Ein junger Politiker sitzt auf der Bühne. der Saal ist voll besetzt, die Veranstaltung heißt: Der Mann der Stunde. Kevin Kühnert arbeitet als Bundesvorsitzender der Jusos, er ist in seiner Partei der prominenteste Gegner der großen Koalition, und er sagt den für einen Mann der Stunde bemerkenswerten Satz: "Ich möchte nicht der nächste Wolfgang Bosbach werden, der in jeder politischen Talkshow sitzt, egal zu welchem Thema."

Ein Glück, dass er hier nicht in einer Talkshow im Fernsehen ist. Sondern bei der Langen Nacht der ZEIT.

Samstagabend in Hamburg, 23 Veranstaltungen, zwölf Orte, 10.000 Zuschauer. Auf den Bühnen: Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, Wirtschaftsbosse, ehemalige Fußballtrainer, Moderatoren, Fotografen. Natürlich nicht nur in der männlichen Variante. Auch Politikerinnen, Moderatorinnen, Schriftstellerinnen.

Darüber wurde häufig gesprochen: das Verhältnis von Männern und Frauen. Benjamin Lebert zum Beispiel, der Schriftsteller, hatte eine Bitte an seine Geschlechtsgenossen: "Ich würde mir wünschen, dass mehr Männer den Mut zur Schwäche aufbringen würden, weil es ein Protest gegen das Funktionierenmüssen ist." Ann-Marlene Henning, die Psychologin und Sexologin, formuliert eine ähnliche Botschaft: "Männer sind genauso empfindsam wie Frauen." Man muss sich nicht dauernd aufplustern, man darf Gefühle zeigen.

Wie es der Schauspieler Ulrich Matthes tut. Mit dem Theaterkritiker Peter Kümmel sprach er im Bucerius Kunst Forum über die Kunst des Darstellens und sagte: "Fremdschämen setzt Empathie voraus." Dann erzählte er, dass er zweimal im Jahr mit einer Politikerin essen gehe, um mit ihr über die Lage der Nation zu reden. Ihr Name: Angela Merkel.

Die Kanzlerin war nicht zur Langen Nacht der ZEIT gekommen. Dafür ein paar ihrer Kolleginnen und Kollegen: die Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen Serap Güler, die SPD-Politikerin Lale Akgün, die ehemalige Justizministerin Sabine Leuthheusser-Schnarrenberger und Robert Habeck, der neue Bundesvorsitzende der Grünen. Habeck sprach im Schauspielhaus mit ZEITmagazin-Chefredakteur Christoph Amend und ZEIT ONLINE-Chef Jochen Wegner. Fast drei Stunden lang.

"Ich bin kein Grundpazifist, aber mir fehlt die Strategie dahinter", sagte der Grüne über die jüngsten Bombardements der USA, Großbritanniens und Frankreichs in Syrien. Der Angriff sei hochriskant gewesen, wegen einer möglichen direkten Konfrontation mit Russland. Dass das Ganze geholfen habe, bezweifle er.

Habeck sprach sich dafür aus, die für die Situation in Syrien direkt Verantwortlichen, wie bestimmte Generäle, "persönlich in ihrem Luxusleben" zu belangen. Viele hätten ihr Vermögen in Europa angelegt, und die Frauen dieser Leute gingen in München shoppen. Es müsse doch möglich sein, das herauszufinden und zu sanktionieren. Ein Plädoyer für ein Grundmaß an Gerechtigkeit, das vom Publikum mit Applaus bedacht wurde.

Über einen der umstrittenen Akteure im Syrienkonflikt gab es einige Stunden zuvor schon eine aufrüttelnde Diskussion im Hapag-Lloyd-Gebäude. Machtspiele der Türkei hieß die Veranstaltung, und die Gäste hielten sich nicht mit Kritik am Präsidenten der Türkei zurück.

"Das System Erdoğan lebt von Zoff und Krawall. Man kann ihn sich als Schulhofschläger vorstellen", sagte der Politikwissenschaftler Burak Copur. Serap Güler erklärte, warum dieser Politiker trotz allem derart populär ist, auch außerhalb der Türkei. "Wenn ich Leute frage, die in Deutschland geboren wurden, warum sie Erdoğan toll finden, bekomme ich oft die gleiche Antwort: Wir sind wieder wer."

Auch die deutsche Politik: Stoff für packende Diskussionen. Kevin Kühnert beklagte gegenüber Redakteurin Caterina Lobenstein den Zustand der SPD: Wie seine Partei kommuniziere, erinnere ihn bisweilen an Beipackzettel von Medikamenten.

Kühnert besteht auf den Fakten, auch das lernte man an diesem Abend. So protestierte er, als Lobenstein von ihren Recherchen erzählte. Sie habe gesehen, wie er, Kühnert, in einen rosafarbenen Twingo gestiegen sei. "Nee", sagte Kühnert, "in den Fahrzeugpapieren steht: brombeerfarben!"

Ist die Zukunft seiner Partei wenigstens rosig? Kühnert wagte einen Ausblick: "Die SPD startet ihren vierten Erneuerungsprozess in den letzten 15 Jahren. Ob’s klappt, fragen Sie mich bei der nächsten Langen Nacht der ZEIT." Machen wir.