Wie alle guten Rockbands haben auch Parquet Courts ein Herz für Traditionen. Obwohl ihre Wurzeln in Boston und Texas liegen, verstehen sich ihre bisherigen fünf Alben als komprimierte Version von 50 Jahren New Yorker Rockgeschichte. Wie eine Zip-Datei, die, einmal entpackt, alle relevanten Informationen zum Schmutzromantiker Lou Reed oder dem Pop-Intellektuellen David Byrne offenbart, zu Bands wie Television, Sonic Youth und The Strokes.

Folglich kann ein Song von Parquet Courts die verschiedensten Bilder ihrer Wahlheimat heraufbeschwören: verwahrloste Straßenzüge im Manhattan der sechziger und siebziger Jahre; Erinnerungen an den späteren Austausch zwischen Rockmusik und Kunsthochschulszene; Rückbesinnungen auf den scheinbar sorglosen Hedonismus, in den sich viele New Yorker Bands nach dem Schock von 9/11 flüchteten. Parquet Courts sind Zeitreisende mit wenig Zeit. Ihre besten Songs springen im halsbrecherischen Tempo von Epoche zu Epoche.

Gäbe es nur dieses Geschichtsbewusstsein in ihrer Musik, wären Parquet Courts ein reiner Retro-Act: zu spät gekommene Zugezogene, die an einem Puzzle herumdoktern, das andere längst vollendet haben. Es gibt jedoch noch eine zweite, ebenso traditionsreiche Kraft in ihrer Musik: die Skepsis und Beharrlichkeit echter Punks. Ihren Anfang nahmen Parquet Courts vor sieben Jahren mit eigenhändig hergestellten Kassetten und Konzertpostern. Bis heute gelten klare Regeln für ihr Vorgehen.

Was sie selbst machen kann, macht die Band selbst. Was sie nicht selbst machen kann, macht sie lieber gar nicht. Ein gesundes Misstrauen gegenüber den Funktionsweisen und Gaunereien des Musikgeschäfts trifft bei Parquet Courts auf einen unerschütterlichen Glauben an den Rock ’n’ Roll und seine Mythenschreibung. In diesem Spannungsfeld entfaltet ihr neues Album Wide Awake eine Wirkmacht, die man Männern mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und gelegentlichem Georgel gar nicht mehr zugetraut hatte.

Zunächst sticht hervor, wie wütend diese Platte ist und wie sehr Parquet Courts ihre Wut musikalisch verdichtet haben. Als Doppelspitze der Band beschränken sich die Songwriter Andrew Savage und Austin Brown an den E-Gitarren überwiegend auf Säge- und Abrissarbeiten. Ihre Instrumente kreiseln um sich selbst, durchtrennen die Songs in der Mitte und würgen jeden Versuch eines Soloausflugs sofort wieder ab. Savages jüngerer Bruder Max bolzt dazu ein weitgehend unvariiertes Funktionsschlagzeug durch das Album: Er spielt mit der Präzision und Formtreue des Mathematikstudenten, der er tagsüber ist. Melodiegespür und Leichtfüßigkeit bleiben deshalb Sean Yeaton überlassen. Der Bassist entpuppt sich mit weichem, vergnügtem Spiel als heimlicher Star von Wide Awake.

Diese Rollenverteilung der Instrumente ist ein alter Post-Punk-Trick: Sie weist zurück auf ein weiteres Kapitel, das Parquet Courts aus der Musikgeschichte ihrer Heimatstadt abgeschrieben haben. Auf Wide Awake kommen jedoch auch neue, zunehmend Rock-ferne New-York-Impulse hinzu. Einige Songs stehen im Zeichen des knochentrockenen Funks, mit dem James Brown im Oktober 1962 über das Apollo Theater in Harlem herfiel. Ersetzte man den Gesang von Savage und Brown durch Gastauftritte der legendären Hip-Hopper Wu-Tang Clan, könnte Wide Awake auch als Rap-Album nach alter Ostküsten-Prägung bestehen. Einerseits.

Andererseits: Ersetzte man den Gesang von Savage und Brown, würde man der Musik von Parquet Courts das Herz herausreißen. Vor allem Savage schwingt sich auf Wide Awake zu großer Form auf: Seine Texte verbinden die Energie eines guten alten Cholerikers mit der zielgerichteten Wut eines Fußballtrainers, der sein Team in der Halbzeitpause zusammenfalten und neu motivieren muss. Es geht um Großstadtfieber und Selbstmedikation, um Zynismus als einstige Waffe der Gegenkultur und heutigen Treibstoff von Weltmachtregierungen. Anders als so viele Rockbands vor ihnen verfallen Parquet Courts jedoch nicht in Weltverdrossenheit und Selbstironie. Wide Awake ist eine Platte der Lösungsvorschläge.

Das heutige New York erscheint auf dem Album als Ort der verstopften Bürgersteige und Straßen; als Stadt, deren Bevölkerung zwischen permanenter Bewegung und unbegrenzten Optionen in Schockstarre verfallen ist. Parquet Courts fragen nicht, welche Formen der Selbstverwirklichung den New Yorkern unter diesen Umständen noch bleiben. Sie schwören ein auf Kollektivismus und eine Rückkehr zur Szenenzugehörigkeit, auf alte Punk-Werte und ihre potenzielle Bedeutung für die Gegenwart. Hochtrabend ist das, vielleicht auch prätentiös. Doch der Band gelingt damit, was es angeblich gar nicht mehr gibt: relevante Rockmusik. Ein Album, das den Zeitgeist nicht nur bespiegeln, sondern auch verändern will.

Wie eine Umsetzung dieses Programms aussehen könnte, zeigt sich auf den Konzerten von Parquet Courts. Die Band agiert dort noch eine Spur manischer als auf ihren Platten. Savage und Brown singen weniger, als dass sie ihre Schimpftiraden herausbellen. Sie treten die Lieder in die Breite, unterbrechen sie plötzlich, schneiden Songs an einer Stelle des Konzerts ab und fügen sie an einer anderen wieder ein. Parquet Courts verbeißen sich in ein Riff oder einen Groove, steigern sich hinein in die Macht der Wiederholung, schweifen ab, kommen zurück zur Sache und schweifen vielleicht noch einmal ab. Veränderung ist bei ihren Liveshows kein hehres Ziel mehr. Sie findet längst zu jeder Sekunde statt.

Tourdaten: 4. 7. Berlin – Festsaal Kreuzberg, 5. 7. Hamburg – Molotow