Krause ist einer der Experten auf dem Gebiet. Wenn Forscher wie er die menschliche Abstammungsgeschichte anhand von DNA-Analysen nacherzählen, stoßen sie auf eine geringe genetische Vielfalt. Vor allem bei Menschen außerhalb Afrikas. Sie ist geringer als bei anderen Säugetieren. Das bedeutet, dass alle Nichtafrikaner von wenigen gemeinsamen Vorfahren abstammen, die Afrika vor mindestens 50.000 Jahren verlassen haben. Dabei sind sie durch einen genetischen Flaschenhals gegangen. Das Ergebnis: Die mittlere genetische Übereinstimmung von zwei beliebigen Menschen auf dem Planeten liegt bei 99,8 Prozent. Und "was sich unterscheidet, ist ganz überwiegend auf individuelle Unterschiede innerhalb einer Population zurückzuführen. Die Unterschiede zwischen menschlichen Populationen sind sehr viel geringer", erklärt Johannes Krause. Deshalb ist die Idee von menschlichen Rassen Unsinn. Spätestens durch die Genetik ist jede Rassentheorie als Pseudowissenschaft entlarvt.

Das bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede zwischen geografisch voneinander getrennt lebenden Populationen gibt. Inuit haben sich durch Mutation an ihre fette Vollfleisch-Diät angepasst, Nepalesen an die dünne Luft im Himalaya, Nordeuropäer an die Sonnenarmut und den Milchkonsum. In der New York Times verweist der Harvard-Genetiker David Reich darauf, welche Auswirkungen die Herkunft auf die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten hat. Sein Buch Who We Are and How We Got Here ist der neueste Beitrag in der seit Jahrhunderten geführten Debatte.

Reich schreibt, dass beispielsweise Prostatakrebs sich etwa "1,7-mal häufiger bei selbstidentifizierten Afroamerikanern als bei selbstidentifizierten Euroamerikanern" entwickele. Er widerspricht mit solchen Daten der gängigen Lehrmeinung, alle Menschen seien sich genetisch ungewöhnlich ähnlich. "Die Vorfahren von Ostasiaten, Europäern, Westafrikanern und Australiern waren bis vor Kurzem und seit mindestens 40.000 Jahren fast völlig voneinander isoliert, mehr als genug Zeit für die Evolution, ihre Kräfte zu entfalten." Reich geht sogar noch einen Schritt weiter: "Weil alle von Genen beeinflussten Merkmale sich in unterschiedlichen Populationen unterscheiden, (...) müssen sich auch die genetischen Einflüsse auf Verhalten und Kognition unterscheiden." In diesem Satz steckt auf den ersten Blick Sprengstoff, weil er rassistischen Vorurteilen ("Juden sind intelligent, Afrikaner faul") Vorschub zu leisten scheint. Aber auch David Reich stellt fest: "Verglichen mit den enormen Unterschieden zwischen Individuen, sind die Unterschiede zwischen Populationen sehr gering." Der Biochemiker Krause bringt das auf den Punkt: "Genetisch betrachtet sind alle Menschen Afrikaner."

Krause ist einer der wenigen Experten auf der Welt, die DNA-Reste aus vielen Tausend Jahre alten Knochen isolieren und das Genom dann vollständig rekonstruieren können. Er streift sich weiße Stoffhandschuhe über und legt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle behutsam zwei Frauenschädel auf den Tisch. Beide gefunden in Deutschland. "Dieser ist etwa 8.000 Jahre alt und stammt aus der Kultur der Jäger und Sammler. Der andere ist ungefähr 7.000 Jahre alt und gehörte einer frühen Bäuerin." Krause und sein Team haben die DNA der Frauen analysiert und können nun sagen, wie die mit Mitte zwanzig Verstorbenen zu Lebzeiten aussahen: "Die Wildbeuterin, sozusagen eine Ur-Europäerin, war dunkelhäutig, wie heute Menschen in Afrika südlich der Sahara. Aber sie hatte blaue Augen. Wir haben ein Gen in ihr gefunden, das noch heute etwa 70 Prozent der Nordeuropäer in sich tragen und das für die blauen Augen verantwortlich ist." Zwar blicken nicht alle Träger dieses Gens blauäugig in die Welt, aber sie vererben es weiter. Die ein Jahrtausend später gestorbene Bäuerin hatte dagegen "braune Augen" und "eine deutlich hellere Haut". Sie gehört zu einer "aus Anatolien eingewanderten Bevölkerung" und trug ein Gen namens SLC24A5 in sich, das für den blassen Teint mitverantwortlich ist. "Diese helleren Zuwanderer haben sich mit den dunkleren Ur-Europäern vermischt."

Hautfarbe sei außerdem auch eine Anpassung an die Umweltbedingungen, also variabel, erklärt der Wissenschaftler. Wenn die Nachkommen der heute in Australien lebenden Weißen die Evolution nicht mithilfe von Sonnencremes und Hüten ausschalteten, würden sie, selektiert von Hautkrebs und anderen Umwelteinflüssen, immer dunkler werden. Einen Einfluss auf ihre Intelligenz hätte das nicht.

In Europa bereicherten nach den Anatolen noch Einwanderer aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres den Genpool. Und viele, viele andere. Jeder Mensch trägt die Geschichte aller seiner Vorfahren in seinem Gencode. Und weil die Mutationsrate relativ konstant ist, lässt sich die Migrationsgeschichte jedes Individuums nacherzählen. "Wir können also anhand der Zahl der Abweichungen zwischen einem heute lebenden Deutschen und beispielsweise einem Schwarzafrikaner ziemlich genau bestimmen, wann ihr letzter gemeinsamer Vorfahr gelebt hat."