Bielefeld ist die sicherste Stadt Deutschlands, heißt es. Von oben, von der Sparrenburg aus betrachtet, sieht auch alles ordentlich verwaltet und sehr friedlich aus. Zwei gotische Kirchtürme und das Hochhaus der Telekom ragen aus einem spiralförmigen Gewirr geschäftiger Straßen. Am Horizont, wo noch Nebel aus den Tälern aufsteigt, franst die ostwestfälische Metropole ins offene Land aus.

Norbert Horst wäre ein hervorragender Fremdenführer. Er mag Bielefeld und denkt, es hätte einen besseren Ruf verdient. Er kennt es aus dem Effeff, auch fast alle 130 Prostituierten der Stadt. Horst ist einer von rund 150 Kriminalhauptkommissaren und 1.100 Polizeibeamten, die hier für Recht und Ordnung sorgen. Wenn man ihn so an der Brüstung stehen sieht, könnte man sich den fast 1,90 Meter großen athletischen Mann in Jeans, ausgelatschten Camel-Boots und wetterfester Strickjacke eher als Fußballtrainer vorstellen. Tatsächlich war er 20 Jahre lang Mittelstürmer im Verein, aber "mit langsamen 12 Sekunden auf 100 Meter" war er für eine Profikarriere nicht gut genug. Ein paar graue Strähnen in den dunkelblonden Locken und einige Falten in den Winkeln der grüngrauen, intensiv forschenden Augen lassen Lebenserfahrung erkennen. Man würde ihn auf Anfang fünfzig schätzen, tatsächlich ist er 61 und seit 43 Jahren Polizist.

1974 hat er sich als Alternative zur Bundeswehr bei der Polizei gemeldet. "Auch aus Abenteuerlust", erinnert er sich. Polizist war fast noch ein Lehrberuf, drei Jahre ging man auf Streife. "Damals hatte unsere Klientel noch Respekt. Typisch: eine Kneipenschlägerei in unserem Schutzbereich in Düsseldorf. Die prügelten sich mit Billardqueues, zehn Einbrecher, bluteten wie Sau. Als wir reinkamen, in Uniform, fasste uns keiner an. Das war klar. Heute ist das anders." Horst arbeitete in Mordkommissionen, stieg sieben Jahre als Wirtschaftsfahnder Anlageschwindlern und Kreditbetrügern nach. "Mit 35 war ich ein sehr kompletter Ermittler."

Der Tod hat ihm wenig ausgemacht. Den hatte er schon auf dem Dorf in der Nähe von Bad Oeynhausen kennengelernt, wo er aufgewachsen ist. Da wurden Schweine im Haus geschlachtet. Da wurden verstorbene Angehörige tagelang aufgebahrt. Erstaunlich: Das Ereignis, das ihm immer noch zusetzt, war keine "Leichensache". Nicht der Mann, der sich den Kopf weggeschossen hatte. Sondern ein Junge, dessen funkelnagelneues Fahrrad bei einem Unfall zu Klump gefahren worden war. Der kleine Kerl war am Boden zerstört. Er traute sich nicht nach Hause, wollte partout nicht seinem Vater den finanziellen Totalschaden melden. Der sich dann aber ganz vernünftig verhielt, als die Polizisten den Sohn heimbrachten.

Wir sitzen im gläsernen Anbau seines Einfamilienhauses in der Kleinstadt Bünde mit Norbert Horsts Frau Elke beim Essen. Sie arbeitet als Familientherapeutin und Coach. Macht sie sich Sorgen um ihren Mann, der jeden Tag auf der Straße in bedrohliche Situationen geraten kann? "Ehrlich, die halbstündige Fahrt nach Bielefeld mit dem Auto ist gefährlicher. Angst habe ich keine, und wir haben ein gutes Ritual: Abends setzen wir uns zusammen und sprechen alles durch, was wir erlebt haben." Norbert Horst: "Wirklich gefährlich sind unerwartete Situationen, aber auch für die sind wir trainiert. Am heikelsten sind Messerangriffe. Ist da einer in Rage, sticht er schneller, als du schießen kannst." Doch mit solchen Situationen werden eigentlich nur Spezialkräfte und Streifenbeamte konfrontiert. "Übrigens", setzt er hinzu, "die Streifenbeamten werden im Fernsehen meist falsch dargestellt. Im Tatort kommandiert der Kommissar die Uniformierten herum: ›Abführen!‹ Dabei sind sie es, die die meisten gefährlichen Situationen bestehen müssen. Ich habe größten Respekt vor ihnen, und tatsächlich sind sie uns laufbahnmäßig völlig gleichgestellt."

