Wäre Sacramento in Deutschland, müsste es Bremerhaven oder vielleicht Emden heißen. Es würde am Meer liegen, über gleißendes Licht verfügen, eine mittelschlechte Hochschule vielleicht, bestenfalls ein Kino, aber richtiges Leben gäbe es dort nicht. Jedenfalls kein Leben, von dem man träumt, wenn man erwachsen wird, kurz vor dem Abitur steht und sich eine Zukunft voller Abenteuer und Chancen erhofft. In Momenten wie diesen will man aus Städten wie Sacramento oder Bremerhaven oder Emden einfach nur eins: schnellstmöglich raus.

Über diesen Fluchtreflex hat die 1983 in Sacramento geborene Greta Gerwig einen grandiosen Film gemacht. Er heißt Lady Bird und ist so herzzerreißend schön, dass man gar nicht anders kann, als immer wieder unverhofft mit den Tränen zu kämpfen, auch wenn diese Coming-of-Age-Geschichte so oder so ähnlich schon tausendfach erzählt worden ist. Denn da gibt es ein paar Details, die sich anders anfühlen: Das liegt vor allem an der Protagonistin. Der Film horcht tief hinein in einen Wendepunkt innerhalb der Adoleszenz der 17-jährigen Christine McPherson (Saoirse Ronan), die in Sacramento lebt und kurz vor dem Abschluss an einer orthodoxen katholischen Highschool steht. Sie ist ein typisches Kind der darbenden Mittelschicht: Tochter eines arbeitslosen Mathematikers und einer Krankenschwester, die sich gerade mal so über Wasser halten.

Christine, die den selbst gewählten Künstlernamen Lady Bird trägt, passt nicht so recht ins spießige Sacramento. Sie ist forsch, selbstbewusst und auf intuitive Weise emanzipiert. Sie hat lila Haare, ein Piercing in der Nase, eckt bei den Lehrern an und interessiert sich für so kuriose Dinge wie Theater. Ihr größter Traum: schnell die Provinz verlassen und an der Ostküste etwas mit Kunst studieren. Am besten in New York. Das Problem sind nicht nur die hohen Studiengebühren, die das Budget der Eltern übersteigen, sondern auch die innere Zerrissenheit, die mit dem Erwachsenwerden einhergeht: Lady Bird muss lernen, wie es ist, sich das erste Mal zu verlieben. Was es heißt, festzustellen, dass der erste Freund vielleicht schwul sein könnte. Wie schwierig es ist, sich als junge Frau in der amerikanischen Provinz durchzusetzen. Und wie viel Kraft und Lebensweisheit es kostet, das Gute vom Schlechten, den Schein vom Sein und vor allem die richtigen Freunde von den falschen zu trennen.

Der Film erzählt diese Universalgeschichte auf eine so erfrischend leichtfüßige und humorvolle Weise, dass alle Vorurteile über die ausgelutschten Grundmotive völlig in den Hintergrund geraten. Das Gegenteil ist der Fall: Aus dem Universalen zieht dieser Film seine individuelle Kraft. Das liegt vermutlich an dem tief sitzenden Eltern-Kind-Konflikt, der reichlich Identifikationsspielraum bietet und verschlossene Türen im Unterbewussten öffnet. Besonders das Verhältnis zur Mutter ist hier entscheidend: Marion (Laurie Metcalf) ist eine hart arbeitende Krankenschwester, dominant, herrisch und doch fürsorglich. Sie will nur das Beste für ihre Tochter. Aber zugleich ist sie unfähig, zwischen Mutterliebe, Fürsorgepflicht und Bevormundung zu unterscheiden. Das führt immer wieder zum Streit mit Lady Bird, zu konfliktreichen Trotz-Dialogen voller Abscheu, Weltschmerz und Liebe, die man in jener paradoxen Mischung aus Distanz und Zugewandtheit nur mit 17 empfinden kann.

Tiefpunkt einer späten Identitätskrise

Der Vater wiederum ist der weiche Part, die andere Seite der Medaille: ein schlauer Mathematiker, der sich der Mutter unterordnet, mit seiner sanftmütigen Art die Familie zusammenhält und dabei seine eigenen Depressionen verheimlicht. Wie sich herausstellt, liegt die Schwermut an dem Umstand, dass Larry (Tracy Letts) seinen Job verloren hat. Er sieht sich mit schmerzlichen Gefühlen konfrontiert: der drohenden Entmännlichung, dem Respektverlust der Tochter und dem Gefühl der Nutzlosigkeit. Zu allem Übel bewirbt sich Larrys Adoptivsohn Miguel (Jordan Rodrigues) auf denselben Job wie sein Vater. Es ist der Tiefpunkt einer späten Identitätskrise, die viel über die Probleme und Existenznöte der amerikanischen Mittelschicht verrät.

Der Film spielt 2003 und umfasst autobiografische Elemente von Greta Gerwig, die Regie geführt und die Dialoge geschrieben hat. Auch sie ist aus Sacramento nach New York gezogen, um sich zu emanzipieren. Es ist ihr erster eigenständiger Film, nachdem sie vor allem als Schauspielerin in Komödien ihres Lebensgefährten Noah Baumbach aufgetreten ist. Bei den Oscars ging Lady Bird – unter anderem nominiert als bester Film – zwar leer aus. Doch das wird dem Nachklang dieses Debüts keinen Abbruch tun.

Denn schon jetzt steht fest, dass Lady Bird einer der schönsten Filme des überstrapazierten Adoleszenz-Genres ist. Dafür sind drei weitere Hauptdarsteller verantwortlich: das Licht von Sacramento, die melancholische Filmmusik von Jon Brion und die authentische Liebe von Greta Gerwig, die in jeder Dialogzeile, jedem Streit und jeder Trotzreaktion zu spüren ist. Nach und nach baut sich ein Gefühl auf, das die Angst und teenagerhafte Unsicherheit von Lady Bird haushoch übertrumpft und das man vielleicht niemals mehr so stark spürt wie im jugendlichen Alter von 17. Das besagte Gefühl heißt Hoffnung.