Dass Facebook möglicherweise zu viel Macht hat, befürchten nicht nur Nutzer nach der Cambridge-Analytica-Affäre, sondern auch der deutsche Mittelstand. Zwei von drei deutschen Unternehmen machen sich Sorgen über eine "beunruhigende Monopolstellung" von Facebook und anderen technischen Riesen aus dem Silicon Valley. Das zeigt eine neue Studie der Commerzbank. Das Meinungsforschungsinstitut Kantar TNS befragte dafür über 2.000 deutsche Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 2,5 Millionen Euro. Die Gesamtstudie hat die Commerzbank diese Woche in Frankfurt vorgestellt, ein weiterer Teil der Auswertung liegt der ZEIT exklusiv vor: jener über Unternehmen aus dem sogenannten großen Mittelstand – 160 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über 100 Millionen Euro.

Einig sind sich die meisten Mittelständler, dass digitale Daten, die auch die Geschäftsgrundlage von Facebook, Google und Co. sind, immer wichtiger werden. Von allen befragten Unternehmen gaben über 60 Prozent an, dass die Zunahme digitaler Daten schon heute zentral ist oder es in Kürze sein wird. Kein einziges großes Unternehmen hielt digitale Daten für nicht relevant. Auch dass sich ihre Branchen dadurch grundlegend verändern werden, bestätigten die meisten befragten Unternehmen. Ein Bruchteil von lediglich einem Prozent (großer Mittelstand) beziehungsweise vier Prozent (Mittelstand gesamt) erwartete keinen Umbruch.

Die wenigsten ziehen einen Nutzen für ihr Geschäft

Der Mittelstand ist sich also durchaus der Veränderungen bewusst, die die Digitalisierung mit sich bringt. Und man könnte vermuten, dass die Unternehmer daraus Kapital schlagen wollen und aktiv geworden sind. Doch die Studie zeigt das Gegenteil: Obwohl bei der deutschen Wirtschaft angekommen ist, dass digitale Daten immer wichtiger werden, ziehen nur wenige Unternehmen daraus einen Nutzen für ihr Geschäft. Sie haben den Weckruf vernommen, dösen aber weiter vor sich hin.

Welche Bedeutung hat die generelle Zunahme digitaler Daten für die Unternehmen?

Quelle: Commerzbank: Unternehmerperspektiven 2018 © ZEIT-GRAFIK

Die meisten Unternehmen sammeln zwar mittlerweile Daten. Sie nutzen diese aber vor allem dafür, interne Prozesse zu verbessern: Etwas mehr als die Hälfte der mittelständischen Unternehmen gaben an, dank digitaler Daten besser planen zu können, ihre Ressourcen besser auszulasten und Entscheidungen treffsicherer zu fällen. Aber nur knapp ein Drittel der Unternehmen setzt digitale Daten ein, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – dabei wäre genau das wichtig, um mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten. Ebenfalls nur rund ein Drittel schafft es mit digitalen Daten, sein Sortiment schnell an die Nachfrage anzupassen. Und nur etwa jeder achte Mittelständler sammelt umfassend Daten über Kundenprofile und -zufriedenheit, um Angebote und Produkte individueller auf ihre Kunden abstimmen zu können.

Insgesamt sammelt jede fünfte Firma in allen untersuchten Bereichen im Vergleich zu den anderen überdurchschnittlich viele Daten. Aber auch von diesen ziehen viele für sich daraus keinen besonderen Nutzen, zeigt die Studie. Von den intensiven Datensammlern seien mehr als die Hälfte sogenannte Mass-Data-Sammler: Unternehmen, die aus den Daten einen unterdurchschnittlichen Nutzen ziehen. Nur acht Prozent aller untersuchten Unternehmen seien sogenannte Smart-Data-User, Unternehmen, die viele Daten erfassen und einen überdurchschnittlichen Nutzen daraus ziehen.

Diese Smart-Data-User zeigen, wie stark sich der Mittelstand in den kommenden Jahren verändern könnte, wenn sich auch die übrigen Firmen an den neuen Technologien orientierten. Im verarbeitenden Gewerbe ermöglichen die Daten knapp 80 Prozent der Smart-Data-User individuelle Fertigungen; rund 60 Prozent dieser Unternehmen vernetzen Maschinen miteinander. Und im Dienstleistungssektor gab jeder fünfte Smart-Data-User an, dass digitale und autonome Prozesse bereits menschliche Arbeit ersetzen.

Das Silicon Valley als Inspiration

Warum nur so wenig Mittelständler bislang umfassend Daten nutzen? Das liege am Datenschutz, aber auch schlicht daran, dass ihnen die Fähigkeiten fehlen: 40 Prozent der Befragten gaben an, dass die Mitarbeiter nicht ausreichend dafür qualifiziert seien. Einem Viertel fehlten externe Spezialisten, und knapp ein Drittel beklagt, die Führungskräfte würden den Wandel nicht mittragen. Ausschlaggebend ist auch, wer in den Unternehmen für die Datenanalyse zuständig ist. Nur in 41 Prozent der großen Unternehmen gibt es interne Spezialisten, die Daten abteilungsübergreifend analysieren, beim gesamten Mittelstand sind es mit 34 Prozent noch weniger. Nur etwa jedes achte befragte Unternehmen arbeitet mit externen Spezialisten. Und in jedem dritten ist allein die Geschäftsführung für digitale Daten zuständig – das kann hilfreich sein, damit sich neue Ideen und Technologien wirklich durchsetzen. Genauso kann es aber die Entwicklung hemmen, wenn die Digitalisierung nur nebenbei Thema ist.

Die internationale Konkurrenz aus dem Silicon Valley versetzt die deutschen Mittelständler übrigens nicht nur in Unruhe, die Unternehmen gewinnen den amerikanischen Konzernen auch Positives ab: Die Entwicklungen könnten eine Inspiration sein für eigene Prozesse, gaben immerhin 40 Prozent der großen Unternehmen an. Es könnte sich also bald einiges ändern im Geschäft des Mittelstands mit Big Data.