy lässt eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Auch die PI-News reagieren nicht. Dieses Blog hat nach Angaben des Recherchezentrums Correctiv ähnlich viele Besucher im Internet wie der TV-Sender RTL. Im PI-News-Artikel über die Zahl der Muslime hantiert ein unter Pseudonym schreibender Autor mit allerlei Behauptungen (die "letzte zuverlässige Statistik" stamme aus der Zeit der Wiedervereinigung, die "Fortpflanzungsrate" der "abendländischen" Bevölkerung betrage 1,3). Zudem vermengt er Schätzungen und offizielle Daten. So ergibt sich eine krude, kaum überprüfbare Rechnung.

Zugleich prangert der PI-Autor einen Widerspruch in den Angaben des Bamf an. Die Behörde habe im Jahr 2008 zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime gezählt. Wie könnten es dann im Jahr 2015 bloß 4,4 bis 4,7 Millionen sein, wo doch in der Zwischenzeit 1,2 Millionen muslimische Flüchtlinge eingewandert seien? "Jeder mittelmäßig begabte Grundschüler" erkenne, dass diese Rechnung nicht aufgehe.

Dabei verschweigt der Verfasser allerdings, dass das Bamf in seiner Studie selbst auf diesen Widerspruch eingeht. Danach stellte sich bei einer Volkszählung im Jahr 2011 heraus, dass in der Bundesrepublik viel weniger Menschen lebten als bis dahin vermutet. Zuvor hatten sämtliche Hochrechnungen noch auf der westdeutschen Volkszählung von 1987 und auf dem DDR-Einwohnerregister von 1990 beruht. Der Zensus 2011 ergab nun insbesondere bei Ausländern eine viel kleinere Zahl als gedacht – fast 15 Prozent weniger. Wahrscheinlich hatten sich viele in ihre Heimat zurückgekehrte Einwanderer nicht ordnungsgemäß abgemeldet. Demnach hätten die früheren Bamf-Berechnungen auf überhöhten Zahlen beruht und wären ihrerseits überhöht gewesen. Die Hochrechnung vor dem Zensus sei deshalb nicht mit der danach vergleichbar, warnt die Autorin der Bamf-Studie, Anja Stichs.

Das Beispiel zeigt, wie überzogen manche im Internet kursierende Kritik ist. Zugleich belegt es, wie viele Unschärfen selbst vermeintlich eindeutige Statistiken enthalten.

Das gilt insbesondere für die Bamf-Studie, in der explizit auf eine Reihe von Unschärfen hingewiesen wird. So berücksichtigt sie aufgrund ihrer Methodik keine Muslime ohne Migrationshintergrund, also deutsche Konvertiten, und keine Migranten der dritten Generation. Außerdem stützt sie sich unter anderem auf eine Umfrage aus dem Jahr 2008, bei der zum Beispiel für die hier lebenden Türken oder Iraner ermittelt wurde, wie hoch der Anteil der Muslime innerhalb ihrer Gruppe ist. Um passende Befragte zu finden, wurde im Telefonbuch nach typischen Namen gesucht. Bei dieser Methode könnten jüngere und neu zugezogene Migranten ohne Festnetzanschluss unterrepräsentiert sein. Das verzerrt womöglich das Ergebnis.