Nach dem Kino meint in Locarno vor dem Kino. Kaum hat man das in einer kleinen Seitengasse gelegene Ex*Rex verlassen, reiht man sich wieder in die Schlange ein. Und so weiter und so fort. Im Ex*Rex, abseits der Piazza Grande und ihrer riesigen Freiluft-Leinwand, scheint die Filmgeschichte zu wohnen. Das Kino ist Schauplatz der legendären Retrospektiven des Festivals am Lago Maggiore, Startpunkt für Expeditionen in die Tiefen und Untiefen der Filmgeschichte. Meist führen sie in Gefilde, Zonen, Territorien, deren Namen man höchstwahrscheinlich schon einmal gehört hat, deren genaue Bedeutung für das Kino jedoch noch weiter erkundet werden muss.

Immer wieder wurden die Retrospektiven in Locarno Regisseuren gewidmet, die das US-amerikanische Studiosystem als Autoren prägten: Sam Fuller und seinem Kino der zelebrierten Gewalt. Dem in Wien geborenen Otto Preminger, der quer durch die Genres die liberal-subversive Geisteshaltung Westeuropas nach Hollywood exportierte. George Cukor, dem feministischsten aller Studioregisseure, der die Schönheit und das Selbstbewusstsein der großen Diven gleichermaßen ins Scheinwerferlicht rückte.

Und nun Leo McCarey. Welche Spuren hat er hinterlassen? Tatsächlich dürfte der Name nur wenigen geläufig sein, es gibt nur eine Handvoll Monografien, sein Kino ist in der Filmwissenschaft eine Art blinder Fleck. Und das, obwohl der 1898 in Los Angeles geborene McCarey 36-mal für den Oscar nominiert wurde. 1938 nahm er ihn als bester Regisseur mit nach Hause: Für seine Screwballkomödie Die schreckliche Wahrheit, die aus dem Schauspieler Archibald Alexander Leach endgültig den Weltstar Cary Grant formte, ihm als weltmännischem, elegantem Anzugträger den letzten Schliff verlieh. Für Der Weg zum Glück um einen Pfarrer (Bing Crosby), der sich jugendlicher Delinquenten annimmt und für ein in wilder Ehe lebendes Paar ein Lied schreibt, gewann McCarey im Jahr 1945 sieben Oscars. Der Film wurde ein Kassenhit.

Er brachte Oliver Hardy und Stan Laurel zusammen

Beim Warten in der Ex*Rex-Schlange wird diesmal einiges zu bereden sein über McCarey, von dem sein französischer Kollege Jean Renoir sagte, er habe die Menschen besser verstanden als jeder andere Hollywood-Regisseur.

Stets entwickelte McCarey seine Komik radikal aus den Seelenfreuden und -nöten seiner Figuren. Er war der Regisseur, dem im Komödienfach das schier Unmögliche gelang: den Anarchismus und die Subversion der Marx Brothers ins absolut Absurde zu führen. In Die Marx Brothers im Krieg (1933) darf Groucho seine hintersinnige Großkotzerei als Staatschef des Operettenstaates Freedonia hemmungslos ausleben. Er zettelt einen Krieg gegen das übermächtige Sylvania an. Die Schlacht inszeniert McCarey als aberwitzigen Slapstick. Bomben fliegen durch das eine Fenster rein und durch das andere wieder raus. Groucho schießt auf die eigenen Mannen, und Harpo wird in einem Raum voller Dynamitstangen eingeschlossen, die eine nach der anderen losgehen. Es sind auch die handgemachten avantgardistischen Spezialeffekte, die diese Kriegssatire zu einer der einflussreichsten Komödien aller Zeiten machten. Etwa wenn Harpo anhand seiner Tätowierungen sein Leben erklärt: Als er Groucho das heimische Bauernhaus auf seinem Bauch zeigt, springt diesem ein echter Hund entgegen.

Unter Leo McCareys Regie wird Harpo in seiner hemmungslosen Zerstörungslust, der paradoxerweise gar nichts Böswilliges anhaftet, zum Seelenverwandten von Stan Laurel. Tatsächlich war es McCarey, der in den Hal-Roach-Studios das Duo Oliver Hardy und Stan Laurel zusammenbrachte, die Komik in der Konfrontation von Dick und Dünn entdeckte, von wichtigtuerischem Gehabe und naivem Gemüt, von Besserwisserei und Trotzreaktion.

In den Hal-Roach-Studios, die über mehrere Jahrzehnte hinweg die Welt mit allen Facetten des Komischen versorgten – mit Laurel & Hardy, Harold Lloyd, Charley Chase, Thelma Todd –, erlernte der zuvor als Rechtsanwalt, Minenbesitzer und Songwriter gescheiterte McCarey sein Metier. Zunächst als Gagschreiber, später als Regisseur und Vizepräsident der Hal-Roach-Studios. Schon in seinen ersten Regiearbeiten spürt man einen besonderen Sinn für das Dramatische in der Komik, für das Komische im Drama. Der Laurel & Hardy-Klassiker Die Sache mit der Hose (Liberty, 1929) lässt den Zuschauer vor Angst erstarren – dennoch muss man sich den Bauch vor Lachen halten. Auf einem Baugerüst in schwindelerregender Höhe muss das Duo zur rettenden Leiter balancieren, derweil den beiden ein Taschenkrebs, der sich in Ollies Hose verirrt hat, zu schaffen macht. Ein ums andere Mal verliert Ollie das Gleichgewicht und baumelt mit nur einer Hand am Stahlträger. Dann umfasst er mit der noch freien Hand seine eigene Pobacke und zieht sich mit eigentümlicher Eleganz wieder nach oben.

In seinen wenigen Interviews sagte Leo McCarey, dass er sich zu wenig als Regisseur ernster Filme wahrgenommen fühle. So hätte er seinen Oscar statt für Die schreckliche Wahrheit lieber für das im selben Jahr entstandene Drama Kein Platz für Eltern erhalten. Erzählt wird die Geschichte eines älteren Ehepaares, das sich während der großen Depression nicht mehr das gemeinsame Dach über dem Kopf leisten kann. Die beiden finden Unterschlupf bei ihren Kindern, doch nur getrennt. Wie in seinen Komödien umreißt McCarey eher die Situation, schafft einen Rahmen, in dem sich die Trauer und die Ohnmacht des sich immer noch liebenden Paares entfalten können. Dieser Film, der Yazujiro Ozu zu seinem Meisterwerk Tokyo Story inspirierte und über den Orson Welles sagte, dass er Steine zum Weinen bringe, bietet den Eheleuten aber auch Glücksmomente. Etwa in der Szene, in der sie ihre Liebe noch einmal feiern dürfen: Bei einem Ball sieht der Kapellmeister, dass die beiden bei einer temporeichen Nummer nicht mehr den Takt halten können. Er schenkt ihnen einen letzten langsamen Tanz. Man weiß wirklich nicht, ob man weinen oder lachen soll.

Die Retrospektive zu Leo McCarey findet im Rahmen des 71. Filmfestival von Locarno (1. – 11. August) statt.