Wenn Ortsbezeichnungen mit bestimmten Sachen zu einem Label verschmelzen, kann Groß- und Einzigartiges entstehen: der Bamberger Reiter, das Wiener Kaffeehaus, die Weimarer Klassik. Ort und Sache hängen hier jeweils innerlich zusammen, sind zu etwas Einmaligem amalgamiert, eines ist ohne das andere und anderswo nicht denkbar. Der Bamberger Reiter nicht in Nürnberg, das Wiener Kaffeehaus nicht in Linz, die Weimarer Klassik nicht in Erfurt.

In anderen Fällen, in denen Orte und Sachen zu einem Label vereint sind, ist das anders: Dass das Wolfenbütteler Evangeliar Heinrichs des Löwen heute in der Herzog-August-Bibliothek untergebracht ist, folgt vor allem konservatorischen Handlungslogiken. Dass der Harzer Käse so heißt, ist historisch erklärbar, sagt aber über die heutige Herkunft des stinkigen Sauermilchprodukts, das dem Vernehmen nach im genannten Mittelgebirge nicht mehr produziert wird, nichts. Und über die Sylter Salatsoße schweigt des Skribenten Höflichkeit.

Im Falle der Heidelberger Disputation ist nicht ohne Weiteres klar, ob sie eher der Kategorie des Bamberger Reiters oder der des Harzer Käses zugehört. Gewiss – manche Heidelberger kämpfen sehr wacker für sie; denn im Grunde ist sie das einzige nennenswerte Ereignis, das diese älteste, ehrwürdige deutsche Universitätsstadt mit der Person Martin Luthers verbindet. Ihr prägendes religionskulturelles Profil erhielt die kurpfälzische Stadt aber nicht im Zeichen des lutherischen, sondern des reformierten Protestantismus. Insofern war die Heidelberger Disputation, die sich am 26. April 2018 zum 500. Mal jährt, für die weitere Geschichte der Stadt und der Kurpfalz ohne besondere Bedeutung. Wieder einmal war es die Person des Doktor Martinus, die, Michael Endes Scheinriesen Herrn Tur Tur ähnlich, aus etwas Kleinem etwas Übergroßes gemacht hat.

Mit der anstehenden Erinnerung an die Heidelberger Disputation, die man am Neckar natürlich nicht vergessen hat, hebt etwas an, was sensibleren Gemütern, die eben erst dem Reformationsmemorial-Marathon der letzten Jahre entronnen zu sein meinten, aufs Gemüt schlagen wird: ein schier unentrinnbarer Zyklus an erinnerungswürdigen Einzelereignissen vor 500 Jahren, die sich nun nach und nach wiederholen. Auf die nie stattgefundene "Wittenberger Disputation" über die 95 Thesen von 1517 und die Heidelberger Disputation von 1518 wird gewiss im kommenden Jahr die Erinnerung an die Leipziger Disputation aus dem Jahr 1519 folgen.

Und dann 1520: Hier jähren sich zum 500. Mal die Bannandrohung, die sogenannten reformatorischen Hauptschriften ("Von der Freiheit eines Christenmenschen", "Von den guten Werken", "Von der babylonischen Gefangenschaft", "An den christlichen Adel"), die Propagierung des allgemeinen Priestertums, die Verbrennung der Bulle und des kanonischen Rechts und anderes mehr. Na klar und 1521: Hier stehe ich – der Held vor Kaiser und Reich in Worms. 1522: Abschied von der Wartburg, Übersetzung des Neuen Testaments. 1524/1525 – Bauernkrieg. Und so weiter, und so weiter. Ausstellungen, Tagungen, Sammelbände, der Wahnsinn scheint unaufhaltsam!

Die Heidelberger Disputation eröffnet einen Reigen, und man fragt sich, ob man mittanzen soll. Was ist dran an ihr? Zunächst: Dass es keine Eisenacher, Magdeburger oder Erfurter, sondern eine Heidelberger Disputation wurde, hatte mit der betreffenden Stadt im Grunde nichts zu tun. Es waren immer andere Orte, an denen das Generalkapitel der Augustinereremiten, Luthers Orden, einmal im Jahr zusammentrat; 1518 war es eben die Neckarstadt. Wegen seiner Kritik am Ablass war Luther zu diesem Zeitpunkt innerhalb und außerhalb seines Ordens bereits ein bekannter Mann; als Ausdruck besonderer Wertschätzung gab ihm sein Lehrer Johann von Staupitz, der Ordensgeneral im Reich, bei der Zusammenkunft der Reformgesinnten seines Ordens in Heidelberg die Chance, Grundaussagen seiner Theologie zu "disputieren", das heißt in einer streng regelhaften akademischen Diskursform zu erörtern.

Die textliche und gedruckte Erstgestalt dieser Disputation ist – wie im Falle der 95 Thesen – nicht erhalten; ein späterer Frühdruck stammt aus den Niederlanden. Seit einem berühmten Buch des Erlanger Kirchenhistorikers Walther von Loewenich (1903–1992) mit dem Titel "Theologia crucis" – Kreuzestheologie – gilt der Inhalt der von Luther aufgestellten Thesen als bahnbrechend und die Disputation selbst als ein theologischer Meilenstein auf dem Weg zur Reformation.

Und in der Tat bot Luther in einigen mit Bibelworten und Kirchenväterzitaten begründeten Thesen radikale Zuspitzungen seines bisherigen theologischen Denkens. So formulierte er etwa eine Absage an den traditionellen metaphysischen Gottesbegriff des allgewaltigen Allesbewegers, die es in sich hat: "Nicht der heißt mit Recht ein Theologe, der Gottes unsichtbares Wesen durch seine Werke wahrnimmt und versteht, sondern der heißt mit Recht ein Theologe, der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als durch das Leiden und das Kreuz wahrnehmbar begreift."