Wir sind alle Afrikaner – Seite 1

Weniger Flüchtlinge ins Land lassen und die Heimat vor Überfremdung schützen – noch vor einigen Jahren galten solche Forderungen als "rechts". Heute sind sie in Amerika und Teilen Europas politischer Mainstream. Höchste Zeit, einen unpolitisch-wissenschaftlichen Blick auf Migration und Rassismus zu werfen.

Endlose Jahrtausende lang trottete Homo sapiens als Dauermigrant durch Forst und Flur, ein Jäger und Sammler ohne festen Wohnsitz. So unstet das Leben unserer nomadischen Vorfahren in räumlicher Hinsicht war, so übersichtlich war es in sozialer: Kaum eine Gruppe umfasste mehr als 100 Leute. Wenn Otto Normalwildbeuter morgens aufwachte, konnte er davon ausgehen, den ganzen Tag über bekannte Gesichter zu sehen. Und wenn sich auf der dünn besiedelten Erde doch Fremde über den Weg liefen, flogen oft die Faustkeile.

Man war sich fremd, weil es kaum Kulturtechniken gab, die über Familiengrenzen hinweg ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugen konnten. Deshalb, so der Harvard-Wissenschaftler Steven Pinker, war die Wahrscheinlichkeit, von anderen Menschen umgebracht zu werden, in der Zeit der Jäger und Sammler vieltausendfach höher als heute.

Der Biologe E. O. Wilson hat außerdem gezeigt, dass im Wettbewerb dieser Kleingruppen jene, deren Mitglieder besonders gut kooperierten, die sich gegenseitig halfen und füreinander sorgten, unsozialeren Horden tendenziell überlegen waren. So setzte sich nach und nach die Wir-gegen-die-anderen-Mentalität durch, die Fußballfans heute noch an jedem Wochenende großes Vergnügen bereitet, während sie andererseits in Ruanda Tutsi gegen Hutu, in Myanmar Buddhisten gegen Muslime, in Amerika Weiße gegen Schwarze aufbringen kann – und bei uns die Flüchtlingsdebatte vergiftet.

Ist Angst vor Fremden also gar kein sozialer Defekt, sondern ganz natürlich? Gibt es menschliche Rassen? Ist Migration gut oder schlecht? Und was passiert, wenn ein Land sich ernsthaft gegen Einwanderung abschottet? Dies sind die Grundfragen jeder Migrationsdebatte. Und die Wissenschaft hat eine ganze Menge Antworten.

Vor gut 10.000 Jahren erweitert der Mensch seinen sozialen Horizont und wird sesshaft. Landwirtschaft, Dörfer, Städte, Handel, all diese Entwicklungen sind möglich, wenn viel mehr als nur 100 Menschen kooperieren. Um größere Gruppen handlungsfähig zu machen, entwickelt sich aus gemeinsamer Sprache, aus Kulturtraditionen und Religionen ein gesellschaftlicher Kitt. Nun können Tausende ein gemeinsames Ziel verfolgen. Die unmittelbaren Nachbarn totzuschlagen ergibt keinen Sinn mehr, da sie nun zur eigenen Gemeinschaft gehören. Fremdenfeindlichkeit verschwindet aber nicht. Stattdessen wird sie politisch eingesetzt, etwa als Herrschaftsinstrument, mit dem sich Kriege anzetteln lassen, das Raub und Sklaverei rechtfertigt oder die eigene Überlegenheit behauptet.

Rassismus im heutigen Sinne entsteht aber erst viel später. Als sich Naturforscher im 17. und 18. Jahrhundert daranmachen, die Natur zu katalogisieren und klassifizieren, wird Homo sapiens zum Objekt seiner eigenen Neugier. Hätte die frühe Anthropologie sich darauf beschränkt, die Menschen anhand ihrer physischen Unterschiede zu beschreiben, wäre uns wohl viel erspart geblieben. Aber selbst die hellsten Köpfe jener Zeit haben einen Zusammenhang zwischen Aussehen und Charakter behauptet; der bis heute hoch verehrte Immanuel Kant schrieb etwa: "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften." Zeitgenossen wie Alexander von Humboldt hatten für solche Aussagen aber kein Verständnis. "Es gibt ja auch gar keine menschlichen Rassen", sagt Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. "Die Abweichungen im Erbgut zwischen menschlichen Populationen kennen keine scharfen Grenzen, es sind immer Gradienten."

