Die Inszenierung ist ein Wurf. Wo andere sich verzweifelt bemüht hätten, Ayad Akhtars Börsenkrimi, der rein aus Geschäftsgesprächen, Geschäftstelefonaten besteht, auf bewegte Szenen und wechselnde Schauplätze zu verteilen, tun Jan Philipp Gloger und Marie Roth einfach – nichts. Der Regisseur und die Bühnenbildnerin platzieren die Darsteller vor eine in grelles Licht getauchte Wand. Beleuchtet wird, wer gerade spricht. Egomanie und Ausblendung des anderen fügen sich so zu einem grafischen Muster der Brutalität.

Es ist das Muster des Finanzwesens, das sich um 1985 in den USA zu bilden beginnt. Sein Pionier Michael Milken (im Stück zu Robert Merkin verändert) erfand den Massenhandel mit Junk-Bonds und ihren Einsatz zur feindlichen Übernahme von Unternehmen. Mit anderen Worten: Die Zuschauer beobachten die Geburt der später so genannten Heuschrecke.

Nach den Junk-Bonds hat das Stück den Titel Junk, es sind Firmenanleihen mit hohem Ausfallrisiko, aber guter Verzinsung, die damals in Umlauf gebracht und zum Kauf von Unternehmen genutzt wurden, denen man anschließend das Kreditrisiko aufbürdete. Nicht alle wissen, dass Junk-Bonds am Anfang der Weltfinanzkrise standen. Man verzeiht daher dem Stück, dass es als Nachhilfestunde beginnt.

Aber dann nimmt es Fahrt auf. Es zeigt den Sog des schnellen Geldes, seine Kraft, Politik und Medien zu korrumpieren. Es zeigt auch die wahnwitzige Freude, all das schon auf Pump erreichen zu können. Das Virtuelle, von aller Realwirtschaft Abgekoppelte ist das große Thema des amerikanisch-pakistanischen Autors Ayad Akhtar, der zuletzt mit dem Drama Geächtet in Hamburg gefeiert wurde.

Oliver Stones Film Wall Street (1987), zuletzt Martin Scorseses Wolf of Wall Street (2013) haben schon den Sündenfall der Börse geschildert. Es ist aber etwas anderes, ihn im Uhrwerk eines Kammerspiels vorgeführt zu bekommen, mit deutschen Physiognomien. Abgesehen von zwei uramerikanischen Figuren, dem patriotischen Unternehmer (Götz Schubert) und dem aalglatten Bundesanwalt (Paul Herwig), haben sich für alle Rollen Entsprechungen finden lassen, die man auch in Hamburg kennt: die Karrierejournalistin (Hannah Müller), den windigen Anwalt (Jan-Peter Kampwirth), den gespielt treuherzigen Traditionsbanker (Janning Kahnert) und natürlich die Hauptfigur Merkin, die Samuel Weiss mit der öligen Beredsamkeit des Anlagebetrügers spielt.

Dieses Ensemble lässt jeden Versuch scheitern, das Geschehen bei uns für unmöglich zu halten. Dazu kommen die aus Ressentiments gebastelten Erklärungsversuche, die es auch bei uns gibt, seien sie antisemitisch oder chauvinistisch (nur Einwanderer tun so was) oder umgekehrt marktradikal und darwinistisch (nur schwache Unternehmen fallen Heuschrecken zum Opfer).

Das Stück macht sich diese Positionen nicht zu eigen, aber es bietet sie dem Zuschauer an: als tückische Probe auf dessen eigene Verführbarkeit.

Weitere Termine: 23. und 29. April