Erst beklagte Jens Jessen, #MeToo habe zum Triumph eines "totalitären Feminismus" geführt. In der Woche darauf widersprach ihm Bernd Ulrich: Männer müssten sich neu definieren. Hier einige der Leserbriefe, die uns erreicht haben – repräsentativ ausgewählt und teilweise gekürzt.

Mehrere Tausend Jahre Patriarchat kulminieren in einem beispiellosen larmoyanten, selbstmitleidigen Pienzen im Angesicht des selbst heraufbeschworenen "totalitären Feminismus", nur weil ein paar Frauen es wagen, sich dagegen zu wehren, sich ständig mit blöder Anmache von Männern auseinandersetzen zu müssen? Mensch, Jens, so ein kleines, zartes fragiles Egoleinchen, und das, wo du es doch geschafft hast, einen Job bei der "Prawda" des deutschen Bildungsbürgertums zu bekommen? Mir kommen die (Lach-)Tränen.
Anja Nohlen, Neustadt/Weinstraße

Danke, Jens Jessen, für den hervorragenden und überfälligen Artikel. Sie sprechen vielen schweigenden Männern aus der Seele.
Stefan Kreutzer, per E-Mail

Sie haben den Eindruck, Männern werde begegnet, als seien sie von Geburt an schuldig. Willkommen im Club – uns Frauen geht das schon seit Adam und Eva so. Es findet gerade nur eine kleine "Schuldverteilungskorrektur" statt. Es wäre schön, wenn Sie diese Entwicklung wie ein Mann schweigend hinnehmen könnten. Ich will auf jeden Fall nichts über ihren gekränkten Narzissmus lesen und habe gerade mein Abonnement gekündigt.
Dr. med. Jutta Steinseifer-Szabo, per E-Mail

Ich finde nicht, dass Männer von Geburt an schuldig sind, weil sie dem falschen Geschlecht angehören. Und ich kenne auch keine Frau, die das findet. Ebenso kenne ich aber auch keinen Mann, der sich durch die aktuelle Debatte in diese Ecke gedrängt fühlt. Warum Sie das tun, Herr Jessen, wissen wohl nur Sie selbst (oder auch nicht – dann können Sie ja mal darüber nachdenken).
Christine Drawer, per E-Mail

Was Herr Jessen in Bezug auf die #MeToo-"Debatte" offen ausspricht, musste mal so gesagt werden, auch in dieser Zuspitzung und Übertreibung. Die "ideologische Totalität des neuen Feminismus" hat Kommunikation durch Kampfansagen ersetzt. Wir wähnten die Zeiten der Kollektivschuldvorwürfe überwunden und müssen nun einsehen, uns getäuscht zu haben.
Dr. Matthias Herkt, Gütersloh

Lieber Herr Jessen, Ihr Beitrag bringt es auf den Punkt. Ihm ist nichts hinzuzufügen. Sie haben genau den richtigen Tonfall getroffen. Es ist traurig, dass man solche deutlichen Kommentare wie Ihren und überhaupt differenzierte Beiträge in dieser Debatte mit der Lupe suchen muss. Und noch viel schlimmer ist, dass man sich derzeit nicht sicher sein kann, dass solche Beiträge überhaupt verstanden werden. Mir wird leider schon jetzt übel, wenn ich an mögliche Leserbriefe und journalistische Reaktionen denke.
Bettina Bock, per E-Mail

Jens Jessen lässt seine Wut raus – das erleichtert ihn sicher. Er schreckt nicht davor zurück, Feministinnen als neue Faschistinnen zu diffamieren. Was ist die Wut des gekränkten Autors im Vergleich mit der Wut der Frauen? Wie lange mussten Frauen mit ihrer Wut leben, um sie schließlich über Jahrzehnte zu Tatkraft und einem neuen Rollenentwurf umzuformen? Dass der Kampf entsprechend schwungvoll und auch nicht immer gerecht ausfällt, liegt im Wesen jedes Aufbegehrens. Das müssen die Männer jetzt aushalten – leider. Und es als Wachstumsschmerzen würdigen. Wir erleben im Verhältnis der Geschlechter eine menschheitsgeschichtliche Zäsur. Schön wäre, wenn aus der männlichen Wut darüber schließlich Verständnis, Einsicht, reife Trauer und Mut zu (Selbst-)Veränderungen wachsen. Sonst klingt doch alles sehr nach Entthronungsgeschrei. Jens Jessen kennt in seiner Redaktion sicherlich eine Vielzahl von Frauen, die ihm solidarisch und empathisch in den anstehenden Lernprozessen beistehen werden. Danke trotzdem für die interessante Lektüre, über die sich so wunderbar mit meinem Mann streiten ließ.
Gabriele Heise, per E-Mail