Die Idee von menschlichen Rassen ist Unsinn

Krause ist einer der Experten auf dem Gebiet. Wenn Forscher wie er die menschliche Abstammungsgeschichte anhand von DNA-Analysen nacherzählen, stoßen sie auf eine geringe genetische Vielfalt. Vor allem bei Menschen außerhalb Afrikas. Sie ist geringer als bei anderen Säugetieren. Das bedeutet, dass alle Nichtafrikaner von wenigen gemeinsamen Vorfahren abstammen, die Afrika vor mindestens 50.000 Jahren verlassen haben. Dabei sind sie durch einen genetischen Flaschenhals gegangen. Das Ergebnis: Die mittlere genetische Übereinstimmung von zwei beliebigen Menschen auf dem Planeten liegt bei 99,8 Prozent. Und "was sich unterscheidet, ist ganz überwiegend auf individuelle Unterschiede innerhalb einer Population zurückzuführen. Die Unterschiede zwischen menschlichen Populationen sind sehr viel geringer", erklärt Johannes Krause. Deshalb ist die Idee von menschlichen Rassen Unsinn. Spätestens durch die Genetik ist jede Rassentheorie als Pseudowissenschaft entlarvt.

Das bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede zwischen geografisch voneinander getrennt lebenden Populationen gibt. Inuit haben sich durch Mutation an ihre fette Vollfleisch-Diät angepasst, Nepalesen an die dünne Luft im Himalaya, Nordeuropäer an die Sonnenarmut und den Milchkonsum. In der New York Times verweist der Harvard-Genetiker David Reich darauf, welche Auswirkungen die Herkunft auf die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten hat. Sein Buch Who We Are and How We Got Here ist der neueste Beitrag in der seit Jahrhunderten geführten Debatte.

Reich schreibt, dass beispielsweise Prostatakrebs sich etwa "1,7-mal häufiger bei selbstidentifizierten Afroamerikanern als bei selbstidentifizierten Euroamerikanern" entwickele. Er widerspricht mit solchen Daten der gängigen Lehrmeinung, alle Menschen seien sich genetisch ungewöhnlich ähnlich. "Die Vorfahren von Ostasiaten, Europäern, Westafrikanern und Australiern waren bis vor Kurzem und seit mindestens 40.000 Jahren fast völlig voneinander isoliert, mehr als genug Zeit für die Evolution, ihre Kräfte zu entfalten." Reich geht sogar noch einen Schritt weiter: "Weil alle von Genen beeinflussten Merkmale sich in unterschiedlichen Populationen unterscheiden, (...) müssen sich auch die genetischen Einflüsse auf Verhalten und Kognition unterscheiden." In diesem Satz steckt auf den ersten Blick Sprengstoff, weil er rassistischen Vorurteilen ("Juden sind intelligent, Afrikaner faul") Vorschub zu leisten scheint. Aber auch David Reich stellt fest: "Verglichen mit den enormen Unterschieden zwischen Individuen, sind die Unterschiede zwischen Populationen sehr gering." Der Biochemiker Krause bringt das auf den Punkt: "Genetisch betrachtet sind alle Menschen Afrikaner."

