Krude, selten gespielte Werke von Paul Dukas, Sergej Prokofjew und Franz Schmidt stehen am Samstag, den 14. April, in der Berliner Philharmonie auf dem Programm, freier Verkauf, erhöhte Promi- und Touristendichte. Kirill Petrenko dirigiert, der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker ab 2019/20, und offenbar gehört der 46-Jährige nicht zu jenen Magiern seines Fachs, denen nachgesagt wird, sie könnten auch Hänschen klein dirigieren, und der Himmel täte sich auf. Einige Plätze im Saal jedenfalls bleiben mahnend leer, entgegen sonstigen Gepflogenheiten.

Wer jetzt denkt, Petrenko scheue den Vergleich mit der Tradition und setze daher absichtlich Entlegenes an, denkt gleichzeitig zu weit und nicht weit genug. Wer mutmaßt, er, der Opernmann, verfüge über kein gelerntes Konzertrepertoire, liegt gleichzeitig richtig und falsch. Und wer glaubt, dieser sein zweiter Auftritt (von raren dreien) in der Rolle des philharmonischen Kronprinzen sei als bloßes Vorgeplänkel zu verstehen von einem, der sich nicht in die Karten schauen lassen möchte, der irrt sowieso.

Das Gegenteil ist wahr: Petrenko lässt sich in die Karten schauen, ziemlich tief sogar. Und was da zu sehen ist, könnte alle das Fürchten lehren. Das Publikum, das Orchester – und "posthum" auch Simon Rattle, seinen Vorgänger. Rattle galt als Repertoirevielfraß (schon spricht man von ihm, der Ende Juni sein letztes Konzert geben wird, im Präteritum!), er dirigierte alles und nichts und baute die Philharmoniker zur medialen Weltmarke aus. Dahinter geht Petrenko gleich mehrere Schritte zurück. Auf Furtwängler will er sich beziehen (Chefdirigent von 1922 bis 1934 und von 1952 bis 1954), mehr klassische Moderne wagen, Komponisten wie Karl Amadeus Hartmann oder Hindemith neu ins Licht rücken – und so die eigenen Repertoirelücken mit den Desideraten der anderen auffüllen. Dass er, der keine Interviews gibt, dies im Pausengespräch der Dukas-Prokofjew-Schmidt-Übertragung in der hauseigenen Digital Concert Hall kundtat, wirkt paradox: ein Kanal für alle und alles? Und bloß keine Nachfragen?

In den meisten Konzerten sind die Stücke besser als ihre Interpretationen. Hier ist es umgekehrt. Weder Dukas’ raunend-klebrige Tondichtung La Péri noch Schmidts lindwurmverdächtige Vierte Sinfonie von 1934 (Bruckner! Strauss! Berg! Mahler!) können sich letztlich aus den Fängen der Zweitklassigkeit befreien. Genau die aber nutzt Petrenko, um die Philharmoniker auf sich einzuschwören. Musikalisch kann in beiden Fällen nichts passieren, umso akribischer lässt sich an Klangkultur, Präzision und Intensität feilen. Phänomenal virtuos gespielt und dirigiert ist das alles – und bleibt doch ebenso phänomenal leer. Ein Eindruck, den Yuja Wang mit Prokofjews schlagkräftigem Dritten Klavierkonzert vor der Pause noch unterstreicht. Hübsche Metapher: Zum Gehen scheinen sich die Sky-Heels, die sie trägt, kaum zu eignen. Golden aber sind sie und echt hoch. Trauen sich wenige, so etwas, auf dem Podium.