Zusätzlich wurden Informationen aus den Asylverfahren verwendet. Dabei gibt es in diesen Verfahren einen starken Anreiz, für sich selbst vorteilhafte Angaben zu machen. Als Mitglied einer im Heimatland verfolgten Minderheit, also etwa als Jeside oder Christ, besteht eine höhere Chance auf Asyl. Es komme aber auch der umgekehrte Fall vor, sagt Christoph Wagenseil. Er ist Vorstandsmitglied in einem Verein in Marburg, der sich mit Glaubensrichtungen beschäftigt, dem Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst. Mancher Asylbewerber, sagt Wagenseil, gebe sich nur deshalb als gläubiger Muslim aus, weil er fürchte, abgeschoben zu werden, und ihm ohne Bekenntnis zum Islam in seiner Heimat Repressionen drohten. Denkbar ist also vieles, sicher scheint nur, dass das Asylverfahren keine normale Umfrage ist. Für die Betroffenen geht es um ihre Existenz.

Nimmt man das alles zusammen, wird deutlich: Die Zahl der Muslime könnte größer oder kleiner sein als vom Bamf errechnet. Dass sie systematisch kleingerechnet wurde, wie manchmal unterstellt, lässt sich aber nicht erkennen.

Der Statistikexperte Walter Krämer hat sich für die ZEIT die Bamf-Studie angeschaut. Er ist Professor an der Technischen Universität Dortmund und mit Kritik nicht zimperlich. Regelmäßig kürt er zusammen mit anderen Experten die "Unstatistik des Monats". Für die Bamf-Studie kommt er zu dem Schluss: "Die verantwortliche Kollegin hat auf keinen Fall mit Absicht irgendwelche Daten manipuliert." Die Studie erscheine seriös, es bestünden aber – die bereits erläuterten – Probleme wegen möglicherweise verzerrter Stichproben, falscher Angaben der Asylbewerber oder wegen der nicht berücksichtigten Muslime ohne Migrationshintergrund. Wie groß die daraus resultierende Ungenauigkeit sei, lasse sich nicht feststellen.

Auf Anfrage der ZEIT hat auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus einer eigenen Erhebung die Angaben zur Religion ausgewertet. Sie bezieht sich allerdings nur auf die erwachsene Bevölkerung. Danach lebten in Deutschland im Jahr 2016 rund 2,7 Millionen Muslime, davon 2,5 Millionen in Westdeutschland und nur 150.000 in Ostdeutschland. Zählt man Berlin zum Westen, sind es sogar nur 80.000 Muslime im Osten. "Unsere Untersuchung ist repräsentativ", beteuert DIW-Forscher Jannes Jacobsen. Im Jahr 2016 seien extra 4.500 Geflüchtete in diese Umfragereihe, das Sozio-oekonomische Panel, einbezogen worden.

Jacobsens Rechnung zufolge sind im Westen 5,1 Prozent der Erwachsenen Muslime, im Osten 1,2 Prozent. Ohne Berlin kommt der Osten sogar nur auf 0,8 Prozent Muslime. Für ganz Deutschland beträgt ihr Bevölkerungsanteil dem DIW zufolge 4,3 Prozent. Das liegt noch einmal deutlich niedriger als die fünf bis sechs Prozent, die das Bamf angibt – wobei das DIW eben nur Erwachsene betrachtet. Welche Berechnung ist richtig?

Auf Genauigkeit darf man bei diesem Thema nicht hoffen. Denn das größte Problem sei, so sagt es Statistikprofessor Krämer, dass verschiedene Definitionen für "Muslim" denkbar seien. Meint man damit alle, die aufgrund muslimischer Eltern von Geburt an zum Islam gehören? Oder will man nur diejenigen zählen, die sich ganz bewusst zum Islam bekennen? Oder die ihn praktizieren? Je nachdem, wie ein Statistiker das definiere und wie die Befragten es selbst auffassten, könne man zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Demnach wäre die eine, verlässliche Zahl bei diesem Thema eine Illusion.

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