"Es war die schwierigste Zeit in meinem Leben", sagt Audrey Bertens. Vor sechs Jahren musste sich die Verwaltungsangestellte entscheiden: ein Kind mit Downsyndrom oder eine Abtreibung. Bertens, heute 44, und ihr Partner Bert Boven, 40, leben in einer Gemeinde in Flandern, 30 Autominuten nördlich von Brüssel. "Es war die schwierigste Zeit meines Lebens", betont Bertens noch einmal.

Ein Kind mit Trisomie 21 oder eine Abtreibung? Vor dieser Entscheidung stehen in Belgien seit dem 1. Juli 2017 immer mehr Paare. Seit diesem Tag kostet der Test, mit dem sich Trisomie 21 bei ungeborenen Kindern feststellen lässt, nur noch 8,68 Euro. Vorher waren es mehrere hundert Euro. Die Differenz übernimmt nun der belgische Staat. Jede Frau kann die Untersuchung vornehmen lassen. Es muss keine Risikoschwangerschaft mehr vorliegen.

Doch welche Konsequenzen hat es, wenn dieser Test so leicht verfügbar ist? Wird es irgendwann keine Menschen mit Trisomie 21 mehr geben? Wo fängt die Verantwortung der Gesellschaft an und wo hört sie auf?

Seitdem der Bluttest in Belgien 2015 auf den Markt gekommen ist, werden dort immer weniger Babys mit Trisomie 21 geboren.

95,5 Prozent der Mütter in Belgien entscheiden sich für einen Schwangerschaftsabbruch, wenn sie von einer Behinderung ihres Kindes erfahren. Das belegt eine Studie aus dem Jahr 2017.

"Seit dem 1. Juli 2017 analysieren wir fast dreimal mehr Tests als vorher", sagt der Humangenetiker Joris Vermeesch von der Katholischen Universität Leuven im Gespräch mit Christ&Welt. Er arbeitet in dem Labor, das die meisten NIPD-Bluttests in Belgien analysiert – etwa 500 bis 600 pro Woche. Daneben gibt es noch etwa 15 weitere Labore in Belgien, die die Tests auswerten.

NIPD steht für nichtinvasive Pränataldiagnostik. Durch die Untersuchung des Blutes der werdenden Mutter kann ab der neunten Schwangerschaftswoche erkannt werden, ob ein Risiko für eine Chromosomenanomalie wie die Trisomie 13, 18 oder 21 bei dem Ungeborenen vorliegt.

"Ich finde es gut, dass nun jede Frau den Test machen kann", sagt Hendrik Cammu. Der Gynäkologe ist Sprecher des belgischen Studienzentrums für Perinatale Epidemiologie (SPE) in Brüssel. Die Einrichtung befasst sich mit Themen rund um die Schwangerschaft und Geburt. "Jede Frau in Belgien will ein perfektes Baby", sagt er.

Doch wie divers kann eine Gesellschaft noch sein, wenn alle perfekt sind? Wie viel Verständnis für jemanden, der anders ist, kann sie noch aufbringen? Diese Fragen sind für Cammu zweitrangig. "Die Belgier sind pragmatisch. Wir machen uns nicht so viele Gedanken."