Apropos Laufbahn. Manchmal kommen Norbert Horst Zweifel, ob er eine richtige Entscheidung getroffen hat, als er 1995 auf eine ganz neue Stelle als Stress- und Kommunikationstrainer an der Landespolizeischule wechselte. Elf Jahre, mehr als zwei Fünf-Jahres-Törns, hat er den Kollegen geholfen, Deeskalationstechniken zu üben, gruppendynamische Konflikte zu entschärfen und mit traumatischen Erlebnissen klarzukommen, zum Beispiel nach einem tödlichen Schusswaffeneinsatz. "Da nützt es dir oft gar nichts, dass du rechtlich und taktisch korrekt gehandelt hast. Manche kommen da nicht drüber weg." Aber, so hat Horst von den begleitenden Traumapsychologen gelernt, "wenn wir eine Kultur haben, die mit den Schockierten sorgsam umgeht, in der eine Atmosphäre des Vertrauens besteht, in der auch mal geweint werden kann, ist das möglicherweise wertvoller als eine psychologische Hilfe, die irgendwann später kommt". Horst ist sich gewiss, dass die Stressbewältigungslehrgänge, die er mit aufgebaut hat, zu einer Veränderung der Kultur in der Polizei geführt haben – zumindest in Nordrhein-Westfalen. Aber als er von der Polizeischule nach Bielefeld zurückkehrte, zählten diese Jahre nicht, er startete in seinem alten Rang, zunächst in der Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2015 ist er im Kriminalkommissariat 22. Nach Jahren mit Pressetexten und Vorträgen hatte er sich erst mal für fünf Wochen dorthin gemeldet, wo das wahre Leben tobt, auf Streife. Beim zweiten Einsatz hatte er es schon mit einem besoffenen Messerstecher zu tun. Er lächelt zufrieden. Die Straße, das ist sein Beritt.

Er redet schnell, konzentriert, etwas nuschelig. An sein polizeiliches Abkürzungsvokabular muss sich der Laie erst einmal gewöhnen. Am Bahnhof Bielefeld beginnt die Rundreise durch Horsts Revier. Was von oben wie friedliches Stadtgebilde aussah, ist in der Wahrnehmung des Polizisten eine ordnungsamtlich geregelte Zone. Zum Beispiel ein Sperrgebiet. Das ist hier hinter dem Hauptbahnhof die mit Bäumen und Parktaschen aufgelockerte Allee, in der die Prostituierten anschaffen, wenn die Angestellten aus den umliegenden Bürohäusern Mittagspause machen. Wenige Hundert Meter weiter liegt die städtische Problemzone, die "Tüte". Am Rande eines Parks führt ein glasüberdachter Abgang in die U-Bahn. Daneben liegen warm verpackte Obdachlose, mit Hunden und Gepäck. Ein einschätzender Blick genügt. Das sind jetzt, am frühen Vormittag, die Alkis, die Junkies kommen in der Dämmerung. Ein Alki winkt herüber, der Kommissar winkt zurück. Man kennt sich.

Im Gewerbegebiet, nahe bei einem Pitstop, liegt das "Knusperhäuschen". Wir sind in einen Garagenhof eingebogen, der mit seinen grell in den Grundfarben bemalten Toren eher wie ein Kinderspielplatz aussieht. Ein schmaler Durchgang zwischen den Garagen ist nur Personen über 18 gestattet. Dahinter führt ein Plattenweg um eine Baumpflanzung herum an schmalen Ladenräumen vorbei. Die Rollläden vor den Schaufenstern sind meist noch heruntergezogen. Eine Frau hockt auf der Schwelle und gießt sich einen Nescafé auf. Ein paar Läden weiter grüßt eine andere, sehr hübsch, unaufdringlich geschminkt, mit einem transparenten Hemd superchic und erotisch bekleidet. Zur vollständigen Idylle fehlt nur die Minigolfanlage.