Krause ist einer der wenigen Experten auf der Welt, die DNA-Reste aus vielen Tausend Jahre alten Knochen isolieren und das Genom dann vollständig rekonstruieren können. Er streift sich weiße Stoffhandschuhe über und legt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle behutsam zwei Frauenschädel auf den Tisch. Beide gefunden in Deutschland. "Dieser ist etwa 8.000 Jahre alt und stammt aus der Kultur der Jäger und Sammler. Der andere ist ungefähr 7.000 Jahre alt und gehörte einer frühen Bäuerin." Krause und sein Team haben die DNA der Frauen analysiert und können nun sagen, wie die mit Mitte zwanzig Verstorbenen zu Lebzeiten aussahen: "Die Wildbeuterin, sozusagen eine Ur-Europäerin, war dunkelhäutig, wie heute Menschen in Afrika südlich der Sahara. Aber sie hatte blaue Augen. Wir haben ein Gen in ihr gefunden, das noch heute etwa 70 Prozent der Nordeuropäer in sich tragen und das für die blauen Augen verantwortlich ist." Zwar blicken nicht alle Träger dieses Gens blauäugig in die Welt, aber sie vererben es weiter. Die ein Jahrtausend später gestorbene Bäuerin hatte dagegen "braune Augen" und "eine deutlich hellere Haut". Sie gehört zu einer "aus Anatolien eingewanderten Bevölkerung" und trug ein Gen namens SLC24A5 in sich, das für den blassen Teint mitverantwortlich ist. "Diese helleren Zuwanderer haben sich mit den dunkleren Ur-Europäern vermischt."

Hautfarbe sei außerdem auch eine Anpassung an die Umweltbedingungen, also variabel, erklärt der Wissenschaftler. Wenn die Nachkommen der heute in Australien lebenden Weißen die Evolution nicht mithilfe von Sonnencremes und Hüten ausschalteten, würden sie, selektiert von Hautkrebs und anderen Umwelteinflüssen, immer dunkler werden. Einen Einfluss auf ihre Intelligenz hätte das nicht.

In Europa bereicherten nach den Anatolen noch Einwanderer aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres den Genpool. Und viele, viele andere. Jeder Mensch trägt die Geschichte aller seiner Vorfahren in seinem Gencode. Und weil die Mutationsrate relativ konstant ist, lässt sich die Migrationsgeschichte jedes Individuums nacherzählen. "Wir können also anhand der Zahl der Abweichungen zwischen einem heute lebenden Deutschen und beispielsweise einem Schwarzafrikaner ziemlich genau bestimmen, wann ihr letzter gemeinsamer Vorfahr gelebt hat."

Migration hat die demokratische Idee verbreitet

Der Autor dieses Textes hat sein Erbgut analysieren lassen. Ergebnis: 34 Prozent nordwesteuropäisch, 20 Prozent skandinavisch, 20 Prozent französisch-deutsch, 10 Prozent britisch-irisch, dann noch ein paar Einsprengsel aus Finnland, vom Balkan, aus Südeuropa sowie ein paar aus jüdischer Abstammung. "Sie sind ein durchschnittlicher Europäer", sagt Krause lapidar. "Wir sind alle ein genetisches Potpourri unterschiedlicher europäischer Populationen." So ähnlich dürfte es auch in Cem Özdemir (türkische Eltern) oder Alexander Gauland (deutsche Eltern) aussehen. Auch Letzterer hat, wie alle Mitteleuropäer, Vorfahren, die vor einigen Hundert Generationen in Anatolien lebten. Also dort, wohin er die ehemalige Bundes-Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz gerne "entsorgen" möchte. Biologisch unterscheidet sich der Migrationshintergrund Gaulands kaum von dem von Aydan Özoğuz. Womöglich waren seine und ihre Vorfahren in Anatolien Nachbarn. Seine Gene sind einfach etwas früher nach Westen gezogen als ihre. Jetzt sind diese DNA-Sets wieder Nachbarn.

Zu- und Abwanderer hat es immer gegeben, sie haben die menschliche Zivilisation vorangetrieben, weil sie neue Kulturtechniken verbreiteten. Nicht jeder Höhlenmensch musste den Faustkeil selbst erfinden, nicht jeder Ackerbauer den Pflug. Sie haben sich das bei anderen abgeguckt. Und der immer intensiver werdende Handel hat den Know-how-Transfer beschleunigt. Genauso wie die Arbeitsmigration infolge von Fachkräftemangel, den es schon beim Bau von Stonehenge vor 4.300 Jahren gab. So wie wir heute IT-Experten aus Indien anzulocken versuchen, warben die Ur-Briten damals Metallurgen aus der Alpenregion an. Durch solche Einwanderer verbreiten sich neue Ideen und Fertigkeiten in der Welt. Durch Migration ist das Christentum vom Nahen Osten aus zu uns gekommen; Migration hat die demokratische Idee verbreitet, Tomaten, Bohnen und Schwarzpulver nach Europa gebracht, Döner, Gyros, Pizza und Pommes nach Deutschland. Migration ist eine gute Sache. Einerseits.

