Warum nur werden die führenden Konzerne in der digitalen Welt fast automatisch immer noch stärker? Der Grund hat etwas Magisches, und im Prinzip ist er schon lange bekannt: der Netzwerkeffekt. Er lässt denjenigen, der schon die meisten Nutzer hat, für weitere Kunden besonders attraktiv werden. Er wirkt wie Doping im Wettbewerb.

Als in den siebziger Jahren die ersten Computernetze entstanden, wurde die Idee auch für Ökonomen interessant. Ein Beispiel dafür, dass der Effekt Monopole schafft, wurde der Software-Gigant Microsoft, der Ende des vergangenen Jahrhunderts den Markt für Programme auf Personal Computern beherrschte. Je mehr Menschen Microsoft auf ihren Rechnern nutzten, desto wertvoller wurde die Software auch für andere. Sie konnten untereinander leicht Botschaften und Texte austauschen.

Viel deutlicher noch zeigt sich der Effekt bei den Internetkonzernen der nächsten Generation, wie zum Beispiel bei Facebook. Je mehr Nutzer in dem sozialen Netzwerk unterwegs sind, desto attraktiver wird die Teilnahme für andere, die sich auch selbst darstellen, untereinander austauschen und alte und neue Freunde finden wollen. Das heißt allgemeiner gesagt: Wer als erster Anbieter eine kritische Masse erreicht, der genießt in einem solchen Markt einen nur schwer auslöschbaren Vorteil – einen Vorteil, der sogar immer noch wächst.

Mit mehr Nutzern kann Facebook auch mehr Werbegeld einnehmen. Und anders als beispielsweise bei einem Autobauer steigen die Kosten kaum. Ob wenige Nutzer oder eine Million – die Software ist unendlich kopierbar. Das sieht man schön an der Suchmaschine von Google: Der Algorithmus arbeitet für ein paar Nutzer genauso wie für eine Million. Und je mehr Menschen ihn nutzen, desto schneller lernt er, besser zu werden. Deshalb haben der Umsatz und danach auch der Gewinn so schnell zugenommen.

Gemessen an klassischen Industrien setzt das Internet also Gesetzmäßigkeiten außer Kraft, die einem einzelnen Unternehmen früher Grenzen setzten. So wird es zum Turbo für Monopolisten. Umgekehrt bedeutet das, dass in einem neuen Markt viele Firmen untergehen, nämlich alle, die sich keinen Startvorteil verschaffen.

In der ersten Welle der Internetfirmen sahen die allermeisten Anleger das nicht kommen. Sie ignorierten die negative Seite des Netzwerkeffekts und mussten dann erleben, wie die allermeisten Investments in sich zusammenfielen. Auf diese Weise entstand die "Dotcom-Blase", die dann im Jahr 2000 platzte.

Die Erklärung stammt vom bekannten Ökonomen und Netzwerkforscher Brian Arthur vom Santa Fe Institute in den USA. Auch er konnte nicht vorhersagen, wer einen bestimmten Markt für sich gewinnt. Allzu viele Zufälle sind da im Spiel. Aber das Muster konnte er erkennen.

Die Facebook-Kurve

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Weit vor Arthur hatte schon der MIT-Forscher und Computernetzpionier Robert Metcalfe erklärt, dass der Wert von Netzwerken nahezu explodiert, wenn die Zahl der Nutzer steigt. Mit jedem neuen Teilnehmer kommt eine wachsende Zahl an möglichen Verbindungen hinzu – er kann sich ja mit jedem schon vorhandenen Nutzer verknüpfen. Daraus entstand die Idee, dass der Wert in etwa im Quadrat mit der Nutzerzahl ansteigt, also mit wachsender Geschwindigkeit zulegt. So genau ließ sich die Faustformel lange nicht belegen. Aber die Wachstumsgeschwindigkeit zum Beispiel von Facebook ist enorm und entspricht, wie hier abgebildet, in etwa dieser zunächst sanft steigenden Kurve, deren Steigungswinkel dann beständig zunimmt. Wissenschaftlich haben chinesische Forscher das im Journal of Computer Science and Technology vor drei Jahren dargelegt – übrigens auch für die chinesische Internetplattform Tencent.

Anders gesagt: Das Wachstum schafft mehr Wachstum, die Ersten werden auch morgen die Ersten sein, nur mit größerem Abstand. Die Kosten steigen langsam, die Nutzerbasis aber verbreitert sich schnell, sodass die Gewinner ihren Markt am Ende größtenteils erobern.