Kaspar Hauser muss einen Doppelgänger gehabt haben. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass der in Isolationshaft gehaltene, einsame, stotternde Mensch, der 1828 in Nürnberg auftauchte, später Nachkommen zeugte und zum Stammvater einer deutschen Unternehmersippe wurde, Hauser-Thyssen-Krupp oder so. Genau das unterstellt aber die Dramatikerin Olga Bach, die Hauser in ihrem Schauspiel Kaspar Hauser und Söhne zum Paradebeispiel einer deutschen Krankheit hochschreiben möchte.

Am Schauspielhaus Basel treten uns lauter fettleibige Monster entgegen, die alle auf den Namen Kaspar hören. Ersonnen, konstruiert, eingekleidet hat sie der Regisseur Ersan Mondtag, das derzeitige Wunderkind des etablierten Theaterbetriebs. Mondtag selber hat gar nichts Monströses, im Gegenteil: Er ist zuvorkommend und smart, er kann fließend postmodern parlieren – einer dieser netten Theatersofties, wie sie jetzt überall am Tresen lehnen. Wenn man ihm eine Bühne zur Verfügung stellt, wird es allerdings ernst. An den Münchner Kammerspielen ließ er weißhaarige Mutanten gemeinsam mit einer schwangeren Beate Zschäpe über deutsche Schuld räsonieren, im Frankfurter Museum für Moderne Kunst verlegte er einen Bandwurm durch sämtliche Ausstellungsräume (oder war es ein Magen-Darm-Trakt?), weil Maria Callas sich einst mit einer Bandwurm-Diät in Form brachte – so geht sie im schlimmsten Fall, die "körperliche Selbstoptimierung". Und am Hamburger Schauspielhaus ließ er die Orestie von einem Chor seltsamer Tiere aufführen, die allerdings in einem Renaissance-Palast auftraten.

Das Prinzip ist immer gleich: Man kombiniere hergebrachtes Bildungsgut mit Elementen des Horrorfilms, und schon entsteht etwas verblüffend Neues – das Effekt macht, einer gedanklichen Prüfung aber nicht unbedingt standhält. In Basel werkeln sieben Generationen der Firma Hauser, vom Faschismus bis zur Gegenwart, am Fortkommen des Familienunternehmens, das Bilderrahmen herstellt – die deutsche Geschichte braucht offenbar eine Rahmung. Das Problem der Sippe ist aber zunächst kein politisches, sondern ein körperliches: Sämtliche Mitglieder des Klans leiden unter Adipositas. Missgestaltete Leiber schleppen sich über die Bühne, Schauspieler in Ganzkörper-Nacktkostümen – mit baumelnden Brüsten, aufgeblähten Bäuchen, Kaiserschnitt-Narben und schlingernden Penis-Attrappen. Da ist gut grunzen, zittern, glucksen, stottern und schmatzen – auch der Soundtrack spielt im Labor des Doktor-Mondtag-Frankenstein eine Hauptrolle.

Während 1968 bei Peter Handke der Kaspar noch mittels Sprach- und Denkmustern einer angepassten Gesellschaft gefoltert wurde, also zivilisatorisch und von außen, pflanzt sich bei Bach und Mondtag der Wahnsinn, der deutsche Terrorzusammenhang biologisch fort. Nicht nur Fettleibigkeit ist hier erblich, sondern auch die Sprachimpotenz. Über Generationen hinweg leidet Familie Hauser an der deutschen Unfähigkeit, sich zu verständigen, der Triebe Herr zu werden und das Tierische hinter sich zu lassen.

Das beginnt beim Ur-Kasper, pflanzt sich fort über einen weltkriegstraumatisierten Zitterer, der von seinem Sohn 1940 in einer "Reichsanstalt" entsorgt wird, geht weiter mit den schwächlichen und tyrannischen Söhnen der Wirtschaftswunderzeit und endet bei weiblichen Start-up-Kaspars, die jetzt Kaspi heißen und im Internet Ökospielzeug verscherbeln möchten. Ständig lästert man über Schwule und Ausländer, obgleich man natürlich selber schwul ist, ständig prügelt man, schreit oder sperrt jemanden in den Keller (der Eingang zum Souterrain ist eine Neon-Version des Lagertors von Auschwitz). Die Familiensaga spielt in einem popbunten, knarrenden Hexenhäuschen, dessen Fassaden aufgeklappt werden können wie beim Adventskalender, die körperbehinderten Kaspars aber vegetieren darin wie in einem Sarg.

Man muss nun völlig vernagelt sein, um in dieser Horrorgroteske, dieser vom Wahnsinn geküssten Puppenstube nicht auch Momente der Evidenz zu finden, nämlich dann, wenn die sich übereinanderwälzenden, girrenden, glucksenden Leiber tatsächlich ein familiäres Terrorsystem abbilden, das einem bekannt vorkommt. Die Frage ist aber, ob man mit den Mitteln des Splatterfilms auch der deutschen Geschichte beikommt – oder ob der Regisseur nicht lediglich ein Kuriositätenkabinett aus Versatzstücken zusammengestellt hat.

Überhaupt befindet man sich als Theaterzuschauer derzeit – immer wieder – in einer unbehaglichen Elternrolle, als würde man mal nachgucken, was die lieben Kleinen in ihrem hoch subventionierten Spielzimmer nun wieder angerichtet haben. So auch in Basel: Es ist zeitweise suggestiv und großartig, über lange Strecken aber auch öde und leer.

Das zeigt sich vor allem nach der Pause, als Mondtag den tragischen Trash, mit dem er Faschismus und Wirtschaftswunder erzählt hat, durch den Ringelpiez der Wiedervereinigung ersetzt: eine hübsche Kokser- und Sexparty. Schauspielerisch sind die Figuren nicht mehr als korpulente Beweisstücke deutscher Geistesschwäche; einzig Elias Eilinghoff spielt seine Kaspars nachhaltig erschreckend – als quengelnde, bedrohliche Kleinkinder.

Vier Stunden dauert der animalische Spuk. Und dann rezitiert der greise Michael Gempart Rilkes Knaben, und die wunderbaren Einsamkeitsgesänge von Paul Verlaine und Georg Trakl erzählen (zur Depressionsmusik von Max Andrzejewski) uns doch noch von den Leiden des Pauvre Gaspard, der nur ein Reiter werden wollte – und kein Unternehmer.