Samstagmorgen im Supermarkt, lange Schlangen an den Kassen. Wochenendeinkauf. Auf dem Förderband: Leberwurst, Käse und Kartoffeln, Tomaten, Putenbrust, Limo und Tiefkühlpizza, Obst und Gemüse. Alles verpackt: in knisternden Tüten, in hauchdünnen Folien, bedruckten Bechern, feinen Netzen, in Tuben, Boxen, Flaschen. Im Einkaufswagen türmt sich Plastik.

Muss das sein? Wenn zu Hause alles ausgepackt, die Petersilie aus dem Plastikschälchen genommen ist, die Plastikhauben entfernt, die Bio-Kiwis und die Bio-Gurke von den Plastikfolien befreit sind und der neue gelbe Sack gleich wieder prall gefüllt ist – dann verliert diese Frage an Dringlichkeit. Schließlich steht ja "Recycling" auf dem Sack, der Inhalt ist also streng genommen gar kein Müll, er ist "Wertstoff".

Wo um Gottes willen kommt aber dann der ganze Plastikmüll her?

Rund 500.000 Tonnen Plastik hat Deutschland bis vor Kurzem nach China exportiert. Jedes Jahr. Meldungen über riesige Müllstrudel in Pazifik und Atlantik füllen die Medien. Umweltbehörden warnen vor ungezählten millimeterkleinen Mikroplastikteilchen in Seen und Flüssen. An der Nordsee verenden scharenweise Vögel, und das Meer spült tote Schweinswale ans Ufer, die sich in alten Fischernetzen verfangen haben. Plastik, das wissen die Forscher, dringt in immer neue Bereiche vor, schwebt mikroskopisch klein im Hausstaub, lagert sich auf Äckern ab und in Ozeanen. Mitunter kommt es im Fleur de Sel, dem teuren französischen Meersalz, wieder auf den Esstisch des Gourmets.

Und der Verbrauch von Kunststoff steigt in Deutschland an – von Jahr zu Jahr. Von 1994 bis heute hat sich die Menge des Plastikabfalls fast verdoppelt, knapp sechs Millionen Tonnen waren es 2015. Und es wird immer mehr. Weder das allgemeine Mülltrennen hat daran etwas geändert noch das Flaschenpfand. Auch dass manche Supermärkte keine Plastiktüten mehr anbieten, hat nichts gebracht. Im Gegenteil: Je perfekter unsere Abfallwirtschaft, desto größer das Problem mit dem Plastik. Wie ist das möglich?

Schnipsel in der Schlei

An einem Dienstag im März steht Thorsten Roos in seinem Lagezentrum. Kreisverwaltung Schleswig, Etage 4, Raum 39. Konferenztisch, ein paar Stühle, Schränke aus Pressspan. Roos’ Finger wandert über eine Karte. Die Ufer der Schlei, jenes Meeresarms im Norden Schleswig-Holsteins, sind darauf unterteilt in lauter kleine Quadrate, beschriftet, eingefärbt und mit Klebezetteln versehen. "B2 sieht schon ganz gut aus", sagt Roos, "aber auf A3 haben wir jetzt hohe Kontamination. Alles voller Plastik."

Über Monate hat ein Klärwerk der Schleswiger Stadtwerke den Meeresarm verschmutzt. In einem Faulturm sollten Speisereste vergären und so Wärme und Strom erzeugen. Der Zulieferer ReFood lieferte die Nahrungsabfälle. Doch irgendwann hatte das Unternehmen damit begonnen, nicht bloß die überfälligen Lebensmittel, sondern auch deren Verpackung klein zu häckseln und als Biomasse anzufahren. Eingeschweißte Salami, Gurken in Frischhaltefolie als Brei.

Alles ganz normal, verteidigt sich ReFood, aussortieren wäre zu aufwendig. Die Stadtwerke hingegen werfen dem Zulieferer Vertragsbruch vor. Und während das Landeskriminalamt in Kiel nun an der Schuldfrage herumermittelt, müssen die Schleswiger Bürger mit den Folgen leben: Plastikschnipsel, groß wie Daumennägel, übersäten wochenlang Teile des Schleiufers, als hätte ein Riese mit Konfetti geworfen. Die Kläranlage hatte den Kunststoff nicht herausgefiltert. So war er mit dem Abwasser in den Meeresarm gelangt.

Verpackungsmüll - Recycling will gelernt sein In Deutschland wird europaweit der meiste Plastikmüll produziert. Mit dem Recycling tun sich viele schwer. © Foto: ZEIT ONLINE