Ihre dunkle Seite zeigt sich an der Atlantikküste von Ghana. Aus der Cape-Coast-Festung führt ein hölzernes Tor direkt auf den Hafenkai. Es hat als "Tor ohne Wiederkehr" traurige Berühmtheit erlangt. Wer dort hindurchmusste, war verloren. Durch dieses Tor wurden über 300 Jahre lang Schwarzafrikaner auf Sklavenschiffe getrieben. Die Festung war vom 16. bis ins 19. Jahrhundert ein wichtiger Stützpunkt des Menschenhandels. Auf mehr als 36.000 Transatlantikfahrten wurden mindestens 12 Millionen Afrikaner nach Amerika verschifft. Es war die bis dahin größte Zwangsmigration in der Menschheitsgeschichte. Manche Experten schätzen die Zahl der Verschleppten eher auf 20 Millionen – wobei die Toten nicht gezählt werden. Sie wurden einfach ins Meer geworfen.

Zwangsmigration als Folge von Krieg und Unterdrückung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Die ägyptischen Pharaonen verpflanzten ganze Ethnien, die römischen Kaiser brachten Hunderttausende Sklaven nach Rom – bis die Völkerwanderung ihr eigenes Reich zerstörte. Im Zweiten Weltkrieg flohen Millionen Europäer vor Krieg und Gewalt oder wurden vertrieben. Heute kommen viele Migranten aus Unrechtsstaaten im Nahen Osten und Afrika. Je nachdem, wo Umweltkatastrophen, Kriege oder Gewaltherrscher gerade wüten, verschieben sich die Wege der Migration. Aber es kann jeden treffen. Jederzeit. Und so gesehen ist Migration etwas Schlechtes.

Sakoku bedeutet auf Deutsch so viel wie "Landesabschließung". Etwa 220 Jahre war das offizielle Politik in Japan, niemand durfte während dieser Zeit herein oder hinaus. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts erzwangen die USA die Öffnung. "Fast alles, was wir typisch japanisch nennen, stammt aus der Sakoku-Zeit", sagt der Historiker Hiroaki Ichikawa. Er ist ein stiller Mann, der im Edo-Tokyo-Museum historische Bildrollen erforscht, die von der Sakoku-Zeit erzählen. "Und es war auch eine lange Zeit des Friedens", fügt er ein wenig stolz hinzu. War Sakoku also eine gute Sache? "Einerseits. Andererseits hat die erzwungene Selbstbezogenheit das Land erstarren lassen. Die gesellschaftliche, technische und wirtschaftliche Entwicklung kam zum Erliegen." Im Jahr 1853 genügten dem amerikanischen Kapitän Matthew Calbraith Perry vier Schiffe, um die stolze Gesellschaft der Shogune und Samurais wie ein Kartenhaus einstürzen zu lassen. Das rückständige Japan hatte weder die militärische noch die gesellschaftliche Kraft, sich zu wehren. Sakoku hatte es schwach gemacht.

Ohne Migration geht es also nicht. Migration kann aber auch das Ende ganzer Kulturen herbeiführen. Genetisch sind wir alle Afrikaner – es gibt keine Rassen, aber biologisch sehr unterschiedliche Menschen. Historisch war Fremdenfeindlichkeit mal lebenserhaltend, mal lebenszerstörend. Die Wissenschaft kann der aktuellen Flüchtlingsdebatte viele Impulse geben, sie kann Migration erklären und biologisch nachweisen. Sie entlarvt scheinbare Gewissheiten als Vorurteile und simple Lösungsvorschläge als Blendwerk. Aber wie wir Menschen in Not helfen und wie wir mit denen umgehen sollen, die Hilfsbereitschaft missbrauchen, kann sie allein uns nicht sagen. Denn das ist eine Frage der Werte, nach denen wir leben.

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