Für MICH spricht diese Jammergestalt Jens Jessen nicht!
Christoph Lötsch, Offenburg

Jens Jessen hat einen mutigen und in weiten Teilen zutreffenden Beitrag geschrieben. Allerdings bietet die aktuelle Diskussion auch Chancen für die Männer. Zu den Absurditäten der Sexismus-Debatte gehört es, dass über die rund fünf Jahre niedrigere Lebenserwartung von Männern bisher ebenso wenig diskutiert wird wie über deren deutlich höhere Suizidrate. Wenn Männer mehr als Frauen ihr Leben auf beruflichen Erfolg und Karriere ausrichten – sind dann wirklich die Frauen das benachteiligte Geschlecht?
Tilman Weigel, per E-Mail

Lieber Herr Jessen, das ist für mich eine Geisterdebatte. Die Realität zeigt sich auf den Plätzen unserer Städte, nachts in den Straßen, auf den Schulhöfen, in den Bahnhöfen, in den gerne negierten "No-go-Areas". Das abgedrehte Emanzengehabe, unter dem der Autor leidet, endet in der Realität vor der Faust eines Machos. Leider gilt das Gleiche genauso für feinsinnige Männer. In der großen Politik reüssieren die Trumps und die Putins. Die gewalttätigen islamistischen Warlords sind allgegenwärtig. Der Stärkere gewinnt, und die Diplomatie ist überall in der Defensive.
Christoph Link, Kiel

Herr Jessen, leben Sie mal in einer Gesellschaft, in der Ihnen aus höchstrichterlichem Munde mitgeteilt wird, dass Sie keinen Anspruch auf sprachliche Sichtbarkeit haben. In unserem Fall: Wir sind nicht Kundin, Mieterin ..., sondern Kunde, Mieter, Antragsteller, Nachbar ..., für Ärzte auch Patient mit Wehen im Kreißsaal ...Stellen Sie sich vor, Sie seien einfach nicht der Rede wert in dieser Gesellschaft!
Ruth Balden, München

Herr Jessen scheint einen Weg aus der unterstellten Hilflosigkeit der Männer im Rahmen der #MeToo-Debatte gefunden zu haben: sich über Generalisierungen zu beschweren und diesen wiederum mit Generalisierungen zu begegnen.
Isabel Ernst, per E-Mail

Dass Jessen Feministinnen mit Massenmördern vergleicht, ist gänzlich verfehlt und gradezu böswillig. Er entwertet und entmenschlicht Frauen und verharmlost zugleich die bolschewistischen Schauprozesse.
Thea Koehn, 17 Jahre, Icking

Noch nie war das Wissen über patriarchalische Unterdrückungsstrukturen und ihre deformierenden Auswirkungen auf Individuen, Beziehungen und Gesellschaften so groß wie heute, und nie zuvor wurde es derart umfassend öffentlich rezipiert und diskutiert wie heute. Ein wirklicher Fortschritt! Aber! Dass sie dadurch nicht einfach verschwinden, ist genauso bedauerlich wie selbstverständlich.

Dennoch ist es ein Schlag ins Gesicht eines jeden denkenden und mitfühlenden Menschen, wenn ein seriöses und leidlich liberales Medium wie die ZEIT einem in dieser konkreten Sache offenbar vollkommen unbedarften, aber an seiner Wutwelle erkennbar in patriarchalen Gewässern navigierenden gendertheoretischen Leichtmatrosen zwei ganze Seiten einräumt, um einen solch altbackenen Blödsinn zu verzapfen, den beachtlichen Wissenskanon einfach cool lächelnd zu ignorieren.
Dr. Gitta Mühlen Achs, per E-Mail

Da wir Erfahrungen mit dem totalitären System in der DDR hatten, können wir Jens Jessen nur zustimmen, was die Parallelen zum Bolschewismus angeht. Zum Glück gibt es mutige Autoren wie ihn, die gegen diesen Wahnsinn anschreiben. Was man als Frau gegen diese schrecklich übertriebene Strömung machen kann, die den wirklichen Zielen der Gleichberechtigung so enorm schadet? Dieser Brief ist ein erster Schritt.
Kristin Hofmann, Musikerin aus Potsdam; Dr. Matthias Hofmann, Physiker